Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 826 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 826. ungemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. Das Kewodo-Stück, dessen hebräischer Text auch durch Vogelsteiu korrumpiert ist, worauf wir noch zurückkommeu, lautet im Deutschen: Die Herrlichkeit Gottes erfüllet die Welt, Denn Er ist ihr Schöpfer, i st s der sie erhält. Und seine Verehrer am heiligen Ort, Sie sprechen in Andacht und Ehrfurcht das Wort." Das „ists" im zweiten Verse beweist einen Mangel an jedem poetischen und selbst rhetorischem Taktgefühl. Abgesehen von der unpoetischen Dürre dieses Wortes: wie konnte ein so tonloses, farbloses „ists" hier stehen, wo ein so starker Nachdruck auf „Er" liegt? Warum nicht lieber: „Denn Er ist ihr Schöpfer, Er, der sie erhält?" Und wie poetisch klingt der Schluß: „Sie sprechen .... das Wort!" Wer denkt da nicht an Fausts: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen?" — Das Mimkomo lautet in der Vogelsteinschen Poesie: „In Gnaden wende dein Antlitz uns zu. Und spende uns Frieden und Seelenruh! Des Abends, des Morgens bekennen wir frei. Daß einzig dein Name in Ewigkeit sei." „Seelenruh" kann uns Gott nicht „spenden"; wir können in Gott Seelenruhe finden, aber das ist die Frucht einer ernsten Selbsterziehung und keine Spende Gottes. — Uebrigens ein Beitrag zur Vogelsteinschen Philosophie und Weltanschauung. — „Frei" — Vogelstein hat entschieden Unglück mit seinen Adverbien. Oben preist er „laut", hier bekennt er „frei". Es gehört wirklich viel Freiheit zu dem Bekenntnis: „daß einzig dein Name in Ewigkeit sei". Und wahrscheinlich, um die Kühnheit dieser Freiheit doch einigermaßen zu mildern, ist da der Konjunktiv gesetzt: „sei" und nicht ist. Denn das mit Bestimmtheit zu behaupten: Gottes Name ist einzig in Ewigkeit, dazu reicht wohl die westfälische Freiheit nicht aus. — Der geneigte Leser macht mich darauf aufmerksam, daß hier der Konjunktiv keinen logischen, sondern einen poetischen Grund hat: „sei", damit es sich auf „frei" reime. — Ach ja, er hat recht, ich bitte um Entschuldigung für meine Unaufmerksamkeit. Ja, es ist wahr, das „sei" an dieser Stelle ist — poetische Lizenz. Mich wundert nur, daß Dr. Vogelstein hier nicht seinen Lieblingsreim, den wir noch kennen lernen werden, angewandt hat: „Zeit" und „Ewigkeit"; das lag doch nahe: „Wir bekennen es frei zu jeder Zeit, Dein Name ist einzig in Eivigkeit." Er muß also doch wohl im Indikativ eine zu große Freiheit gefürchtet haben. — Das „Echod"-Stück lautet in westfälischer Dichtung: „Er ist unser Hort, Er ist unser Vater, Ein Schützer und Schirmer und mächt'ger Berater Er hat Seinem Dienste uns huldvoll erkoren. Und Seine Verheißung geht nimmer verloren." Das hebräische Original hat: „Unser Gott, unser Vater, unser König, unser Retter"; wie tautologisch klingt dem gegenüber das poetisch sein sollende: „Hort, Vater, Schützer, Schirmer, Berater!" — Dann: „mächt'ger Berater" — gehört zum Beraten Macht und nicht vielmehr Weisheit? Man sieht, es geht Herrn Dr. Vogelstein mit den Adjektiven auch nicht besser als mit den Adverben. „Gottes Verheißung geht nimmer verloren" — ich gestehe, daß mir das sehr zweifelhaft erscheint. Herr Dr. Vogelstein ist doch nicht blos Bearbeiter des Gebetbuchs, er ist doch auch Bibelkritiker, und da müßte er doch wissen, daß die prophetischen Verheißungen, die wir besitzen, nur den kleinsten Teil der prophetischen Litteratur bilden, die das alte Israel besaß, und wer kann wissen, wie viel Verheißungen in dieser prophetischen Litteratur noch sich befanden und die doch verloren gegangen sind. Der geneigte Leser korrigiert mich schon wieder: „geht nicht verloren", das heißt hier so viel, wie „bleibt nicht unerfüllt", geht in Erfüllung. Der geneigte Leser hat wieder recht. Aber warum sagt dann Dr. Vogelstein das nicht? Ist das in Westfalen „nicht verloren gehen" und „sich erfüllen" identisch? — Er brauchts wieder zum Reim! „Erkoren", „verloren". Mein Gott, wer den Pegasus nicht reiten kann, der bleibe drunten! Ist denn die Dichtung dazu da, um die Sprache zu verderben? Der Reim darf dem Dichter nie zur Entschuldigung dienen. Uebrigens konnte auch so gereimt werden: „Gott hat uns erkoren nach seinem Willen, Und seine Verheißung wird stets sich erfüllen." So gut wie die Vogelsteinsche Version ist das immer noch, und sogar besser, wenn auch lange noch nicht gut. Ach, ich fühle, ich werde bitter, ich verliere die Objektivität. Wenn solch kindisches Spielzeug sich an die Stelle des Erhabensten setzen will; wenn jemand, der mit dem Worte ringt, der von einem Reim sich am Gängelbande führen läßt, uns das Wort des Gebetes in den Mund legen will; wenn solche knabenhafte Unbeholfenheit sich.als Virtuosentum aufspielt; wenn solch gedankenloses Herumwühlen in den Wunden unseres modernen Judentum, das, anstatt das Kranke zu heilen, nur noch das Gesunde in dem Krankheitsprozeß hineinzieht, als ärztliche Meisterschaft gelten will: — wer dabei seine Milde des Urteils nicht verliert, der hat keine zu verlieren. Wochen-Lhronik. — Abgcwinkt. Ein Herr Zellermeyer, den die antisemitischen Blätter als Juden bezeichnen, hat in einer Flugschrift das Mittel kundgethan, das allein geeignet ist, die sog. Judensrage zu lösen, den ewigen Judenhaß zu töten. Das Mittel ist äußerst einfach: die Juden sollen aushören — Juden zu sein, dann wird der Judenhaß schwinden. Nicht daß wir uns samt und sonders taufen — nein, das schickt sich am Ende doch nicht, aber wir sollen uns langsam, ganz langsam auflösen, erst innerlich durch Verzicht aus jede jüdisch-religiöse Sitte und jede Hoffnung auf die Zukunft des Judentums, und dann äußerlich durch — na, es ist ein altes, vielerprobtes, aber wenig bewährtes Mittel — Mischehen. Die agrarisch-antisemitische „Deutsche Tageszeitung" winkt Herrn Zellermeyer sofort ab. Sie schreibt: „Aber selbst wenn eine