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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · p. Seite 810

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 810 (sequence 6)
Language
German
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Seite 810. Allgemeiae Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. Rarontonga. Aus dieser ist der Chef der wichtigsten Verkehrsunternehmung, der Kooks-Trade-Kompany, ein Oesterreicher namens Kohn. Ueberall findet man also Juden, und nirgends läßt man sie zu Hause sein. Es eignet sich anch nicht jeder Ort zu ihrer Ausnahme. So muß sich die Jewish Colonisation Association, die Erbin des Baron Hirsch, jetzt schon damit beschäftigen, daß die Resultate in Südamerika ungünstige sind. Die Juden gedeihen dort nicht, und cs zeigt sich ein ganz deutlicher Antisemitismus auch schon dort. Was soll also aus den Juden werden? Totschlägen kann man nicht alle und die üblen Druckerscheinungen mehren sich. Jeder Tag liefert uns Berichte und man braucht nur unsere Zeitungen zu lesen, um eine gedrängte Uebersicht der alle Wochen vorkommendcn Mißhandlungen und Verfolgungen von Juden zu finden. Unter solchen Umständen hat sich uns der Gedanke aufgedrängt, ein Becken zu konstruieren, welches von überallher die für überflüssig angesehenen, als schädlich empfundenen Juden ausnimmt, und als dieses Becken erscheint den Kolonisationsfreunden der alte historische Ort, wo das Volk der Bibel gewohnt hat, welches unsere breiten, noch nicht so gebildeten Massen noch immer sehr lieben. Man findet das ja lächerlich. In dem Lande, welches aus sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt, ist durch einen merkwürdigen Zufall die Wiederanpflanzung möglich. Sie wissen alle, was jetzt am Bosporus vorgeht. Es ist das unter dem Flamen „Die Lage der Türkei" bekannt. Die Lage der Türkei ist eine ziemlich schlechte. Ich war im Juni dieses Jahres dort, um mir Rechenschaft zu geben, über alle diese Verhältnisse, und ich habe auch einiges feststellen können. Die Lage ist eine sehr schlechte, und das läßt sich für die Lösung der Judenfrage gebrauchen. Sie werden erst kürzlich von Versuchen gehört und gelesen haben, die gemacht werden, um die finanzielle Lage der Türkei zu sanieren. Die finanzielle Lage ist nämlich thatsächlich die Wurzel all dieser Zustände. Die Finanzen der Türkei in die Hand zu nehmen, ist nur möglich mit Hilfe der jüdischen Hoch bank. Ich meine, daß diese diplomatisch finanzielle Aktion für die Kolonisation und somit für die Lösung der Judenfrage nachteilig ist,^und ich hoffe, daß sich die jüdische Hochbank dazu nicht hergeben wird. . . . Die Kolonisation im großen Maßstabe, die wir für wünschenswert halten, kann nur gedacht werden als eine, die unter ihrem Selbstschutze steht und ihre Autonomie hat, sonst verpflanzen wir neue Armenier irgendwohin. Die Erlaubnis der Masseneinwanderung wäre nun ein großes Zugeständnis von seiten der türkischen Regierung, für das man ihr wieder Zugeständnisse machen müßte. Das kann ungefähr in folgender Weise gemacht werden. Es wird für die Erlaubnis der Einwanderung von Juden in Palästina in dem großen Maßstabe, wie es notwendig ist, eine Anleihe geboten. Diese Anleihe basiert auf einem Tribut, welchen die Juden zu zahlen haben. Dafür giebt es in der Geschichte eine Menge von Beispielen, das ist also nichts Ungewöhnliches. Der Tribut wäre für die ersten Jahre von 100000 Pfund Sterling beginnend gedacht und würde bis zur Höhe von etwa einer Million Pfund Sterling ansteigen. Auf diesen Tribut wird dann das Anlehen gemacht. Es könnte also die Türkei ein ansteigendes Anlehen bekommen, das mit zwei Millionen Pfund Sterling beginnt und bis zu 20 Millionen Pfund Sterling ginge. Das ist wenigstens etwas, das ernsthaft diskutiert wird und nicht nur am Kaffeehaustische oder im Wirtshause, sondern von Leuten, die einiges zu verfügen haben. Der Tribut, welcher dem Anlehen zugrunde liegen soll, kann durch die bestehenden Kolonisierungsgesellschaften garantiert werden. Es giebt namentlich einen sehr großen Fond, der dazu beinahe ausreichen würde. Immerhin wäre _ man dabei noch auf die Mitwirkung, wenn schon nicht ans das Geld der Hochbank angewiesen. Käme man aber nicht in der nächsten Zeit zu einer solchen Verständigung mit der Türkei, so könnten die Juden inzwischen überall einen Nationalfond für diesen Zweck sammeln. Der Fond müßte selbstverständlich überall in der Verwahrung derjenigen bleiben, die ihn gesammelt haben. Auch bedingte Subskriptionen würden genügen. Daß ein solcher Fond zu sammeln ist, wird jedem Juden einleuchten. Nicht nur denen, die, wie beispielsweise gewisse russische Zionisten, das Land, das sie kaufen wollen, unter sich auslosen und also darin eine Art von Lotterie konstruieren. Es wird auch denjenigen einleuchten, die keine Auswanderungsgedanken. haben, weil sie erkennen werden, welche Sicherung ihrer Existenz darin liegt, wenn es gelingt, die Massen von russischen und rumänischen Juden dort anzusiedeln. Zur Leitung der verschiedenen wirtschaftlichen und technischen Aufgaben würde eine Jugend verwendbar werden, der jetzt in vielen Ländern das Vorwärtskommen schon sehr erschwert ist. Es würde dadurch eine große Erleichterung bewerkstelligt werden, die sich überall bemerkbar machen müßte, und zwar bis zu dem Grade, wo man auch bemerkt, daß die Juden nicht mehr in genügender Anzahl vorhanden sind. Es würde zum Schwinden und zum Zusammenbruche des Antisemitismus führen. . . . Man soll nicht mit einem billigen Witze sagen, daß wir im Sinne der Antisemiten sprechen. Das ist falsch! Es schwärmen ganz ernste und durchaus nicht judenfeindliche Christen für diese Idee. Sowie in der Griechenzeit die Ausrichtung Griechenlands der Menschheit gefallen hat, so wird ein Schrei der Bewunderung durch die Welt gehen, wenn diese getretenen Juden sich unter den Beschimpfungen so hoch ausrichten. Und darum glaube ich, daß wir in einer solchen Zeit, ob uns auch manche einzelne Ansicht trennt, ob der eine sein Ideal etwas weiter vorwärts oder ostwärts setzt als der andere, daß wir uns einander nähern und fest zusammenhalten sollen, weil man uns auch in Bausch und Bogen bekämpft. Ich weiß nicht, ob wir noch in dieser Generation die Befreiung aus Schimpf und Elend erleben werden. Möglich ist es, vorausgesetzt, daß wir klug und entschlossen sind. Aber das weiß ich, daß schon das Wandern auf diesem Wege uns zu anderen Menschen machen wird. Wir gewinnen unsere verlorene innerliche Einheit wieder und mit dieser ein bischen Charakter, und zwar unseren eigenen Charakter, keinen marranischen, erborgten, unwahren, sondern unseren eigenen. Und daun erst wollen wir mit allen anderen rechtschaffenen Menschen wetteifern in Gerechtigkeit, Nächstenliebe und hohem Freisinn, wollen uns auf allen Feldern der Ehre bethätigen, in Kunst und Wissenschaft es vorwärts zu bringen trachten, damit ein Glanz von unseren Thaten aus die Aermsten unseres Volkes zurücksalle." So weit Herzl. In Ihrem ersten Artikel, der Ihre Leser mit dem „Judenstaat" bekannt machte, haben Sie Dr. Herzl treffend als einen Mann bezeichnet, dem der Zionismus kein G. schüft und sein Projekt kein Phantom, dem es heiliger Ernst ist mit seinem Plane und seiner Propaganda. Man darf daher erwarten, daß Ihr gesch. Blatt weder den „Judenstaat" noch seinen Urheber totschweigen, sondern die Leser über den Fortgang der Bewegung informieren werde. Das „maftrnlik" Gebetbuch. III. Im Leel boruch sagt Vogelstein: „Wir wollen dir in frommer Andacht liebliche Weisen anstimmen und Loblieder weihen" — „fromme Andacht" und „liebliche Weisen" riechen nach Selbstlob, d. h. in der Vogelsteinschen Fassung, denn im Original bezieht es sich nicht aus uns, sondern auf

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