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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · p. Seite 812

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 812 (sequence 8)
Language
German
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Seite 812. Ungemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. haben, oben waren es „liebliche Weisen", hier ist es ein „liebliches Wort". Aber nur für das deutsche „liebliche", denn das hebräische „wenechmod wenoim“ ist von Dr. Vogelstein gestrichen. Die Tautologien: „wahr und wahrhaftig, bewährt, gütig, feststehend" klingen aber gar nicht — lieblich. — „In Weltenhöhen ist Dein Thron, doch Deine Gerechtigkeit und Deine Huld reichen bis zu der Erde Enden". Wo sind die „Weltenhöhen" und wo der „Erde Enden"? Oder vielmehr: wo sind sie nicht? Und was rechtfertigt den Gegensatz: „Doch" rc.? — Das Ptolemäische Weltsystem des Originals ist uns gar nicht mehr geläufig, und doch ist die Sprache des Originals weniger fremdartig: „Erhaben über der Welt ist Dein Thron, und Deine Gerechtigkeit und Deine Huld waltet auch da, wo die Erde nicht mehr ist". Das hebräische ephe3 ist weniger ein „Ende" als ein „Nichtsein". „Heil dem, der sich zu Herzen nimmt, was Du lehrst und kündest" — wieder eine schale Tautologie und eine Unrichtigkeit: ein „Künden" „sich zu Herzen nehmen" ist eine Künstelei. „Das haben unsere Väter froh erfahren" — hier soll das kalte „erfahren" durch das warnie „froh" aus eine höhere Temperatur kommen, ist aber dadurch nur unnatürlich geworden. „Da rang sich aus tiefster Seele das Lied empor zu Dir" — ein Lied „ringt" sich nur dann „aus liesster Seele empor", wenn es ein Klagelied ist, hier ist die Rede vom „Lob- und Dankliede" und das schwingt sich empor. „Moses und die Kinder Israels stimmten das Wort des Preises Dir zu Ehren an" — ein Wort des Dankes rc. ist gebräuchlich, u. z. da wo man den geringsten Dank bezeichnen will. „Kein Wort des Dankes, der Ermutigung, des Trostes rc. haben", d. h. auch nicht ein Wort. Ein „Wort des Preises" ist also eine Herabsetzung des Preises. Und dann: Kann man auch ein „Wort" an stimmen? — Und haben Mose und die Kinder Israel ihr Wort des Preises „Gott zu Ehren" angestimmt? Ich meine, der Gott, der das Schilfmeer spaltete, bedurfte dieser Ehre nicht, das ist ein Licht, um die Sonne zu beleuchten! Man kann sich zur Ehre Gottes hinopfern; aber wenn die Allmacht Gottes so wunderbar zu Tage tritt, wie am Roten Meere, ein „Wort des Preises Gott zu Ehren anstimmen" — nun, der Gedanke ist so schnitzerhaft, wie die sprachliche Einkleidung. — Das Ni chomocho übersetzt Dr. Vogelslein: „Wer ist wie Du . . . . prangend in Heiligkeit, ehrsurchtbar in Ruhmcsthaten, Wunder vollbringend"! Ist das eine Uebersetzung des Gebetbuches oder die Uebersetzungsprobe eines Tertianers? „Ehrfurchtbar", eine Bereicherung (?) der deutschen Sprache aus dem Jargon des Gebete-Uebersetzens! Und das ganze, welche Krüppelhaftigkeit! Hier ist wieder eine Konstruktion, wie die oben zu Nischmath („das Gedächtnis deiner Thaten") angemerkte. Der Hebräer zieht zusammen: „Wer ist Dir gleich unter den Göttern, Ewiger? Wer ist gleich Dir, mächtig in Heiligkeit, erhaben im Ruhm, ein Wundertäter!" Der Deutsche muß das auflösen: „Wer ist, gleich dir, allmächtig und heilig, erhaben und ruhmvoll? Wer, gleich dir, ein Wunderthäter"? Das. „Ein neues Lied weihten die Geretteten deinem Namen" — Gott „weiht" man kein Lied, wie schon oben ben'crkt, und was das für ein neues Lied war, das darf der wissen wollen, der Deutsch betet. — Auch hier haben wir noch lange nicht beanstandet, was uns unrichtig erschien. Wir griffen ebenfalls nur das Auffallendste heraus. — m. Wochen-lLhronik. — Ein antisemitisches Blatt für die jüdischen Kultusbeamten. Der Not der jüdischen Kultusbeamten verschließt die Freisinnige Tagespresse Deutschlands Augen und Ohren, dies ist wohl für das Stöckersche „Volk" Veranlassung, für die armen Kultusbeamten einzutreten. Zu der Notiz, daß der „Provinzialverband jüdischer Lehrer" beschlossen hat, an geeigneter Stelle zu petitionieren, daß die Kündigung von Beamten seitens der Gemeinde der behördlichen Prüfung und Genehmigung zu unterliegen habe, bemerkt die Redaktion: „Jüdische Blätter (gemeint sind die liberalen Tageblätter, die von den antisemitischen Zeitungen konsequent „Judenblätter" genannt werden) eisern genug um die bessere Besoldung der Volksschullehrer, was ihnen natürlich nicht verwehrt sein soll'; um die der jüdischen Kultusbeamten kümmern sie sich herzlich wenig und in diesen Kreisen sind die Verhältnisse meist entsetzlich ärmlich und der Aufbesserung wohl bedürftig. Jedenfalls ist auch die harte Unterthänigkeit, in der die Juden ihre Gemeindebeamten zu halten pflegen, eine sehr empfindliche Maßregel, die an anderen Religionsgesellschaften sicherlich wohl getadelt werden würde, im eigenen Lager aber mit bekanntem Pharisäismus übersehen wird." — Zu unserer Beschämung müssen wir zugeben, daß das antisemitische Blatt hier kein Wort zu viel gesagt hat. — Der Juden Anteil am deutschen Staatsleben im Mittelalter. Wie eine Ironie aus die Bestrebungen der Antisesemiten, die die jüdischen Bürger des Deutschen Reiches zu „Fremden" stempeln wollen, liest es sich, wenn Karl Lamprecht in seiner „Geschichte des deutschen Volkes" am Schluffe eines Kapitels über mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte sagt: „Allein wenn sich auf dem Gebiete der Finanzverwaltung die Spuren einstiger jüdischer Einwirkung verwischen ließen, so blieb diese Einwirkung doch jedenfalls in der Gesamtgeschichte der Territorialbildung nicht ohne tief eingreifende Ergebnisse. Wohl schwerlich wird sich in anderen deutschen Territorien die Bedeutung des jüdischen Einflusses bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts in ebenso sicherer Weise veranschaulichen lassen, wie in Trier — wo wird uns denn überhaupt ein gleich übersichtliches Bild einer Landesfinanzverwaltung gezeigt —, indes wird es doch möglich sein, in den meisten Territorien einzelne Spuren einer in analoger Weise ausgebildeten Einwirkung auszuweisen. Ist dies aber der Fall, so kann den Juden ein bemerkenswerter, wenn auch erzwungener Anteil an der Entwickelung des deutschen Territoriums und damit des modernen deutschen Staates nicht abgesprochen werden." — Eine „Berichtigung." In Nr. 39 unseres Blattes reproduzierten wir einen Brief, den das hebräische Jahrbuch „Achiassas" aus Jaffa erhalten und in seinem jüngsten Hefte zum Abdruck gebracht hat. Der Brief zeichnete in düstern Farben die Verwahrlosung, die inmitten der jüdischen Kolonisten in Palästina Platz gegriffen, und machte hüben umso-

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