Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 809 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 809. nur illustriert wurde — wie Jules Guesde einmal sagte — wohin es uns geführt hat, das wissen Sie. Was wir für die Aufklärung notgedrungen gethan haben, weil wir für die Aufklärung des Menschengeschlechts sorgen müssen in unserem eigenen Interesse, und manche meinen ja, daß darin die historische Mission des Judentums bestehe, das ist Ihnen allen wohl bekannt. Sie wissen auch, in welche philosophische Spitzen die Bemühung Mendelssohns ausgelaufen ist und Sie wissen auch, wie es nach dem Ausklärungszeitalter allmählich wieder bergab mit uns gegangen ist. Wir haben in dieser Bewegung immer nur sozusagen die Schweine zu hüten bekommen. Man bedient sich der Juden immer nur, solange man unterwegs ist, wenn man aber am Ziele ist, dann wird der Jude, der seine Schuldigkeit gethan hat, verabschiedet. Es giebt da ein Erwachen aus einem Traume, der auch den jüdischen Sozialdemokraten noch bevorsteht. . . ." Hier folgt eine Auseinandersetzung über die Verkehrsmittel einst und jetzt, eine Parallele zwischen der Zeit, da Könige auf Karren fuhren, von einigen Ochsen gezogen, und der unsrigen, da wir abends wissen, was mittags in Amerika sich zugetragen. Und dann kommt die Nutzanwendung: „Wir können heilte sagen, daß die Erde wirklich für alle Raum hat. Sie alle kennen die Abbildungen von Städten ails dem 12., 13. und 14. Jahrhundert, wie klein diese sind, und wir begreifen es beinahe, daß eine engherzige und nicht sehr regsame Bevölkerung ein wirtschaftliches Element, das sich rührig zeigt, haßt und drangsaliert. Aber das alles hat ja heute keinen Sinn mehr. Es muß nicht sein. Der Antisemitismus ist ein Anachronismus nicht in dem Sinne, wie man zn sagen pflegt: „Hundert Jahre nach Lessing!" u. s. w. Jawohl, hlmdert Jahre nach Lessing giebt es noch Leute genug, die borniert und jeder edlern Regung unfähig sind — und solche wird es immer geben. Aber es ist dennoch nicht mehr notwendig, unter dem Antisemitismus zu leiden. Allerdings dauert es einige Zeit, bis man zu diesem Schlüsse vordringt, nnd nicht nur wir, die wir schließlich alle gedrückte Leute waren lind sind, denen es gar nicht gestattet ist, größere Träume zu träumen, sondern auch die professionellen Politiker haben die Konsequenzen aus den Verkehrswundern sehr spät gezogen. Was ist nun die Konsequenz der Verkehrsmittelentwickelung? Die Kolonialpolitik. Nnd wir sehen, daß in den Staaten, die an ihre Zukunft denken — in allen geschieht cs ja nicht — Kolonialpolitik getrieben wird. Wir sehen, wie der dunkle Erdteil erforscht und durchquert wird, wie man von ihm Besitz ergreift, sich um jedes Stück Land rauft, weil die^Leute, welche die Geschicke von Menschen zu dirigieren haben, wissen, was Land ist und für die kommenden Zeiten Vorsorgen. Jni künftigen Jahrhundert nun wird man sich nach einem anderen Erdteil wenden, die Politik des künftigen Jahrhunderts ist eine asiatische, seit dem chinesisch-japanischen Kriege und seit der gedankenvollen Anleihe, die sich daran geknüpft hat und der wir den provisorischen Frieden verdanken, in dem wir leben. Wenn nun diese Wendung nach Asien in der Kolonialpolitik sich fühlbar gemacht hat, so ist es nicht unvernünftig, wenn auch wir, gedrängt durch die tägliche Wahrnehmung, die täglich ärger wird, an eine Kolonialpolitik denken. Diese ist nicht von neuem Datum. Sie wurde in den Vierziger Jahren begonnen von Sir Moses Montefiore, der mit dem Vizekönig von Egypten verhandelt hat, um für die Juden ein Territorium zu bekommen. Sie haben gehört, in welcher Weise das später weiter fortgepflegt und von Baron Hirsch und Edmund Rothschild wieder ausgenommen wurde. Die verschiedenen Kolonisationsversuche, die einzelne Vereine, und zwar.in allen Ländern der Erde, unternahmen, beweisen zunächst, daß diese Kolonisationsbewegung spontan überall aufgegangen ist, als ein notwendiger, vorschauender. vorbauender, vorsorgender Gedanke für den Fall einer Entwicklung, die hoffentlich nicht so arg sein wird, wie manche Pessimisten sich es vorstellen. Jedenfalls ist er ganz vernünftig und verdient wirklich nicht die Schmähungen, denen er ausgesetzt ist, ein Gedanke, der sich verteidigen läßt, wenn Sie sich die Zustände vergegenwärtigen, die wir gegenwärtig haben, wenn Sie sehen, welchen Charakrer der Antisemitismus hat, dessen wir uns erfreuen. Dieser jetzige Antisemitismus hat zwei Gründe. Der erste Grund ist der, daß es uns in der langen Dauer der Verfolgungen unmöglich geworden ist, spurlos resorbiert zu werden. Wir bleiben wahrnehmbar, wir sind eine Gruppe, eine historische Gruppe von Menschen, die erkennbar zusammengehört und einen gemeinsamen Feind hat, das scheint mir die ausreichende Definition für die Nation zu sein. Ich verlange von der Nation nicht eine Gleichsprachigkeit, oder vollkommen gemeinsame Merkmale der Rasse. Diese ganz ruhige Definition genügt für die Nation. Wir sind eine erkennbar zusammengehörende Gruppe von Menschen, die durch den gemeinsamen Feind zusammengehalten werden. Das sind wir, ob wir es leugnen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wollen oder nicht. Der andere Grund des Antisemitismus ist der, daß wir zu viel Intelligenzen produzieren, und dieses Nebel jährlich, ja täglich ärger wird. Sie müßten denn die großen Reservoirs, aus denen unsere Kräfte nachströmcn, vollkommen verschließen, wie man es versucht hat, oder ableiten. Nun ist unsere Überproduktion an Intelligenzen eine einheimische und eine von außen zuströmende. Wie wollen Sie schon mit der einheimischen fertig werden? Um dem Antisemitismus den Boden zu entziehen, müssen Sie ihm doch die Gründe entziehen, nnd glauben Sie ja nicht, daß Sie durch philosophische Erwägungen, durch einen Appell an die Menschlichkeit einen einzigen Antisemiten hinter dem Ofen hcrvorlocken werden. Dem Antisemitismus können Sie weder die historischen Gründe wegnehmen, noch auch die gegenwärtigen. Baron Hirsch hat gemeint, das geistige Niveau der Juden müsse hinuntergeschraubt werden. Er hat es gut gemeint, aber er hat nicht richtig raisonniert, denn die Entwicklung zeigt, daß es immer hinaufgeht. Es ist einfach nicht möglich, das Niveau hinunterzudrücken, sondern es wird immer höher. Jeder jüdische Bourgeois, jeder jüdische Kaufmann und Gewerbsmann hat diesen edlen Trieb in sich, seinen Sohn etwas lernen zu lassen, weil er weiß, daß Wissen zur Freiheit führt, ebenso wie wir wissen, daß es auch uns zur Freiheit führen wird. . . . Wie verhält es sich aber mit der Verhinderung des Zuflusses nicht einheimischer Intelligenzen? Da hat man teils von seiten einzelner Regierungen und teils aus der Judenschaft heraus gewisse Abwehrmaßregeln versucht. Aus der einen Seite hat man nichts dagegen gehabt, wenn die Juden sich aus Rußland entfernt haben, man hat es ihnen sogar nahegelegt, und auf der anderen Seite, wo man sie auch nicht gern sehen will, haben sich Wohlthätigkeitskomitees gebildet, die die Leute möglichst rasch und weit weggeschaft haben in ein anderes Land, ungefähr so wie jemand gesagt hat: „Schafft mir ihn aus den Augen, er zerbricht mir das Herz." Diese Leute wurden also in eine neue Diaspora hinausgestreut, weit über den Erdkreis, und ich möchte ihnen da zwei Beispiele eitleren, die auch für die Kolonisierungsfähigkeit der Juden nicht gleichgiltig sind. Das eine Beispiel liefert uns der Afrikareisende Juncker, der eines Tages in Südwestafrika vor die Agentur des Hamburger Wildtierhändlers Hagenbeck kam. Vor dem Hause spielte das kleine Kind des Agenten mit kleinen Löwen und Tigern, und der Agent hieß Kohn. Einem Berichte über die Südseeinseln habe ich folgendes entnommen. Ungefähr in der Mitte zwischen Australien und Südamerika ist eine kleinere Inselgruppe, die Kooksgruppe. Eine dieser Inseln heißt >