Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 815 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 813. Gesprächs mit, die sie nicht verstanden. Das Ghettothor lag vor ihnen und der Arzt stand still. Er atmete heftig. „Sprecht zu niemandem, was Ihr zu mir gesprochen, Jungfrau," sagte er mit gedämpftem Ton, „und nicht zu Eurem Vater, daß Ihr in der Judengasse gewesen, wo Ihr die schöne Tamar Eure Schwester genannt habt." Das letzte war säst wie fragend gesprochen, in einer Art, die Sybille nicht begriff. Sie erwiderte: „Ja!" und setzte, da er noch immer innehielt, hinzu, „ich gehe weiter mit Euch, Herr," doch sie stockte vor dem feierlichen Ausdruck, mit dem seine Augen sich in die ihren hefteten, daß sie dieselben in ihre Seele hinabdringen fühlte. „Ich gehe jetzt, um zu sehen, ob es in meine Hand ist gegeben, meinen Mitmenschen zu Helsen," unterbrach er sie mit tiefem Ernst. „Ihr habt heut Morgen erfahren, Jungfrau, daß es schön ist, einem Menschen das Leben zu erhalten. Aber schöner ist es, wenn man kann viele erretten vor'm Verderben; denkt an mich, Jungfrau, wenn ich nicht mehr da sein könnte, nm es Euch zu sagen, und der Herr es in Eure Hand geben sollte, daß Ihr könntet viele retten, weil Ihr Mut habt und Erbarmen." Er reichte dem verstummenden Mädchen die Hand und zog einen Ring aus gelber Seide hervor, den er am Oberarm befestigte. „Es ist nicht gut für Euch, daß Ihr weiter mit mir geht, mit dem Merkmal, Jungfrau," fuhr er ruhig fort; „lebt wohl, und wenn Ihr zur Nacht in Eurer Schlaskammer liegt, denkt an die schöne Tamar, die Ihr Eure Schwester genannt, und wenn Einer in der Dunkelheit pochen sollte an Euer Fenster und sagt „Thubal!" da thul ihm auf um der schönen Tamar willen, Eurer Schwester." Sybille nickte mit dem Kopf. Sie wußte nicht, weshalb, aber die Thränen traten ihr in die Augen, an denen so viel Seltsames und Erschreckendes, ohne sie feucht zu machen, vorübergezogen. Es lag etwas so sonderbar Bewegtes in dem Ton des besonnenen Mannes, der zu ihr sprach, den sie kaum gesehen und zu dem sie sich ebenso hinzogen fühlte, wie zu den anderen, daß sie hätte vor ihm niedersallen und ihr Gesicht an seine Knie hätte schmiegen mögen, — es klang so feierlich ergreifend wie Abschied, wie Vermächtnis eines Sterbenden, daß sie laut aufschluchzen mußte und die Hände über die Stirn legte und weinte. Doch sie fühlte, daß er auf eine Beantwortung ans seiner wunderlichen Frage harrte, und hob wieder den Kops und versetzte leise: „Mein Fenster ist dem Thor zunächst und Rosen und Myrten stehen davor —" Das Schluchzen unterbrach sie. „Es ist gut, Jungfrau; Deine Myrte soll blühen und Deine Rose duften. Gott segne Dich," erwiderte Thubal liebevoll. Sie fühlte, daß er seine Hand auf ihr Haar legte, daß eine Thräne auf ihre Stirn herabfiel, — als sie ausblickte, stand sie allein in der einsamen Judengaffe und die hohe Gestalt Thubals ben Abia war durch das Ghettothor verschwunden. Hastig lies sie auf das Thor zu, ihr war, als hätte sie ihn noch um etwas zu fragen, ihm eine Zusicherung zu geben, aber sie erblickte ihn nur noch, wie er bereits eilenden Fußes die Gaffe entlang schritt und vermochte ihn nicht.mehr zu erreichen. Dann stieg ein Nebel zwischen ihm und ihr empor. es war eine dichte Rauchwolke, die von einem in der Straße angezündeten Feuer aufwallte und seine Figur, wie in einen grauen Sterbeschleier gehüllt, ihren Augen entriß. Trübsinnig, von schwermütigen Gedanken umdrängt, schlug sie den Weg zum Hause ihres Vaters ein. „Es ist gut," sagte sie, die letzten Worte Thubals leise vor sich hinsprechend. Was hatte er gemeint, was war gut? Falsch und tückisch war die Welt umher und die Mittagssonne brach durch trüben Dunstschleier mit unheimlichem Licht auf die öden Straßen herab. Sie fühlte einen leisen Schmerz in der Schläfe, von dem es wie mit körperlichem Druck dumpflastend über ihren Kopf ausstrahlte. Aber es stieg keine Regung der Furcht in ihr auf. Eine Aufgabe stand vor ihr, die sie nicht kannte, nicht klar gewahrte, aus die sie warten mußte, bis sie zu ihr kam. Und dann „war es gut," und die Rosen und Myrten waren gesegnet und konnten gedeihen. Schnell ging Thubal ben Abia seinem Ziele entgegen. Ost ward er durch Geschrei und Gedränge, das einen aus der Gasse zusammengestürzten Pestkranken umgab, angehalten, und leistete Hilfe, wo sie mangelte. Widerwillig gehorchten die Leute seinen Anordnungen, die Furcht überwog, aber Mißtrauen und Haß funkelten in jedem Blick, der sich ans die gelbe Binde und auf das orientalisch ausgeprägte Gesicht des Arztes richtete. Thubal schien nicht darauf zu achten, doch jeder Ausdruck, jeder leise Ruf des Ingrimms erreichte sein Ohr. Manchmal folgte ein Fluch dem Segen, den seine Hand bewirkt, doch dies schreckte ihn nicht ab, er gab Ratschläge, wo noch zu raten war, und horchte gespannt auf jede Verwünschung und Anschuldigung wider die Juden, die in dem Gelärm der sinnlos aufgeregten Menge umlief. Leichcnträgcr mit Bahren begannen jetzt die Straßen zu durchkreuzen, aus denen überall luftreinigende Feuer emporloderten. Thubal sprach zwei der Träger an und fragte, wohin die leblosen Körper gebracht würden? Sie erwiderten mürrisch, daß der Rat ein Pesthaus vor dem Thor errichtet habe, und maßen ihn mit giftigen Blicken, und er verdoppelte seine Schritte und eilte, ohne weiter anzuhalten, fort, bis er das Spital erreichte. Hier strömte es von allen Seiten zu und es ward ihm schwer, Erkundigungen einzuziehen, in welches Zimmer Hellem gelegt worden. Er begegnete mißtrauischen und gehässigen Augen, wohin er sah; endlich traf er auf einen Wärter, der ihm den Weg deutete und ihn boshaft mit den häßlichen Blicken anbliuzelnd fragte, ob einer aus ihrer eigenen Mitte der Heimtücke der Juden zum Opfer gefallen? Der Arzt gab dem ihm laitcrnd Nrchblickenden, demselben, der am Morgen den Jüngling mit seiner Begleitung in Empfang genommen, keine Antwort und betrat schnell das düstere Zimmer, in welchem Hellem lag. (Fortsetzung folgt.) Hier und dort. * Berlin, 2. Dezember. (Ehanukahfeier.» Unter den erfreulichen Zeichen wiedcrerwachender Regsamkeit im jüdischen Leben Berlins ist nicht das geringste die vielseitige Teilnah,ne, die die öffentliche Feier auch der Feste zweiten Ranges