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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · p. Seite 808

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 808 (sequence 4)
Language
German
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Seite 808. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. hätten. Hingegen that dies ein deutscher Aristokrat (Graf Kalkreuth), der alle Ungezogenheiten des jüdischen Denkers mit stoischer Ruhe ertrug. Die deutschen Juden verfallen von einem Extrem in das andere. Jeden polnischen „Schnorrer", der sie heimsucht, halten sie für einen jüdischen „Gelehrten" — hingegen verachten sie im allgemeinen die polnische Judenheit. Beides ist unrichtig. In Polen giebt es ebenfalls unwissende Elemente, obwohl verhältnismäßig nicht so viele, wie unter den deutschen Juden. Hingegen bilden die gebildeten polnischen Juden den Sauerteig der Gesamtjudenheit. Der unvergeßliche Jellinek pflegte in den letzten Jahren seines Lebens zu sagen: Mit den westeuropäischen Juden haben wir bereits abgewirtschaftet; wir können unser Heil für die Fortentwickelung des Judentums nur noch vom Osten erwarten. Dr. S. Bernfeld. Die Kegniii-iiiig -es „Z»-e>istimts". E. B. Wien, 29. November. In dem Verein „Oesterreichisch-Ungarifche Union" hielt Dr. Theodor Herzl, Verfasser der Broschüre „Der Judenstaat" vor kurzem einen Vortrag über die von ihm propagierte Idee: über die Notwendigkeit Und Möglichkeit eines „Judenstaats". Die Schrift Herzl's ist in Ihrem Blatte s. Z. besprochen und widerlegt worden; da man aber billig „beede" hören soll, so wird Ihren Lesern ein Auszug aus der Rede nicht unwillkommen sein. Ich lasse ihn darum folgen, und jedem bleibe es unbenommen, dem Redner zuzustimmen oder zu widersprechen. Nach der Einleitung, in welcher er den Beweis zu erbringen versprach, daß nicht blos er, sondern daß alle als Zuhörer anwesenden Juden „Zionisten" seien, fuhr Herzl fort: „Sie wissen, daß unsere Geschichte, die Diasporageschichte, im Jahre 70 nach der bürg. Zeitr. begonnen hat. Der Titusfeldzug, den Mommsen als die Ursache der Verbreitung des Christentums bezeichnet und der mit unserer Fortführung in die Kriegssklaverei geendet hat, das ist der eigentliche Beginn der Judengeschichte, die uns näher angeht, weil wir noch heute unter den Konsequenzen der damaligen Ereignisse leiden. Es ist das etwas, was wir uns als Menschen von heute kaum vorstellen können. Wir wissen auch, daß es Kriege giebt und daß sie darauf ausgehen, die gegnerische Macht bis zur Wehrlosigkeit niederzuwersen. Aber daß über den Krieg hinaus den Einzelnen so schwere Konsequenzen treffen sollen, wie das in den früheren Zeiten der Fall war, ist uns unfaßbar. Und die Kriegssklaverei hat nicht nur die Mitlebenden von damals, nicht nur die an den Kriegsursachen Mitschuldigen, sondern sie hat 60 Generationen getroffen. Seit 60 Generationen wirkt diese Fortführung in die Kriegsgefangenschaft fort, eine Thatsache, die uns zwar fremdartig berührt, die aber doch in unseren Zuständen sortwirkt. Ich überspringe viele Entwicklungsstadien, wie wir in die Kolonien eingedrungen sind, rvie wir um das Mittelmeerbecken herumzogen und bis nach jener Ultima Thule kamen, die den Römern der fernste Ort war. Die Juden möchte ich nur in einem einzigen, sehr wichtigen Stadium ihrer Geschichte, dort, wo sie sich ein neues Vaterland geschaffen haben, das dritte, wie der Geschichtsschreiber Graetz sagt, im Spanien des Mittelalters, aussuchen. In Spanien, sowohl im maurischen, wie im christlichen, ist es den Juden abwechselnd gut und schlecht gegangen wie überall. Sie wissen, und ich möchte im Hinblick auf das, was ich später begründen werde, darauf Hinweisen, welche typische Reihenfolge überall wahrzunehmen ist, wo wir hinkommen. Wir wandern ein und kommen dorthin, wo der Judenschreck, die Angst vor den Juden noch nicht besteht. Wir siedeln uns dort an, akkommodieren uns, assimilieren uns, versuchen Wurzel zu schlagen, und da wir nüchtern, sparsam, fleißig sind und die Arbeit nicht so scheuen, wie die Legende behauptet, fangen wir an, selbst unter den härtesten Bedingungen zu gedeihen. Wir bringen es vorwärts in Handel und Verkehr, wir streben nach Bethätigung aus den Feldern der Ehre, wir pflegen Künste und Wissenschaften und wir werden — unangenehm bemerkt. Plötzlich besinnt sich die Majorität daraus, daß wir anders sind, daß wir eine Minorität sind, und der Antisemitismus, der schon verschiedene Formen und Namen gehabt hat und im Grunde genommen immer dasselbe ist, entsteht. Wenn es die Bedingungen des öffentlichen Lebens erlauben, wird geplündert, gebrandschatzt, lotgeschlagen und die Juden werden, um Ruhe zu schaffen, endlich von der Autorität gebeten, weiterzuziehen. Dies war geradezu klassisch in dem Lande Spanien, wo die Juden sehr große Rollen spielten. Denn immer kurz vor den Verfolgungen war ein Höhepunkt der Blüte und des Wohlstandes. So ist an verschiedenen Höfen immer die Gestalt großer Juden sichtbar gewesen, die natürlicher Weise Unwillen erregt haben, und wenn es möglich war, ihnen etwas in die Schuhe zu schieben, so ist es geschehen. Wenn z. B. der Herrscher Don Pedro Grausamkeiten beging, so war daran sein Günstling Don Samuel Albalusia schuld. In diesem Spanien nun mußte in einer sehr merkwürdigen Zeit, nachdem die Mauren verjagt worden waren, das Land auch „judenrein" gemacht werden. Das geschah in zwei Abteilungen. Zuerst hat man die wirklichen, aufrichtigen Juden verfolgt und vertrieben, während sich eine Anzahl von, sagen wir: Religionspolitikern dem andern Glauben akkommodterte und als „Marranen" weiter existierte. Diese Marranen jedoch sind späterhin der Verfolgung auch nicht entgangen und ebenfalls hinausgeworsen worden. In dieser Geschichte, welche die typische ist, interessiert mich besonders die Zeit, in der sie sich abgespielt hat. Das war nämlich in demselben Jahre, in welchem Christoph Columbus hinauszog mit seinen Caravellen, um das neue Land zu entdecken, ein Ereignis, das so wunderbare Folgen für die Entwicklung der Menschheit gehabt hat. In demselben Jahre, in welchem eine neue Epoche für die Menschheit begann, mußten die Juden plötzlich, heimatlos, besitzlos, hinaus wandern in Exile, die für sie voll von Schrecken waren. In diesem 15. Jahrhundert, in welchem schon die Renaissance, die wir so sehr bewundern und lieben, zu spielen begann, hatte noch ein anderer Mann gelebt, der auf die Entwicklung der Menschheit ungeheuren Einfluß nahm: Gutenberg. "Nun möchte ich mir erlauben, eine ziemlich willkürliche Antithese aus diesen beiden Namen zu machen und den Irrtum, den die Juden seit dem Beginne der neuen Zeit gemacht haben, an diesen beiden Namen demonstrieren. Für die Juden giebt es nämlich eine Hilfe, eine Befreiung aus. dem Drucke, aus der Beschimpfung mit all ihren Folgen, entweder, wie die Einen behaupten, durch das Wort, d. h. durch die Aufklärung der Geister, durch das Hinaussühren zu höheren Stufen der Bildung und Gesittung, oder, wie andere meinen, durch die That. Das Wort ist der Weg, aus den wir durch die Erfindung Gutenbergs gerieten'. Die That ist der Weg des Columbus, welcher für Zustände, die nicht hinwegraisonniert werden können, nicht das Raisonnement, sondern eine wirkliche That anwenden will. Wohin es uns geführt hat, daß wir als die Diener des Volksaufklärungsgedankens umherzogen, noch lange vor dem Ausklärungszeitalter, noch bevor die französischen Philosophen in ihren Schriften diese Revolution herbeisührten, die dann später aus der Gasse

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