Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 814 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 814. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. Egypter im Schilfmeer die Folge dieser Befreiung war. Darum lassen wir auch heute noch aus dem Psalmen-Zyklus „Halle!" die Hälfte des dritten und des vierten Psalms weg, von dem Tage an, an dem die Egypter zur Verfolgung Israels auszogen, vom dritten Peßachtage an, weil diese Verfolgung für Pharao und die Egypter verhängnisvoll wurde. — Nein, nicht der Sieg und sein eitler Glanz ist es, zu dessen Erinnerung und Feier Israel alljährlich seine Chanukahlichtlein anzündet, sondern es ist — die Selbstbehauptung Israels gegen den Vernichtungskampf, den das Griechentum durch die Macht der Syrer gegen Israel, gegen das Judentum geführt hat. Israel, als Israel, hat nie für den Sieg, nie für die Herrschaft gekämpft, sondern nur für seine Freiheit, für seine Unabhängigkeit in seinem religiösen Leben. Herrschen will Israel nicht, cs will nicht, daß irgend eine Religion sich dem Judentum politisch oder sozial unterordne. Israel betrachtet die Herrschsucht einer Religion als eine Gefahr für deren innere Freiheit. Jeder Herrschsüchtige ist von seinen Untergebenen ebenso abhängig, wie diese von ihm. Der „Hammer" dünkt sich ja mehr zu sein als der „Amboß", aber ebenso hart, wie der Hammer den Amboß trifft, trifft der Amboß den Hammer. Wie viel edle geistige Kraft verbraucht eine Religion, die herrschsüchtig ist, auf die Behauptung ihrer Herrschaft, die viel besser aus die Bethätigung ihrer Lehren und Grundsätze verwendet würde! Ja, wie oft geraten Lehren und Grundsätze in Kollision mit der Herrschsucht, und diese bleibt Siegerin! Hätte je ein Scheiterhaufen geflammt, wenn die Religion nicht von der Herrschsucht überflügelt worden wäre? Das Judentum als Religion ist absolut frei von dem Element der Herrschsucht, ja selbst seine Freiheit und Unabhängigkeit verlangt es nicht in dem Umfange, daß es den andern Bekenntnissen hinderlich oder störend werden könnte. Was es abweist, was es zu bekämpfen sich verpflichtet fühlt mit aller Kraft, das ist nur der beabsichtigte Eingriff in sein religiöses Leben. In seinem religiösen Leben will es kein Kommando anerkennen und sich zu keiner Subordination verstehen. Israel will nur sich behaupten, und aller Sieg hat in Israel nur insofern Wert und Bedeutung, als der Sieg unbedingt erforderlich ist für die Selbstbehauptung Israels. So ist es auch mit den Makkabäer-Siegen: die erneute Einweihung des durch Götzendienst verunreinigten Altars, der wiedereingerichlete Tenipeldienst, die wiedergewonnene Freiheit der Religion wird gefeiert in unserem Chanukahseste, nicht die kriegerischen Ruhmesthaten der Makkabäer. Die Makkabäersiege sind durch härtere Niederlagen verdunkelt worden, ja sie haben diese Niederlagen herbeigeführt, indem sie eine Partei ins Leben riefen, die mit ihrer Herrschsucht sich zur Religion Israels in Gegensatz stellte: die Partei der Sadduzäer. So wurden die Makkabäersiege selbst eine Gefahr für den Bestand und die Reinheit der Religion Israels. Mögen andere sich dem Siegesrausch hingebcn, Israel war stets nüchtern genug, um sich bewußt zu sein, daß auch ein Siegesrausch ein — Rausch ist. Israel feiert seine Selbsterhaltung durch die ihm innewohnende Kraft, und je größer spätere Niederlagen waren, je tiefer es von späteren Feinden niedergedrückt wurde, je gefährlicher der Haß einer Welt ihm Vernichtung drohte, um so ruhmvoller steht die innere Kraft des Judentums da, die sich auf dem Schauplatze der Geschichte erhalten und behauptet hat. Das ist die ewig moderne Bedeutung des Chanukahfestes. Dr. I. Goldschmidt. Aas große Sterben. Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. Ein Blick seiner ernsten Augen traf Tamar, und sie legte den Arm um den Nacken des Thorwärtertöchterleins und schritt mit ihr die Treppe hinab, während Lea die Mägde herbeirief und nach der Vorschrift des Arztes ein gewaltiges Feuer aus Chamomillen im Kamin entzünden ließ. Drunten vor der Thür küßte Tamar die neue Freundin liebreich zum Abschied und blieb ihr nachsehend stehen, wie sie mit der hohen Gestalt Thubals durch die Judengasse hinabschritt. Und wenn Sybille sich umwendete und zurückwinkte, war es ihr, als stände sie noch immer droben in dem ersten Gemach vor dem wunderbaren Bilde, ans dessen Rahmen die schöne Tamar, „schöner als alle Christenfrauen", liebreich und majestätisch herabsah. Doch die abergläubischen Gedanken, welche sie bei ihrem Kommen übermannt, waren verschwunden und eine mädchenhaft-ungestüme Neigung an ihre Stelle getreten, die sogar das freundliche Bild ihres Beschützers verblassend zurückgedrängt hatte, die gewaltsam in dem jungen, unberührten Herzen erwacht war und mit anmutiger Erinnerung verschmolz. Leidenschaftliche Freundschaft, deren Mut der Verachtung trotzte, mit dem ihr Vater, mit dem die Welt, die sie bis jetzt umgeben, den Gegenstand derselben verfolgte. Sie hatte im Anfang Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen; der Arzt ging nachdenklich und langsamer, als seine frühere drängende Eile erwarten ließ, neben ihr her. „Euer Vater ist Wächter am Frankfurter Thor, Jungfrau, und er haßt unser Volk?" Sybille wich errötend dem Blick des Arztes aus und nickte leise mit dem Kops. „Woher wißt Ihr es?" versetzte sie zögernd. „Weil Niemand uns liebt, als unsere Brüder," erwiderte Thubal ruhig; „weil die Welt sagt, wir treiben Wucher, und häufen das Gold der Armen, weil sie sagt, daß wir Christenkiüder auf unseren Altären opfern, und wenn Krankheiten Hereinbrechen, Gift in die Brunnen geworfen haben, um Euch zu verderben, und weil es Unglückliche giebt, die daran glauben." Das Mädchen senkte verstummend die Stirn, dann sah sie mit klaren Augen zu ihm aus. „Ich habe es nie geglaubt," versetzte sie traurig, „denn ich weiß, Ihr betet zu demselben Gott, wie wir, — aber —" „Aber —?" wiederholte er, da sie schwieg. „Aber es giebt boshafte Menschen, Herr," fuhr sie hastig fort, „hütet Euch vor ihnen. Ich wollte Euch warnen, doch rch hatte es vergessen über all dem, was dazwischen gekommen." Sie erzählte atemlos die Unterredung der Junker, die sie am Morgen vernommen. Das Gesicht Thubals wurde immer düsterer, Gedanken jagten sich auf seiner Stirn. Endlich stockte sie, abgebrochen teilte sie die Worte des leise geführten