Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-11 · 50 (11.12.1896) · p. Seite 830

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 830 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610594--1928-9610604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 880 Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Nr. m. gewohnte Reinlichkeit ihrer Umgebung, daß der Gegensatz zwischen dem Ghetto und den schmutzstarrenden Gassen der Christen noch schärfer hervortrat. Manche, die von der Krankheit schon befallen, wurden durch Anwendung wirklicher Heilmittel gerettet, während jene den sinnlosen Medikamenten prahlerischer Charlatane oder der noch gefährlicheren Aderlaß- Blutgier unwissender Mönche zum Opfer fielen. Doch eben dies, was zu ihrem Heil hätte ausfallen sollen, gereichte ihnen zu um so gewisserem Verderben und erzeugte das Unheil. Jede Seuche, die mörderisch über ein Land hereinbricht, dessen Bevölkerung sich aus einer niedrigen Entwickelungsstufe des Gemeinverstandes befindet, erweckt in derselben den Argwohn einer beabsichtigten Vergiftung, und blind die unbewiesene Thatsache als unzweifelhaft betrachtend, sucht die Masse racheglühend nach den mutmaßlichen Thätern. Es ist unmöglich, ihre Kurzsichtigkeit aufzuklären, ihrer Wut Einhalt zu thun. Indem sie zugleich vor tellurischen und kosmischen Erscheinungen zittert, von denen sie abergläubisch den Einbruch eines unerhörten Unheils befürchtet, das sie als eine Strafe des göttlichen Zornes betrachtet, hält sie dennoch, ohne den Widerspruch zu beachten, an der Einmischung menschlicher Hände fest, die sie folgerecht als die Vollstrecker des göttlichen Urteils ansehen mußte. Doch eine zwiefache Natur beherrscht das ungebildete Denken des Mittelalters. Religiöser Fanatismus, der die Güter der Erde von sich wirft und verachtet, besteht neben dem ergrimmtesten Haß gegen diejenigen, welche durch ausdauernden Fleiß und Sparsamkeit sich jene Güter aneignen und vermehren. So richtete sich von zweien Seiten im alltäglichen Leben die Erbitterung wider die Juden. Gegen die Fremdlinge mit ihren schönen Weibern und ihrer stummen, verdachteinflößenden Duldsamkeit; die einem andern Gotte dienten, auf die pfäffischer Geifer immer auss neue den untilgbaren Makel heftete, daß ihre Vorfahren den Heiland der Christen ans Kreuz geschlagen, ohne zu beachten, daß dieser selbst ein Jude gewesen und ihr Glaube gerade in seinem Tode und nur durch seinen Tod die wirksamste Stütze fand. Gegen die Andersgearteten richtete sich der Haß, die aus ihrer zerstörten Heimat in die Fremde zerstreut worden und denen man aus Habgier den Aufenthalt in Europa verstattet; deren Tugenden man, da man sie nicht hinwegzuleugnen vermochte, in Laster verkehrte; bei deren Anblick ein dunkles, unbestimmtes Gefühl des ihnen zugefügten Unrechts, der Bedrückung. den Grimm des rohen Volkes noch mehr aufstachelte, da es sie an die bittere Sehnsucht nach Vergeltung mahnte, die jene im Herzen tragen mußten, wenn dies Herz ebenso grausam verwildert war, wie das ihrer Peiniger. (Fortsetzung folgt.) SPicgklbilim aus dem jü-Wn lebe». Der Fremdling. Man hat das bittre Wort gesprochen: Es haust ein fremder Stamm im Reich; Wie darf der nur ans Rechte pochen, Sich stellen andern Deutschen gleich? Ihr klugen Herren! Könnt ihr's deuten, Was macht das wahre Deutschtum aus? Was fordert ihr nur von den Leuten, Daß würdig sie fürs deutsche Haus? Die Sprache? Hört der Kinder Lallen: Es ist des deutschen Wortes Klang Und deutsche Lieder, sie erschallen Im jüdischen Haus in frohem Sang! Vielleicht die Sitten? Nun, es waltet In Ost und West, in Süd und 'Nord Ein krauser Wechsel vielgestaltet Und kündet sich in That und Wort! Die Sittlichkeit? Sie ist die gleiche Für jeden, der es redlich meint: Viel Sitten giebts im deutschen Reiche, Die Sittlichkeit ist's, die es eint! Dann ist's der Stamm? Germanen, Slaven Und Neger schirmt der deutsche Aar — Nur den Semiten nicht, ihr Braven? Ein schreiend Unrecht wär's, fürwahr! Vielleicht die Zeit? Seit grauen Tagen Genießen sie die deutsche Lust, Sie sah'n die deutschen Eichen ragen Und sie umrauschen ihre Gruft! — Und gar der Glaube? Wie entdeckte Man jüngst die deutsche Religion? So kündet doch! Welch eine Sekte Erhebt ihr auf des Glaubens Thron? Ihr könnt's euch dennoch nicht versagen Zu Hetzen — welch ein edler Mut! Wenn eurer Hundert einen jagen, Dann handelt ihr wohl deutsch und gut!? Die Juden üben Bürgerpflichten, Doch leugnet man ihr Bürgerrecht! Der Haß kann zwar das Recht vernichten, Doch bleibt das Schlechte ewig schlecht! Ist nicht der Juden Blut geflossen Im wilden, heißen Männerstreit? Der blut'gen Saat ist nicht entsprossen Die edle Frucht: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!! So gellt's die Stufen Des hohen Herrscherthrons empor — Gleich Meeresbrandung rauscht das Rufen, Denn Geister stimmen in den Chor! Es sind die Schatten jener Armen, Die Vorurteile düstrer Zeit, Dahingeschlachtet ohn' Erbarmen In krasser Ungerechtigkeit!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.