Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 818 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 818. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. in Chemnitz wird ein allgemeiner Wettbewerb für deutsche Architekten eröffnet. Die Bedingungen nebst Programm und Lageplan sind von dem Vorsteher der israelitischen Gemeinde Max Bergmann in Chemnitz zu beziehen, die Entwürfe bis 15. Februar künftigen Jahres ebendorthin einzusenden. Für die beiden besten Arbeiten sind Preise von 2000 und 1000 Mark ausgesetzt. Aus Baden, BO. November. (Das Judentum vor Gericht.) Durch Verordnung vom 8. Mai 1884 hat der Oberrat der Israeliten den Gebührenbezug der Ortsrabbiner in Baden für Trauungen aus 18 Mk. festgesetzt und zugleich bestimmt, daß diese Gebühren auch dann an den Ortsrabbiner zu entrichten sind, wenn die Trauung nicht von ihm, sondern von einem anderen, „nicht zuständigen" Rabbiner vollzogen wurde. Nun haben vor einiger Zeit zwei orthodoxe Glaubensgenossen in Breiten und Konstanz zur Vornahme der Trauung ihrer Töchter weder den Stadtrabbiner von Karlsruhe noch dessen Stellvertreter, sondern den Rabbiner der orthodoxen Separatgemeinde in Karlsruhe geladen. Die beiden Gemeinderabbiner forderten später von den Brautvätern in Breiten und Konstanz die ihnen zustehende Traugebühr, da der Rabbiner der Separatgemeinde zu den „nicht zuständigen Rabbinern" gehöre, und als die Zahlung verweigert wurde, strengten sie Klage an. Die angerufenen Bezirksräte entschieden in widersprechendem Sinne; während der Bezirksrat in Breiten den Beklagten zur Zahlung verurteilte, wies der Bezirksrat in Konstanz den Kläger kostenpflichtig ab. In beiden Fällen wurde an den großherzoglichen Verwaltungsgerichtshos als Berufungsinstanz appelliert, und dieser wies beide Kläger ab. — Bei dieser Gelegenheit teile ich Ihnen mit, daß auch das königliche Oberverwaltungsgericht in München in der Klagesache der Kultusgemeinde Feuchtwangen gegen ihren ersten Vorstand wegen Zahlung der Hochzeitssteuer, über die Sie s. Z. berichteten, die Klage abgewiesen und die Erhebung der Steuer als ungesetzlich erklärt hat. B. Wien, 29. November. (Vorstandswahl. — Rechenschaftsbericht.) Am 24. d. Mts. wurde im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde das Resultat der Neuwahlen in den Kultusvorstand offiziell verlautbar. Es hatten im ganzen 2872 Wähler von 11 372 Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben. Die absolute Majorität beträgt daher 1437 Stimmen. Es sind sämtliche Kandidaten der vom „Wahlkomitee für die israel. Kultuswahlen" und dem „Exekutivkomitee der Bethausvereine" aufgestellten Liste gewählt. Es verlautet, daß Advokat Dr. Gustav Kohn erster und sein Kollege Gemeinderat Dr. Alfred Stern zweiter Vorsitzender werden solle. — Der bisherige Vorstand hat aus Anlaß dieser Wahlen einen Rechenschaftsbericht über seine Thätigkeit in den Jahren 1890—96 erscheinen lassen, in welchem das Defizit aus dem Jahre 1895 auf fl. 56 032 angegeben wird. Das Präliminare pro 1896 stellt ein solches von fl. 83 377 in Aussicht und das Vermögen der Gemeinde betrug buchhalterisch nur fl. 40 076,92Vs, in welchem ca. fl. 15 000 nicht realisierbare Darlehen an verschiedene jüdische Vereine als Aktiva enthalten waren. Eine ärmere Großgemeinde giebt es wohl nirgends. A. Z. Wien, 30. November. (Aus dem Gemeinderat.) Es geht sonderbar in unserem Gemeinderat zu. Früher lenkte diese Körperschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich durch die Liebenswürdigkeiten, womit die antisemitische Opposition die Mehrheit terrorisierte; jetzt steht sie in Europa einzig da durch den Ton, in welchem die jetzigen Regierer der Stadt mit den unterlegenen Liberalen verkehren. Es giebt in Europa keine Versammlung, in der die Vorsitzenden so unhöflich die Minderheit behandeln wie im Wiener Gemeinderat: Am 24. d. M. gab es staunenerregende Szenen. Als ein Mitglied der Opposition den Bürgermeister aufforderte, die Verhandlung nicht als Parteimann zu führen, sondern allen Parteien gerecht zu werden, erwidert dieser: er müsse sich förmlich zurückhalten und bemeistern, um der Opposition die Wahrheit nicht ins Gesicht zu sagen. „Sie dürfen mich nicht für so dumm halten, daß ich mich von Ihnen reizen lasse. Was z. B. Herr Brunner zusammengesprochen hat, das ist unglaublich." Der Bürgermeister referierte, begann aber den Bericht mit den Worten, daß er nicht verpflichtet gewesen wäre, dem Gemeinderat die Angelegenheit vorzulegen, da sie in seinen und in den Wirkungskreis des Stadtrats gehöre; aber auf Wunsch des Vizebürgermeisters, der auf dem Standpunkt stehe, dem Gemeinderat sei alles mitzuteilen, setze er den Gegenstand auf die Tagesordnung. Die Liberalen verbaten sich die Erteilung von Gnaden und forderten genaue Auskunft über das viele Millionen umfassende Geschäft, die aber vom Bürgermeister nicht erteilt wurde. So mußte denn der frühere Bürgermeister Dr. Grübl erklären, es müsse angesichts des Schweigens des Bürgermeisters angenommen werden, daß er nicht in der Lage sei, die Antwort zu erteilen. Um die dem Bürgermeister unangenehme Diskussion abzuschneiden, wurde von der Mehrheit Schluß der Debatte angenommen, worauf die Minderheit den Saal verließ, ohne ihn bis heute wieder betreten zu haben. Der Vorsitzende erlaubt sich im Präsidium unter anderem den Scherz, ein oder das andere Mitglied der Opposition, mit dem er von früher befreundet ist, ruhig zu duzen, ein Beschwichtigungsmittel, das von seinen Parteigenossen stets mit lebhafter Heiterkeit ausgenommen wird. Der Wiener nennt dies eine „Hetz", und da Dr. Lueger dieses Volksvergnügen in reicher Abwechslung zu bieten weiß, so bleibt die ihm zugethane öffentliche Meinung in Wien stets bei guter Laune. Jetzt sind sich aber die Antisemiten untereinander in die Haare geraten. Es kam in der letzten Sitzung, der die liberale Minorität fern blieb, zwischen den deutsch-nationalen und christlich-sozialen Antisemiten zu großen Skandalen. Die Veranlassung bot die Subventionierung des katholischen Schulvereins, gegen welche die Deutschnationalen entschieden austraten. Die Christlichsozialen stürmten mit geballten Fäusten auf ihre bisherigen Parteifreunde los. An dem minutenlangen Skandale nahm die Gallerie lebhaft teil. Der frühere liberale Vizebürgermeister Dr. Richter legte sein Gemeinderatsmandat nieder. ffsi Prag, 29. November. (Kein offizieller Antisemitismus. — „Neu-Jsrael".) Vor einiger Zeit erschien in dem Feuilleton der offiziellen „Prager Zeitung" ein Roman mit antisemitischer Tendenz. Das Präsidium der hiesigen Kultusgemeinde-Repräsentanz begab sich sofort zum Statthalter Grafen Coudenhoven, um die Inhibierung des Romans zu erbitten. Dieser jl