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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · p. Seite 813

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 813 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 49. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite 813. mehr Eindruck, als der Verfasser des Brieses, Herr Eisenstadt in Jaffa, als Leiter des Arbeitsausschusses des Odessaer Palästina-Vereins uns genannt und von uns bezeichnet wurde. Nun sendet uns Herr Etsenstadt folgendes Schreiben: „ . . . In der Nr. 39 Ihrer geschätzten Zeitschrift steht ein Artikel, der eine Uebersetzung meiner hebräischen Arbeit im Achiaffaf sein soll. Diese angebliche Uebersetzung ist leider zu ungenau und tendenziös gefärbt und durchaus nicht sinngetreu. Als Publizist, welchem die Sache sehr nahe am Herzen liegt, betrachte ich es als meine Pflicht, sowohl die guten, als auch die schlechten Seiten unserer Arbeit zu beleuchten. Sie haben aus der Serie meiner diesbezüglichen Artikel gerade denjenigen gewählt, der dem nicht eingeweihten Leser als gegen die zionistische Sache sprechend scheinen wird. Da die Wahrheit doch die erste Bedingung zum Gelingen solcher großen Unternehmungen ist, so ist die Erkennung auch der Schattenseiten den Zionisten sehr gelegen. Ich bitte Sie, diese Berichtigung abzudrucken. Außerdem erlaube ich mir zu bemerken, daß ich keineswegs dem Arbeitsausschüsse des Odessaer Palästinavereines vorftehe, sondern nur ein Mitglied desselben bin." — Ohne das Wort „Jaffa" im Poststempel und den Namen Eisenstadt aus dem Briefbogen würden wir an eine plumpe Mystifikation geglaubt haben. Denn die in dieser „Berichtigung" behaupteten Thatsachen sind sämtlich unwahr. Unsere freie Wiedergabe des Berichtes ist weder „ungenau" noch „tendenziös gefärbt" noch „nicht sinngetreu", davon kann sich jedermann überzeugen, der beide inbetracht kommenden Sprachen versteht. Unwahr ist, daß der Bericht aus einer „Serie diesbezüglicher Artikel" gewählt worden sei; Herr Etsenstadt hat außer dem reproduzierten Berichte, ein völlig abgeschlossener Beitrag, keine Zeile mehr in dem uns vorliegenden „Achiaffaf" geschrieben. Richtig scheint nur eines, daß nämlich Herr E. nicht Vorsitzender, sondern Mitglied des Arbeitsausschusses ist; dieses eine jedoch hatten wir nur als eine uns gewordene Mitteilung registriert, diese Rangverschiebung ändert aber auch nicht das mindeste an der Wahrheit des düsteren Berichts und an der Kompetenz seines in Palästina lebenden, mit den Zuständen in den Kolonien vertrauten Verfassers. Wir stellen die heutige Nr. Herrn Eisenstadt rekommandiert zu, und sollte er trotz dieser Widerlegung den Mut haben, unsere Reproduktion in Nr. 39 als ungenau und tendenziös hiuzustellen, so werden wir seinen hebräischen Bericht abdrucken und übersetzen, damit sich die Leser überzeugen, daß diesmal die Wahrheit nicht von Palästina ausgegangen ist. — Anklage und Rechtfertigung. Im „Nabljudatelj" („Beobachter") erschien dieser Tage ein wütender Ausfall gegen die Juden in Polen, der diese für alles und jedes, was je in Polen geschehen und den Polen widerfahren, verantwortlich macht. Der halbossiziöse „St. Petersburg Herold" reagiert auf den Angriff und wehrt ihn ab, indem er das im „Nabljudatelj" entworfene Bild als grell und tendenziös bezeichnet, und dann fortsährt: „Den Juden ist der Verfall des polnischen Staatswesens am allerwenigsten zuzuschreiben. Der ausschlaggebende Grund hierzu ist zweifelsohne die bekannte Disziplinlosigkeit des polnischen Adels im Besonderen und die politische Unreife des Volkes im Allgemeinen gewesen. So verwerflich alle parasitären Existenzen und Bestrebungen sein müssen, so ungerecht muß andererseits der den Juden zum Vorwurf gemachte Ruin der Gutsbesitzer und Bauern genannt werden. Sollte dieser Ruin thatsächlich nur den Juden zuzuschreiben sein, oder muß nicht vielmehr ein großer Teil der Schuld den von dem Ruin Betroffenen zur Last gelegt werden? Die gerechte Ueberlegung wird sich umsomehr der letzteren Annahme zuneigen müssen, als die Konformität der Verhältnisse in anderen Rayons eine für die Juden bedeutend günstigere Beurteilung ergiebt. In Kurland giebt es beispielsweise nur wenige Güter, welche sich nicht der Dienste jüdischer Faktore im weitesten Maße bedienen und doch ist dort noch nie auch nur ein Fall zu verzeichnen gewesen, in welchem der Faktor seinen Herrn von Haus und Hof vertrieben hätte; im Gegenteil, der jüdische Faktor erfreut sich dort seiner Gewandtheit und hoher Ehrlichkeit wegen des allerbesten Rufes. Ungerecht ist es schließlich, den Juden ihre Vorliebe für die leichteren Erwerbszweige zum Vorwurf zu machen. Ganz abgesehen davon, daß man zahlreiche Juden oft die allerschwersten Arbeiten, wie z. B. das Steinklopfen auf deu Chausseen re. verrichten sieht, kann den Juden unmöglich die Bethätigung der Intelligenz, welche gerade bei den leichteren Erwerbszweigcn umfassend verwertet werden kann, als Verbrechen angcrechnet werden. Die Verallgemeinerung einer solchen Annahme müßte folgerichtig nur der rohen, physischen Arbeit eine Existenzberechtigung zugestehen." Feuilleton. Die ewig moderne Bedeutung des Chanulrahfestes. (Zu Sabbat-Chanukah.) Was feiern wir am Chanukahsest? Etwa die Siege der Makkabäer? Nein! Ein Glaubenskreis, der nicht den „Triumph" seines Bekenntnisses (ecolesin triumphans) von seinem Messias erwartet, sondern das Aushören der Kriege; der den „Frieden" gleichsam als das Wappen des Messias-Reiches betrachtet — ein solcher Glaubeuskreis kann nicht Siege aus dem blutigen Felde der Schlacht zum Gegenstände einer religiösen Feier machen. Und am wenigsten Siege, die Jahrtausende hinter uns liegen; Siege, denen schon unzählige Niederlagen und Demütigungen gefolgt sind! Nein, eine alljährlich zu begehende Feier darf sich nicht auf einen eitlen Ruhmeskranz beziehen, der längst verwelkt ist. Israel feiert überhaupt keine Siege. Jeder Sieg hat zur Kehrseite eine Niederlage, und was im Siege als „Sieg" gefeiert wird, ist die „Niederlage" des Feindes. Israel feiert aber nie die Niederlage seiner Feinde, denn Israel ist nie der Feind seiner Feinde. Im Gegenteil: Israel dämpft seine Triumphgesänge über eigene Rettung, sobald diese nur durch Vernichtung der Gegner erkauft werden konnte. So hat der Talmud — der verschrieene, angefeindete Talmud! — die Freudengesänge der Synagoge über die Befreiung aus Egypten seiner kräftigsten Jubel-Akkorde beraubt, weil der Tod der

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