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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · p. Seite 811

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 811 (sequence 7)
Language
German
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Nr 49. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 811. die „Seraphim, Cpljannim und Chajoth": „sie stimmen an;" . ferner „weiht" man Gott kein Loblied. Man kann sich und sein Thun Gott, d. h. dem Dienste Gottes weihen; wenn ich aber ein Loblied iveihe, so erweise ich ihm eine Ehre, und das ist bei Gott nicht am Platze. Das. „den Blick zu deiner Himmelshöhe" gewandt, hat dein Sänger den Ausspruch gethan: „Danket dem Herrn, der die großen Himmelslichter geschaffen." Wie bombastisch, wie leer und wie falsch! Von dem Sänger, der „die großen Himmelslichter" in den Nebensatz bringt, kann man nicht mehr sagen, daß er den Blick znr Himmelshöhe gewandt habe. Ter Hauptsatz giebt die Richtung des „Blickes" an, und der spricht von Gott. Vogelstein hat kein Gefühl für das Zurücktrcten des Nebensatzes. Und seit wann „thut" ein „Sänger" einen „Ausspruch"? Und wer hätte das gedacht, daß die Aufforderung- „Danket dem Herrn, der die großen Himmelslichter geschaffen" ein - „Ansspruch" ist? Das ist eine Entdeckung, eine Original-Idee des Herrn Dr. Vogelstein. Ich begreife nur die Westfälischen Lehrer nicht, daß sie ein solches Deutsch und eine solche Logik sich aufoktroyieren lassen. Solche Fehler wären schon für einen Tertianer-Aufsatz zu viel. Im Ali;uvo rabbo sollen wir beten: „Gieb auch uns einen einsichtsvollen Sinn, daß wir deine Lehre begreifen und sie in Liebe und Herzcnsfreudigkeit üben." Das Original war bescheidener und war schon mit der bloßen Hebung, als Blüte des Forschens, zufrieden. Herr Dr. Vogelstein hat eine bessere Meinung von uns; das Heben setzt er als selbstverständlich voraus, dazu braucht man Gottes Beistand nicht; aber in Herzen sfr eud igkeit die Lehre zu üben, darum handelt es sich in unserer so religiösen (!) Zeit. Es ist das wieder so ein schönes Wort, uni die innere Hohlheit zu verdecken. ein Kranz ans einem Sarge. Dr. Vogelstein weiß sehr wohl, daß „die Lehre üben" nicht mehr die Sprache des modernen Publikums ist; darum will er es durch das Bouquet „Herzensfreudigkeit" modernisieren Warum emanzipiert er sich aber nicht überhaupt von aller Phraseologie, die unsere moderne Anschauung nicht mehr wiedcrgiebt? Z. B.: „Gieb auch uns einen einsichtsvollen Sinn, daß wir deine Lehre begreifen und durch sie unsere Pflicht erfüllen und die Tugend üben." Das wird mehr Widerhall im Herzen des Beters finden, als das süßliche Gefasel: „Liebe und Herzenssreudigkeit." Das. „daß Liebe zu dir und Ehrfurcht vor deinem heiligen Namen beständig in unserem Herzen weilen" wie kalt, wie schal muß die „Liebe" und „Ehrfurcht" sein, von der wir keine andere Wirkung erwarten, als das; sie „in unserem Innern weile"! Das. „denn auf dich vertrauen wir mit gläubiger Seele, die zuversichtliche Erwartung deines Heils und deines gnadenreichen Beistandes macht uns froh und fröhlich." „Froh und fröhlich" das soll dem nogilo wenissmecho des Originals entsprechen. Aber ich denke, Herr Dr. Vogelstein wollte ja eine „freie Uebertragung" liefern? Ist denn das „froh und fröhlich" eine so wertvolle, inhaltreiche, oder auch nur gutklingende Phrase? Abgesehen davon, daß auch hier Herr Dr. Vogelstein seinem Publikum mehr Frömmigkeit zutrant, als das Original dem seinigen. Das Original sagt: „Aus i 1 deinen heiligen Namen, der stets groß und erhaben sich bewährt hat, vertrauen wir: o laß uns jubeln, dauernd uns erfreuen deiner Hilfe!" Was hier als Gebet steht, verwandelt Dr. Vogelsteins gute Meinung von unserer Zeit zur Thatsache: wir sind in der zuversichtlichen Erwartung des Heils und des gnadenreichen Beistandes Gottes froh und fröhlich! Das ist doch nicht wahr! Wie kann man denn so ununterbrochen in den kindlichsten Utopien schwelgen? Herr Dr. Vogelstein sagt doch im Vorwort mit solcher Emphase: „Wir wollen wahrhaft sein in allem, was wir reden, und besonders wenn wir uns betend an den Gott der Wahrheit wenden!^ Das „Sch'ma" übersetzt Dr. Vogelstein: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einziges ewiges Wesen." Warum nicht: der Ewige ist unser Gott? „Der Herr", diese Uebersetzung des Gottesnamens sollte sich im jüdischen Gottesdienste nicht so einbürgern, daß es sogar in das Sch'ma sich einschmuggelt. Der Ewige — wie viel religiöser klingt das schon, als der Herr?. Der Ewige — das umfaßt schon die ganze Unendlichkeit Gottes: was ist dagegen das gehaltlose „der Herr"? Und warum die mangelhafte Interpunktion? Nach „Höre Israel" muß doch ein Doppelpunkt stehen und am Ende des Satzes ein Ausrufungszeichen. „Von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft" — wie unsymmetrisch! Warum nicht genau nach Original: „Mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit dein ein ganzen Vermögen?" Kann man denn bei „Vermögen" nicht ebensowohl an die psychologische, wie an die n ckionalökonomische Bedeutung denken? Ueberhaupt ist das „von ganzem Herzen" viel abgeblaßter, vergriffener als das persönlich gehaltene: „mit deinem ganzen Herzen" re. — „Wenn ihr aus meine Gebote hört, die ich euch heute erteile" — gewöhnlich werden nicht Gebote, sondern nur Befehle „erteilt". — „So werde ich eurem Lande Regen geben zu rechter Zeit, Frühregen und Spätregen" — das muß heißen: „zur rechten Zeit", denn es ist eine bestimmte Zeit, um die es sich handelt: Frühregen und Spätregen. — „Daß du einsammelst dein Getreide" rc. — hier ist das Einsammeln fälschlich zu einer Folge des Regens gemacht. Es muß vielmehr heißen: „Und du wirst einsammeln dein Getreide" rc. — „Ich werde auf deiner Flur Gras sprießen lassen für dein Vieh" — für das „Vieh" ist „sprießen" zu gewählt, für das Vieh genügt „wachsen". - Das. „und ihr bald schwinden müsset von dem gesegneten Lande" — das Original hat nur „schwindet". Warum auch „müsset"? „Kein Mensch muß müssen", und besonders im Geiste dieses Bibel-Stückes, das „Glück und Unglück" als „Lohn und Strafe" hinstellt. Ta giebt es kein „Muß", die Bekehrung kann jedes Unglück abwenden. — „Ich bin der Ewige, euer Gott" — besser: „Ich, der Ewige, bin euer Gott." Auch stimmt dies Ende: „der Ewige, euer Gott" nicht zum Anfänge: „der Herr, unser Gott". Im Ume88 wejazziw: „Sein Wort voll Lebenskraft und Kerngehalt" — „Kerngehalt" erinnert an Kernseife. — „Das ist ein wahres und wahrhaftiges Wort, bewährt und lieblich, giltig und feststehend" — für > das „Liebliche" scheint Herr Dr. Vogelstein ein faible zu

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