Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 825 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 50 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 825 wird noch einmal der Versuch gemacht worden sein, die Majorität zu bestimmen, sich in einer eminent wichtigen, in der wichtigsten Frage, mit der das neue Repräsentantenkollegium sich zu befassen hatte, in der Frage der Vorstandswahl, in eine Minorität zu verwandeln. Mit welchem Erfolge dieser letzte — wahrscheinlich nicht allerletzte — Versuch unternommen worden, das wird ja der nächste Sonntag zeigen. vis „inobfntfte“ '' " \ IV. Tas dritte zum Vortrag empfohlene Stück sind die Gebete beim „Einhebeu und Ausheben der Thora". Schon die deutsche Ueberschrift ist vielversprechend: „Ordnung beim Aus- und Eiuheben der Thora." „Ordnung" ist nämlich die wörtliche Nebersetzung des hebräischen szeder. Was soll aber der deutsche Beter darunter verstehen? "Nehmen wir dann gleich den ersten Satz: „Keiner ist wie du, Allmächtiger, nichts gleichet deinen Werken" — das ist trivial, selbst gegenüber dem Original, welches lautet: „Es giebt keinen Gott, gleich dir, o Ewiger, und keine That gleich deinen Thaten". „Thaten" giebt es außer Gottes Thaten, aber nicht „Werke" außer Gottes Werken, was soll also diesen gleichen? — „In deiner Lehre hast du deinem Volke eine nnversiegliche Ouelle der Gotteskraft verliehen" — soll heißen „von Gotteskrast", ist aber auch dann noch nicht richtig. „Onelle der Gotteskraft" ist eine Quelle, aus der Gott seine Kraft schöpft. „Das Gesetz Mosis . . . das unser Schutz ist in Not und Gefahr" — - das ist ein Ausdruck für die Anschauung des alten Israel, das die Bundeslade des Ewigen in die Schlacht mitnahm. „Ja, von Zion ist die Lehre ausgegangen und das Wort Gottes von Jerusalem" — „ist"? Wann denn? Der übersetzte Vers spricht von der Zukunft: „Von Zion wird ausgehen die Lehre" rc., nämlich beacharith hajomim, „am Ende der Tage", (S. Jesaj. 2, 3 und Micha 4, 2). Hat Tr. Vogelstein eine Idiosynkrasie gegen das Zion und Jerusalem der Messias-Zeit, daun konnte er sagen: Jeder Ort, wo der reine Goltesglaube verkündet wird, ist ein Zion, überall, wo das Wort Gottes gelehrt wird, ist ein Jerusalem! Den Satz von den Eigenschaften Gottes übersetzt er: „Gott, Gott ist allmächtig, barmherzig und gnädig, langmütig, reich au Liebe und Treue. Er erzeigt Gnade bis ins tausendste Geschlecht, verzeiht die Schuld und spricht den Reumütigen rein von Vergehen und Sünde, läßt aber den Frevel nicht ungestraft." „Allmächtig" ist Zusatz; für „reich" steht besser „groß". Was heißt aber: „er erzeigt Gnade bis ins tausendste Geschlecht?" Welcher Zusammenhang besteht zwischen „1000 Geschlechtern"? Das hat einen Sinn im Gedanken des Originals: „er bewahrt die Gnade bis ins 1000. Geschlecht", d. h. die Gnade für die Frömmigkeit der Vorfahren. Steht aber „erzeigt", so fehlt jeder Sinn. „Er . . . spricht den Reuniütigen rein" — das klingt zu sehr uach Absolution. „Er läßt aber den Frevel nicht ungestraft" — ist das ein Schluß? Dabei ist das ein Schluß, den Vogelstein sich selbst durch Abänderung des Originals gemacht hat. Hier dürfte man schon übersetzen: „aber er ist auch ein Gott der Gerechtigkeit" oder dgl. Weiter: „Unsere Augen sind liebend auf dich gerichtet" — „liebend"? noch gut, daß es nicht „liebevoll" heißt. „Daß wir ernährt und verpflegt werden aus deiner vollen, offenen, milden Hand" — ein elegantes Deutsch! Ebenso das darauffolgende: „daß wir deine Gotteslehre mit Liebe erfassen und ihre Gebote mit aller Innigkeit und Willigkeit befolgen und ausüben". Ist das Wahrheit Gott gegenüber? Das sind Phrasen! — „Laß Israel in allen Landen friedlich und unangefochten leben" . . . „und vor jedem bösen Verhängnis gnädiglich bewahrt sein" -ist das die Sprache für einen der feierlichsten Momente des Gottesdienstes? — „Sein (Gottes) Wort ist klar durchläutert" — das ist sehr „unklar durchläutert!" Merkwürdig ist, daß beim Vorlesen aus der Thora der Zuruf: Borachu ess adonai hamworach nicht mehr mit: „Lobet den Herrn, den Segensquell" übersetzt wird, sondern: „Lobet Gott, den Hochgepriesenen!" Soll diese „Abwechslung" eine „Seele des Vergnügens" sein? — „Dank dir, o Herr, von dem die Lehre ausgeht"-welche schale Glätte und Höflichkeit! S. 171: „Blicke, o Herr, gnädig herab auf . . . Israel, das . . . deiner liebenden Fürsorge sich würdig erweisen will" rc. — Gott gegenüber „erweist" man sich nicht würdig, sondern macht man sich würdig. Dieser Fehler kehrt übrigens einige Mal wieder. — Ebenso ist unrichtig: „Laß den Dienst, den wir dir heute weihen" — wir wiederholen: Gott „weiht" man keinen Dienst, man weiht sich „dem Dienste" Gottes. — Das. „Laß die Gottesgemeinde der hiesigen Stadt durch ihre Ziele und durch ihre Leistungen stets ein wertvolles Glied der großen Gesamtheit sein" — ist das (Bebetspräche? Und Israel als „die" Gottesgemeinde der Stadt hinzustellen, wodurch die anderen Religionsgemeinden von dieser Bezeichnung ausgeschlossen sind, verstößt gegen die Anschauungen des Judentums über die anderen monotheistischen Bekenntnisse. — So viel mir noch an den Gebeten beim Aus- und Einheben der Thora mißfällt, so viel ich noch gegen das kalte Zeitungs-Deutsch, gegen die abstrakte Nüchternheit dieser „Gebete" vorzubringen hätte — es ist z u viel, um alles vorzubringen, und darum gehen wir zu dem vierten Stück über, das zum „Vortrag" empfohlen wird, zur „Keduschah im Mußaph-Gebete". Da lernen wir Vogelstein als Dichter kennen! Das „Naarizoch" lautet da: „Wir preisen und benedeien dich laut, Der liebend auf alle herniederschaut. Wir bringen dir dar der Huldigung Zoll, Wie einst es prophetischem Munde entquoll." „Preisen und benedeien" ist Wortschwall; „laut" — ob nicht zu vorlaut? Rühmt man sich seines lauten Wesens? „Liebend" — die Keduschah verkündet mehr die Größe Gottes, die „Liebe" ist hier nur, um zwei Silben auszufüllen. „Zoll" — das klingt zu sehr nach Münze oder Vasallentum. „Entquoll", „es prophetischem Munde entquoll" — nun, dieser Satz wäre „prophetischem Munde" nicht „entquollen". ^809