Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 819 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 819. empfing die Deputierten in zuvorkommendster Weise und versprach, daß der Roman sofort abgebrochen werde. Der Redakteur, Regierungsrat Lukesch, erschien am nächsten Tage beim Gemeinde- Präsidenten und sprach sein lebhaftes Bedauern über den ohne sein Wissen erfolgten Abdruck aus, und die offiziellen Zeitungen brachten eine vollständig befriedigende Erklärung des Inhalts, daß der Redaktion nichts ferner lag, als die Wege des Antisemitismus zu wandeln.— Der „Oesterr. Wochenschr." wird geschrieben: „Für den 17. d. M. hatten die Rabbiner DDr. Stern-Saaz, Ziegler-Karlsbad und Kurrein-Teplitz eine Rabbinerversammlung nach Prag einbernfen. Da die beiden ersten der vorgenannten Einberufer in einem Programme die Absicht ausgesprochen, eine neue Religion „Neu-Jsrael" zu gründen, eine Religion, die von allen Völkern leicht gehalten iverden könne und das biblische Gesetz nicht für bindend erkläre, haben selbst die fortschrittlichen Rabbiner erkannt, daß diese beiden Herren nicht mehr dem Judentume angehören, und diese haben ein klägliches Fiasko gemacht. Von den etwa 50 Rabbinern Böhmens sind nur 9 hier angelangt, selbst die beiden Einberufer Dr. Stern und Ziegler sind nicht erschienen." — Wir vermuten hier ein Mißverständnis. £ Lemberg, 30. November. (Den ersten jüdischen Professor) hat unsere Universität erhalten. Dr. Ad. Beck, bisher Privatdozent in Krakau, ist an die neuerrichtete medizinische Fakultät als außerord. Professor für Physiologie berufen worden. Außer ihm lehrt nur noch ein jüdischer Privatdozent an der hiesigen Universität. & Budapest, 29. November. (Uebertritt zum jüdischen Glauben.) Seit dem Jnslebentreten der neuen kirchenpolitischen Gesetze ist es blos einmal vorgckommen, daß ein Christ zum Judentum übergetreten ist. Dieser Tage ereignete sich nun der zweite ähnliche Fall, indem die Frau des Altosner Einwohners Armin Tauser mit ihren vier Kindern das Judentum annahm. Die Frau machte vor zehn Jahren, als sie bei einer vornehmen jüdischen Familie in Dienst stand, die Bekanntschaft eines jüdischen Schustergesellen. Die beiden jungen Leute faßten den Entschluß, einen gemeinsamen Haushalt zu führen. Sie zogen nach Altofen, eröffneten ein kleines Geschäft und lebten bis heute ungestört. Die Frau — früher eine eifrige Katholikin — neigte sich im Lause der Zeit immer mehr dem Glauben ihres Gatten zu, sie hielt mit ihm die jüdischen Feiertage ein, führte einen rituellen Haushalt, lernte in hebräischer Sprache beten und erzog auch ihre Kinder in der jüdischen Religion. Vor kurzem faßte sie den Entschluß, mit ihren Kindern zur jüdischen Religion überzutreten. Zu Beginn dieser Woche wurde vom Oberrabiner Dr. Elias Adler die rituelle Uebertrittszeremonie vollzogen. H. Paris, 28. November. (Ein Interview mit Lueger. — Die antisemitische Internationale. — Neuwahl.) Herr Vize-Bürgermeister Dr. Carl Lueger hat einem Interviewer, dem in Wien weilenden Redakteur des hiesigen „Temps", sein Innerstes enthüllt, und was da ans Tageslicht kam, war nicht gerade sauber. Er erklärte, daß seine Partei, nachdem sie die Gemeinde und den Landtag erobert, auch die Majorität im Reichsrate zu gewinnen trachten und alsdann eine Kommunalbank schaffen werde, welche den „jüdischen Einfluß" zerstören, Handel und Industrie unterstützen soll. Auf die Frage des Korrespondenten: Was wollen Sie mit den Juden anfangen angesichts Ihrer Pläne? erwiderte der Gemütsmensch: Ich bin ruhig. Wenn sie kein Geld verdienen können, werden sie von selbst gehen. Auf die weitere Frage: Wohin sollen sie gehen? Die Juden sind Menschen, sie haben auch das Recht, sich durch ihre Arbeit zu erhalten. Es wäre besser, man lasse sie in Ruhe, antwortete Lueger: Sie sollen gehen, wohin sie wollen. Nur hier sollen sie nicht bleiben. Auch das Bedenken des Interviewers, daß die aufgestachelte Begehrlichkeit der Massen in dem antisemitischen Zukunftsstaat auch vor den Thüren der reichen Arier nicht Halt machen würde, wußte Lueger zu zerstreuen: „Der Eigentumsbegriff ist heilig unserer so arbeitssamen und sanften Rasse. Wenn es sich nicht um die Juden handelt, hat das Eigentum nichts zu fürchten. Wir haben auch die nötige Autorität, um den Antisemitismus in seinen Bahnen zu halten." Abwarten! — Die Vertreter der antisemitischen Internationale, die in Lyon tagen, haben vorgestern folgendes über die Juden beschlossen: Das Gesetz von 1791, das den Juden französische Staatsbürgerrechte verlieh, ist aufzuheben. Inzwischen müssen die Juden vom öffentlichen Unterricht, von der Rechtspflege, der Verwaltung und dem Osfizierstand ausgeschlossen werden. Alle vaterländischen Zeitungen, besonders die katholischen, sollen einen kräftigen antisemitischen Feldzug führen und dazu auch Flugschriften und Nachrichtenagenturen benutzen. Das Gesetz über die Aktiengesellschaften, hinter denen sich die Juden verbergen, soll geändert, kein Jude zur Heerlieferung zugelassen, Warenwucher und Ringbildung strafrechtlich verfolgt und ein Adreßbuch aller jüdischen Kausleute veröffentlicht werden. Billiger machen sie es nun einmal nicht! — Herr Ferdinand Cremieux hat unmittelbar nach der Wahl in das jüdische Zentralkonsistorium von Frankreich erklärt, daß er dieselbe nicht annehme, so daß eine Neuwahl stattenden muß. — Der Herr gehörte auch nicht hinein! London, 26. November. (Eine interessante jüdische Gemeinde in Südafrika. — Bürgermeister Hart. — Statistisches.) Es dürfte alle unsere Glaubensgenossen interessieren, von Juden zu hören, die sich in der Wüste zusammenfinden, um Gottesdienst abzuhalten. Wir meinen Upington (Gordonia). Upington grenzt an die Kalabaniwüste und liegt in British- Bechuana am Oranje. Die nächste Bahnstation ist etwa 300 Meilen entfernt und man braucht mittelst Ochsenwagen 3, manchmal 5 Wochen, um sie zu erreichen. Ein Postwagen verkehrt einmal wöchentlich hin und zurück, er braucht ungefähr sechs Tage zu der Fahrt. So ist es denn für unsere Glaubensgenossen sehr schwer, öfter zusammenzukommen, obgleich einige von ihnen Händler sind, welche mit großen Wagen, die von 14 bis 20 Ochsen gezogen werden, durch die Wüste ziehen und mit den Boers, Kaffirs, Hottentotten u. s. w. Tauschhandel treiben. In Upington haben sich die ersten Kaufleute, Gebrüder Harris, den Dank aller Glaubensbrüder nicht nur, sondern auch vieler Christen erworben, die nach der mühevollen Reise durch die Wüste oft in furchtbarem Zustande hier ankommen, und die die genannten Herren in menschenfreundlichster Weise unterstützen. In der feierlichsten Weise wurden die letzten Feiertage daselbst begangen, zu welchen Harris 12 Gäste geladen hatte. Einige von diesen waren mehr als