Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 50 (11.12.1896)
- Date
- 1896-12-11
- Page
- Seite 822 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 822. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Nr. 60. sonst angeblich vom Antisemitismus nichts wissen wollen, weil sie nämlich von jüdischen Abonnenten und jüdischen Inserenten existieren, ließen sich doch von dem nämlichen Antisemitismus so weit terrorisieren, daß sie jeden jüdischen Mitarbeiter zurückwiesen. Ja, selbst solche Blätter, die das Eigentum von „Juden", ja selbst von Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Berlin sind, wurden im Laufe der Zeit für jüdische Journalisten unzugänglich. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß unter den obwaltenden Umständen für einen jüdischen Journalisten die Aussichten aus ein halbwegs leidliches Fortkommen sehr ungünstig geworden sind, da er nur schwerlich in einer größeren Redaktion Eingang und Ausnahme findet. Unter den jüdischen Journalisten befinden sich mehrere, deren Lebensgeschichte ein Stück Tragödie darstellt. Sie sind nicht mit achtzehn Jahren Leiter der vaterländischen Politik oder Förderer der Kunst geworden, wie das Bürschlein Leckert, dessen vielversprechende Laufbahn so jäh unterbrochen ward; sie üben nicht die publizistische Thätigkeit nur im Nebenamt aus, wie Ehren-Lützow, der seine Hauptthätigkeit auf die Bedienung der geheimen Polizei verlegte — nein, es sind dies in der Regel Männer, welche ihre besten Jahre mit vieler Begabung und mit ernster Arbeit in gründlichen Studien zugebracht und eine Zierde der Gelehrtenwelt oder der Justiz geworden wären, wenn man sie zu dem, ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen entsprechenden Amt zugelassen hätte. Aber die antisemitische Moral verlangt es, daß man diese Männer ihres religiösen Bekenntnisses wegen zu keinem Lehr- oder Richter - amt zulasse, und so haben sie die journalistische Laufbahn wählen müssen. Auch in dieser Laufbahn streben sie, der Gesellschaft und der Menschheit mit allen Kräften und nach bestem Gewissen zu dienen. Aber die Leckert und Lützow wollen die Bahn frei haben und verstehen es mit Hilfe ihrer ungenannt gebliebenen Kumpane, jene anständigen Elemente von der Presse zu entfernen und fern zu halten. Die seit zwanzig Jahren ausgestreute giftige Saat ist in der letzten Zeit üppig aufgeschossen. Wir haben sie nun kennen gelernt, diese Schnapphähne, welche den rüden Ton des Antisemitismus in die Presse hineingetragen und seit zwei Dezennien die Oeffentlichkeit terrorisieren. Wir mußten während der Gerichtsverhandlung oft über die zur Sprache gekommenen Zustände erröten. Nun, aus die antisemitische Presse wird diese Erfahrung nicht im mindesten wirken; dort wußte man ja, mit welchen Ehrenmännern mau es zu thun hatte. Die antisemitischen Publizisten stellen ja von jeher ein großes Kontingent für das Zuchthaus und das Gefängnis. Aber vielleicht zieht die anständige Presse die geeignete Lehre aus diesem Prozeß: seht euch künftighin eine gewisse Sorte von „Journalisten" genauer an, bevor ihr mit ihnen ein und dieselbe Luft atmet; seht zu, ob sie nicht Zuhälter und Basilios sind, Männer, deren Berührung einen unvertilgbaren Schmutzflecken hinterläßt. Dies hat in diesen Tagen die Redaktion eines einst angesehenen Blattes zu ihrem gewiß großen Bedauern erfahren müssen, als es sich herausgestellt, in welche Gesellschaft sie durch einen ihrer Mitarbeiter geraten war. Es ist nun ihre Sache, nicht mehr aus ausschließlich „arische" Mitarbeiter erpicht zu sein. Freiherr von Marschall hat dieses Reptiliennest freigelegt. | Er hat aber blos nur wenige von dieser Gesellschaft der ß verdienten Schande und Strafe zugeführt. Es sind ihrer1 noch viele, und Sache der anständigen Presse wäre es, in ihren Redaktionsstuben Umschau zu halten und das« Reinigungswerk zu vollziehen. Spart nicht Karbol und' andere desinfizierende Ingredienzien; vor allem aber laßt fernerhin auch jüdische Journalisten von Talent und Charakter dem journalistischen Beruf nachgehcn. Noch eins haben wir gründlich erfahren: der Anti-1 se mitismus ist keine Gefahr blos für die Juden, sondern^ fürStaat und G esellschaft. Schon vor vier Jahren , hat ein Kenner unserer öffentlichen Zustände Freiherrn von§ Marsch all zugerufen: Dieselben Männer, die gegen ihn und das Reich, ja gegen die Person des Kaisers wühlen, fördern auch so mächtig den Antisemitismus. Lebte Gustav Freytag noch, er würde jetzt seinem Ge- J rechtigkeitsgefühle folgend, dem harmlosen Schmock eine Ehrenerklärung gegeben, ihn somit rehabilitiert haben. llachchmiiMii. Als ich ein kleiner Knabe war, da schickte mich mein! seliger Vater — ein Rabbiner mit einem Gehalte, mit welchem * heutzutage kein "Nachtwächter zufrieden wäre — bei Eintritt des Chanuka- und Purimfestes von einem zum andern Armen : j mit je einem seine Verhältnisse weit übersteigenden Scherflein jj als Beitrag zur Festesseier. Da dieser Modus von den!j Reichen nachgeahmt wurde und die Gabe im richtigen Ver- : I hältnis zur Habe des Spenders war, so war dadurch Lust und - Freude in die Wohnungen der Armen getragen, ohne daß! dabei die „große Glocke" geläutet wurde, im Sinne der > wahren Religion, die einer Mattan bassesser den Vorzug giebt, durch welche auch ein verschämter Armer mit seiner Familie erfreut werden konnte. Inzwischen ist es anders worden. Die Familienbescheerungen unter dem Christbaume wurden zu öffentlichen Schaustellungen und Armen-Abfertigungen erweitert, und im Judentum hat man es für gut befunden, dieses Beispiel nachzuahmen und die „Bescheerungen" zu adoptieren. Ansprachen der Veranstalter hier und dort, hüben und drüben, die glänzenden Lichtlein und Kinderaugen, anstatt „Stille Nacht, heilige Nacht" wird bei uns Moaus Zur gesungen, die Reichen haben sich und ihren Wohlthätigkeitssinn bei; dieser Massen-Abfütterung billig abgefunden: nur hat man vergessen, daß bei dieser Weihnachtsbescheerung — der vert änderte Name ändert ja nichts an der Sache — die würdigsten Armen, die nicht die Hand aufthun und sich nicht mit ihrer Armut den Blicken Aller aussetzen wollen, ganz leer ausgingen. Es liegt aus der Hand, daß solche Reklame- Vorstellungen unjüdisch und unzweckmäßig sind, selbst im Sinne derer, welche das Gute ohne Untersuchung dorther * nehmen, wo es eben herkommt. Will man schon zugeben, daß i; der rechte Sinn für Wohlthun bei vielen Glaubensgenossen geschwunden ist, dann wäre es gewiß dankenswert, wenn diei, jenigen, welche diesen Edelsinn sich bewahrt haben, für ihre < eigenen Leistungen die Unterstützung kräftiger Hände in Ann