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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-11 · 50 (11.12.1896) · p. Seite 829

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 829 (sequence 9)
Language
German
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1 fl Nr 50 Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite stIO. „Warum solltet Ihr nicht mit ihm gehen und wachen über ihm," fuhr der Arzt mit glänzenden Augen, an deren Wimper eine Thräne bebte, fort, „da Ihr Euch habt erbarmt in Elend und Gefahr über den Sohn vom Hause —" „Ich kann nicht gehen in das Haus des alten Kaleb," jammerte der Greis — „Da seine Mutter hat gesegnet mit dem Segen des Herrn den, der ihren Sohn gerettet," ergänzte Thubal mit gehobenem, von zurückgehaltener Empfindung bebendem Ton, „und da der Vater hat von ihm genommen jeden Fluch, der auf ihm haftet, von ihni und von seinen Kindern und seinen Kindeskindern —" Die verhüllte Gestalt sprang empor, ihre Knie schwankten. — „Weiser Thubal, sag mir bei der Rache Gottes des Herrn," keuchten ihre Lippen, „was hat gethan der Sohn Samais?" „Er hat genommen den Fluch von dem Haupt Jsaschars, des Sohnes Samais, ohne daß er es wußte," antwortete der Arzt feierlich, „und Gott der Herr hat es gehört, und es ist ausgelöscht der Fluch um Lea, die Tochter Hagars, im Himmel und aus der Erde." Der Greis wollte antworten, aber er fiel an dem Bett seines Sohnes zusammen, über dessen Leib er die gefalteten Hände legte und schluchzte. , Fünftes Kapitel. In Gedanken versunken stieg die schöne Tamar wieder die Treppe hinan und trat in das erste Gemach. In ihrem Ohre summten die rätselhaften Worte Thubals nach, und sie fragte sich, was er mit der Krankheit gemeint habe, die schlimmer sei als die Pest, und die sie treffen könne, wenn sie hinausginge in die Christenstadt. Nachdenklich blickte sie in die prasselnden Flammen des Kamins, die mit langen Zungen in den Rauchsang hinaufleckteu. Dichte Rauchmassen ballten sich über ihnen und brachen aus ihrer Mitte, bald in dieser, bald in jener phantastischen Gestalt, dann sprühten knisternde Funken hindurch und die brennenden Scheite fielen wie umsinkende, verkohlte Gebilde zusammen, während die Glut, weiter um sich greifend, andere erfaßte und blitzschnell an ihnen entlang lies. Die Fenster waren geöffnet und aus der schräg gegenüber liegenden Synagoge scholl der einförmige Gesang und vermischte sich mit den Gedanken des Mädchens. Sie wußte nicht weshalb, der Gesang der drei Männer im feurigen Ofen, die der Feldherr der Assyrer verbrennen ließ, weil sie sich nicht abwenden wollten von ihrem Volk und ihrem Gott, kam ihr plötzlich ins Gedächtnis. Von den Flammen geblendet, sah sie auf und in die Richtung, aus welcher die klagenden Töne erklangen, aber vor ihrem Auge sprühte die lodernde Glut fort und ihr war, als tauche die runde Kuppel des Tempels aus einem Feuermeer und neige sich und stürze zusammen- Und aus der Mitte der Lohe tönte der Gesang fort: „Gelobet seist du, Herr, Gott unserer Väter, gelobet seist du in deinem heiligen Tempel, gelobet seist du in der Veste des Himmels, ihr Priester des Herrn, lobet den Herrn, ihr Geister und Seelen der Gerechten, preiset und rühmet ihn ewiglich!" Es überschauerte Tamar. Aus den Tönen stieg seltsam das Gebot Thubals ben Abia vor ihr auf, an das verhüllte Gemälde hinauzutrcteu, und sie that es und faßte zitternd die seidene Schnur mit den weißen Fingern. Lange stand sie vor dem enthüllten Bilde und starrte darauf, bis drunten die Menge die Synagoge verließ und ihre Häuser aufsuchte, bis hinter ihr das Feuer in Asche fiel und vor ihren Augen ein Nebel sich um die zerberstenden Tempel Zions legte und ihr angstvoll pochendes Herz stiller und kälter wurde und eisig erstarrte, — dann wandte sie das Haupt und sah in das schreckensbleiche Gesicht der alten Lea, die hinzugetreten und über ihre Schulter die furchtsamen Augen aus den Untergang der heiligen Stadt und ihrer entsetzensvoll ähnlichen Bewohner gerichtet hielt. „Zieh darüber den Vorhang, Tamar," stöhnte sie, „wir hätten nicht sehen sollen das fürchterliche Bild, Tochter, das uns verboten, wie der Herr Eva verboten hatte zu essen von dem Apfel, der sie austrieb aus dem Paradies. Ich habe verloren die Ruhe des Herzens, Tamar, seit ich gesehen diese Gesichter des Entsetzens." Sie hatte mit zitternden Fingern die Schnur gefaßt, um sie wieder zu befestigen, aber die Tochter wehrte ihr und entzog sie mit ruhiger Sicherheit der alten Hand. „Nein, Mutter," versetzte sie ernst, „laß uns sortnehmen die Hülle, die nicht über dem Gemälde, die über unseren Augen liegt, und laß uns ansehen und wieder ansehen das Bild der Erkenntnis, daß wir unterscheiden, was gut und böse ist in der Welt, daß wir bereit sind, wenn die Stimme des Herrn ruft, sortzugehen aus dem Paradies, denn Thubal hat gesagt, es ist an der Zeit, — und ich habe sie singen gehört drüben, wie die Männer aus dem Stamm Manasse vor dem Könige Nebukadnezar, und weiß, es ist an der Zeit." Sie erfaßte den seidenen Vorhang, riß ihn entschlossen herab und warf ihn zu Boden; dann wandte sie sich mit festem Schritt und ging schweigsam in ihre Kammer. — Mit auffälliger Geschwindigkeit, wie nur die seltsame Verschiedenartigkeit der Wirkungen des schwarzen Todes sic bot, erholte sich der alte Kaleb aus dem bewußtlosen Zustand, in welchen die Pest ihn versetzt. Wie die Laune eines gierigen Raubtiers wechselte ihr Grimm. Sie kam blitzesschnell und packte ihr ahnungsloses Opfer und tötete mit einem Schlage der unfehlbaren Tatze; sie spielte mit ihrer Beute und zermarterte sie mit langsamen Bissen; als ob sie gesättigt sei, ließ sie den Betroffenen plötzlich wieder fahren, daß er sich taumelnd erhob, betäubt aus die Stunden zurücksah, in denen die Besinnung ihn verlassen, und von neuer wundersamer Kraft durchströmt lebensstark dahinschritt. Unberechenbar war sie; verschonte den siechen Körper und ergriff den gesunden; vom natürlichen Rand des Grabes riß sie das Alter zurück und beendete mit heimtückischer Vorliebe das Leben Ungeborener, bevor es begonnen, mit dem der Mutter. Aber im Durchschnitt erlahmte ihre Kraft eher in den Quartieren der Juden, als in denen der abendländischen Bewohner. Zähe Ausdauer mochte bei jenen den Körper mehr gestärkt haben; sie waren nüchterner, enthaltsamer und ihre Aerzte begabter, welche die Ursachen der gewaltigen Verheerung nicht in astrologischen Konstellationen, sondern in nahe liegenden Anlässen des täglichen Lebens suchten. Nach ihren Vorschriften vermieden sie den Gebrauch der Brunnen und des Qucllwassers, in dem jene den Giftstoff der Pest vermuteten, und schöpften aus den Flüssen; sie erhöhten die ■I >1

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