Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-11 · 50 (11.12.1896) · p. Seite 828

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 828 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610594--1926-9610602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 828. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. dtr. 50. Elemente auf einer Plattform zu vereinigen. Die allgemeine Neigung der Harmonie besiegte alle Differenzen, und einstimmig lvurde die energische Frau Hannah G. Salomon als Präsidentin wiedererwählt. Der bisherigen Vice-Präsidentin Frau E. Mandel von Chicago wurde Frau Julia Bur von New Jork als zweite Vize-Präsidentin zugesellt; Frl. Sadie American verblieb als korrespondierende Sekretärin im Amte. Die Schlußseier, welche am Donnerstag-Nachmittag die New Jorker Sektion ihren Gästen bereitet hatte, war im höchsten Grade elegant und hatte die ganzen oberen 400 der jüdischen Gesellschaft versammelt, um der Intelligenz Huldigungen darzubringeu. Geistvolle Ansprachen wechselten mit meisterhaften Klavier- und Gesangsvorträgen ab. Frau Helen Roskey, Vize-Präsidentin der New Jorker Sektion, elektrisierte die große Versammlung mit einer ihrer zündenden Ansprachen. Mr. Joseph Jakobs von London, Philosoph und Schriftsteller hielt ebenfalls eine Ansprache. Die Abschiedsrede der Frau Hannah Salomon, welche diese kluge Dame im besten Lichte zeigte, war der Schlußstein dieser bemerkenswerten Konvention, bei welcher jüdische Frauen von höchster Intelligenz, Bildung und Aufklärung mit voller Ueberzeugung für das Judentum, die Befolgung seiner Lehren und Satzungen austreten. — Es ist ein Gemisch von Freude und — Neid, das sich beim Lesen dieser Zeilen unsrer bemächtigt. — Ueber das Alte Testament und das moderne Leben hat sich der bekannte christlich-amerikanische Prediger Stopford Brooke in einer Serie von Kanzelreden verbreitet, die jetzt in englischer Sprache erschienen sind. In einer dieser Reden ist zu lesen: „Es ist für uns gleichgiltig, wo Abraham geboren wurde, wann er eine Frau nahm, in welcher Ordnung und Reihenfolge und an welchen Orten er seine Opfer darbrachte; darauf kommt es nicht an, das können wir ruhig dem Kritiker überlassen. Aber der Geist, die Seele dieser großen Gestalt, die ist für uns von der größten, von nicht genug zu schätzender Bedeutung. Unsere Zeit hat das Reich des Individuums proklamiert; im Alten Testament können wir das Reich der Menschheit, das ist das wahre Himmelreich, wieder entdecken. Wir haben die Vorbilder für unser politisches und soziales Leben den Griechen und Römern abgeguckt und haben vergessen, daß das Alte Testament in allen Lehren und Einrichtungen nicht nur himmelweit alle Bücher irgend eines Volkes überragt, sondern daß der Geist der Freiheit und Gerechtigkeit, den alle Propheten atmen, einzig und unvergleichlich dasteht in der Welt, so daß der Psalmist mit Recht sagte: In Juda ist Gott bekannt, sein Name ist groß in Israel!" _ Feuilleton. Das große Sterbe». Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. Der alte Geißeler saß noch immer an dem plumpen Bcttgestell des Jünglings. Die Luft des engen Gemachs war dumpf und drückend und er hatte die Kapuze etwas von seiner schweißbedeckten Stirn gelichtet; wie die Thür sich regte, fuhr er aus seinem Brüten wieder empor und zog hastig die Kutte wieder zusammen. Er vermummte sich noch dichter als zuvor, wie er den Eintretenden gewahrte, der schnell durch das Zimmer schritt und das geschlossene Fenster aufstieß. Seine Augen sahen kaum mehr aus der gefalteten Hülle hervor; stumm zog er sich in den dunkelsten Winkel zurück, nur ein Zittern, das sich seiner Kleidung mitteilte, durchlief seinen Körper, als der Arzt an das Bett des Kranken trat und aufmerksam Leib und Gesicht desselben untersuchte. Der Geißeler machte eine fragende Bewegung und ein angstvoller Laut erstickte ihm in der Kehle, doch er schwieg und kauerte sich regungslos auf seinem Sitz im Hintergründe zusammen. Thubal bekümmerte sich nicht um ihn und setzte seine Nachforschung fort. Endlich sah er auf. „Ist der junge Mann zur Besinnung gekommen, seitdem er hier ist?" fragte er. Man sah, daß der Kopf des Angeredeten unter der Kapuze zuckte, aber es kam keine Ant vort und der Arzt wiederholte die Frage. „Ich muß es wissen, weil es wichtig ist für die Beurteilung der Krankheit," fügte er bei. „Wenn es das ist, will ich es Euch sagen," antwortete der Alte, „er hat mich angesehen und hat verlangt nach Wasser, das ich ihm gegeben, um zu löschen seinen brennenden Durst. Und dann — dann hat er zurückgelegt den Kops und hat geschlafen." Die gedämpfte Stimme kam fremdartig verändert unter der Hülle hervor, daß man sie kaum wieder erkannte. Dennoch lag etwas in ihr, das Thubals Aufmerksamkeit erregen mußte, denn bei den ersten Worten richtete er den Blick scharf ins Dunkel hinüber und maß die Größe der zusammengehockten Gestalt mit den Augen. Er bewegte leise die Stirn vorwärts, wie der Alte am Beginn des letzten Satzes innehielt und zögernd fortfuhr, und nahm denselben, als jener ausgesprochen, fragend auf. „Und dann?" wiederholte er bestimmt; „Ihr habt mir etwas verschwiegen, das ich wissen muß, was der Kranke gethan." „Und dann," fuhr der Greis, der Aufforderung gehorchend, mit zitternder Stimme fort, „hat er gefragt nach seinem Vater, den er Kaleb geheißen —" Er schluchzte und stockte, doch Thubal schien nichts von seiner Aufregung zu bemerken. Seine Stirn glättete sich und ein freudiger, festlicher Ernst überzog sein Gesicht. „Es ist gut, daß Ihr mir dies gesagt," erwiderte er freundlich, „denn ich kann Euch daraus sagen, daß dev junge Mann, für den Ihr Mitleid gehabt, daß Ihr Euch über ihn erbarmt aus der Straße, leben wird. Die Jungfrau, die bei Euch war, hat mir erzählt von Euch bei den Eltern dieses Jünglings, in deren Haus wir ihn morgen bringen werden, sobald er die Kraft hat —" Doch ein stöhnender Laut, der sich der Brust des Büßers entrang, unterbrach ihn. „Ihr wollt ihn bringen in das Haus seiner Eltern, daß ich nicht kann bei ihm sein und wachen über ihm," wimmerte es unter der Kapuze hervor.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.