Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 835 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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w**' r Nr. 50. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite 835. Damen, die Jugend und viele Ehrengäste füllten den Saal. Der Präsident, Herr Gustav Tuch, begrüßte die zahlreiche Gesellschaft, hob die Bedeutung des Abends für alle in beredten Worten hervor und erteilte Herrn Prediger Dr. Leimdörser das Wort zu einem Vortrag über das angekündigte Thema: „Religion und Wissenschaft". An der Hand der alten und neuen Forschung bewies Redner, daß wahre Wissenschaft weit entfernt sei, eine Feindin der Religion zu sein, sie vielmehr stütze und fördere. Der ausgezeichnete Vortrag machte auf die zahlreiche Versammlung einen tiefen Eindruck. Aus Oberhessen wird dem B. T. berichtet: Die zwölfjährige Tochter des als Führer der Antisemiten in Hochmeisel bekannten Bürgermeisters Werner fiel vor einiger Zeit in den dortigen Weiher (nach anderer Lesart war das Kind absichtlich ins Wasser gegangen). Der zufällig vorbeikommende jüdische Handelsmann S. Scheuer rettete das Mädchen vom Tode. Der Dank des antisemitischen Bürgermeisters steht noch aus; vielleicht erhält der Retter von Staatswegen die gebührende Anerkennung. chß Gießen, 6. Dezember. (Rabbinerwahl.) Infolge Pensionierung des greisen Dr. Levi ist die Rabbinerstelle in unserer Gemeinde, verbunden mit dem Amte eines Provinzialrabbiners für Oberhessen, vakant geworden. Von orthodoxer Seite, besonders von den Landgemeinden, wurde bei der Regierung petitioniert, entweder einen Rabbiner streng orthodoxer Observanz oder zwei anzustellen, einen orthodoxen und einen liberalen. Da die hiesige Hauptgemeinde gegen die Anstellung eines orthodoxen Rabbiners remonstrierte, hat die Regierung beschlossen, zwei Rabbiner anzustellen, einen gemäßigt liberalen und einen strenggläubiger Richtung. Das Ansangsgehalt beträgt je 2400 Mark, wobei die hiesige israelitische Religionsgemeinde für den gemäßigt-liberalen Rabbiner eventuell noch eine sofortige Zulage von 800—1000 Mark in Aussicht gestellt hat. Bewerbungen sind bis Ende 1896 bei der „Großherzoglichen Provinzial-Direktion Oberhessen" hierselbst einzureichen. Gröbzig, 6. Dezember. (Das Jubiläum) des hundertjährigen Bestehens der hiesigen Synagoge fand am 29. v. M. unter reger Teilnahme der hiesigen jüdischen Gemeinde und zahlreicher Mitglieder der Nachbargemeinden, nach dem ausgestellten Programm statt. Zu dem Nachmittag 4 Uhr in der Synagoge abgehaltenen Festgottesdienst, bei welchem Landesrabbiner Dr. Freudenthal aus Dessau die Festpredigt hielt, waren auch neben den Gemeindemitgliedern viele Bürger hiesiger Stadt erschienen. U. Wien, 6. Dezember. (Die Vorstandswahl. — Ein Ausspruch des Erzherzogs Rainer.) Das Resultat der am 22. v. M. vollzogenen Vorstandswahl habe ich Ihnen mitgeteilt. Von den Gewählten gehören fast 34 dem früheren Vorstande an, etwa 14 besteht aus „neuen Männern." Sehen wir uns die Wahl etwas genauer an. Unsere Gemeinde zählt rund 12,000 Steuerträger. Von diesen haben nur etwa 3000, mithin ein Viertel der Wähler ihre Wahlzettel in die Urne geworfen, und sind den nunmehr Gewählten rund je 2500 zugewendet worden. Nicht einmal der enragierteste Anhänger des früheren Vorstandes wird behaupten wollen, daß darin ein Vertrauensvotum für den alten Vorstand enthalten sei. Andererseits fällt es schwer, darin den Ausdruck der Unzufriedenheit zu finden, weil es dann unbegreiflich wäre, warum die Gelegenheit nicht benützt wurde, um andere Männer in den Vorstand zu wählen. Man kann keinen anderen Schluß ziehen, als daß das Gros der Wählerschaft apathisch geworden ist — ein niederschmetterndes Urteil für die in der Gemeinde herrschenden Verhältnisse! Eine solche Apathie kommt der Resignation derer gleich, die vermeinen, nichts gewinnen und nichts verlieren zu können und alles über sich ergehen lassen, mag da kommen, was da wolle. Gegen diesen Zustand anzukämpfen, wird nun die Aufgabe aller sein, die noch immer die kultuellen und administrativen Angelegenheiten der Gemeinde nicht für verloren erachten! — Ein Ausspruch des Erzherzogs Rainer findet viel Beachtung. Der Erzherzog wohnte dieser Tage der Eröffnung einer Weihnachtsausstellung im österreichischen Museum bei und machte einen Rundgang durch die Ausstellung. Als ein Herr der Begleitung die Bemerkung machte, daß teure Kunstobjekte von Jahr zu Jahr schwerer verkäuflich würden, antwortete der Erzherzog: „Ja, ja, besonders jetzt, wo der Antisemitismus so besteht, ziehen sich die reichen Leute immer mehr zurück.,, Kutteplan (Böhmen), 7. Dezember. (Graf Cajetan). In einer früheren Nr. brachten Sie eine Korrespondenz, nach welcher der jüngst verstorbene Graf Ernst Berchem eine Rabbinatsstiftung kreierte. Das ist unrichtig. Diese Stiftung rührt vom Vater des Verstorbenen, Graf Cajetan her, wohingegen Graf Ernst sich seinerzeit, wenngleich erfolglos, bemühte, diese Testamentbestimmung umzustoßen. Gras Cajetan war ein wahrer Judenfreund. Im hiesigen Tempel waren für ihn und seine Gemahlin Sitze hergerichtet, die das Paar bei jeder Predigt benützte. Wenn nun der Prediger seine Gemeinde recht scharf moralisierte, wurde er besonders vom Grafen belobt, ja beschenkt. Die edle Gräfin hatte eine Handarbeitschule für Mädchen errichtet. Am 7. August jedes Jahres wurde für die Kinder ein Fest veranstaltet und daranf geachtet, daß die jüdischen Mädchen nicht Trefa zu essen bekamen. O Lemberg, 6. Dezember. (In des Königs Rock). In dem hier erscheinenden Prezeglod findet sich nachstehende Notiz: Zu dem hier garnisonierenden 15. Infanterieregimente wurde unlängst der Israelit Mayer Kuj assentiert. Da dieser — ein gewesener Chederlehrer eines galizischen Provinzstädtchens — der polnischen Sprache nicht mächtig war, verstand er nicht die Regimentssprache. Er wurde der Simulation verdächtigt und seine Vorgesetzten bestraften ihn auf schreckliche Weise, indem er auf eine gewisse Zeit „unter den Armen aufgehängt" wurde, und da er infolge der erlittenen Qualen ohnmächtig wurde, wurde er nach einer Zeit vom Stricke losgelöst und ihm 10 Peitschenhiebe verabreicht. In Befürchtung weiterer solcher Strafen, verübte dieser gequälte Soldat einen Selbstmord, indem er sich zwei Bajonettstiche gegen den Bauch und einen in die Herzgegend beibrachte. Ter Militärarzt machte hiervon dem Militärgerichte Anzeige. Virovitica (Slavonien), 6. Dezember. (Eine seltene Ehrung) wurde unserm, Ihren geehrten Lesern bekannten Rabbiner Dr. Kaufmann zuteil. Die hiesige Kultusgemeinde faßte jüngst den Beschluß, dem Dr. Kaufmann das Definitivum ■\M / '/SSM*