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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · p. Seite 807

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
Seite 807 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49. IIHgemetne J-raelitische Wochenschrift. Seite 807. Geschichtswerk einen breiten Raum gewährte, so daß sie heutzutage, wo das selbständige Denken und Prüfen unter den Juden vollständig aufgehört, als ein Axiom gilt. Grätz hat in seiner Geschichte aus Unkenntnis die polnischen Juden teils oberflächlich, teils lieblos behandelt; er hat nur der seit hundert Jahren unter den deutschen Juden herrschenden Antipathie gegen ihre polnischen Stammesgenossen Ausdruck gegeben. Ob jedoch diese Antipathie irgend welche Berechtigung habe, dies zu untersuchen hat er sich ebensowenig Mühe gegeben, wie etwa Treitschke anläßlich seiner schweren Anklagen gegen die gesamte deutsche Judenheit. Nichtsdestoweniger hält jeder deutsche Jude Treitschke für einen subjektiven Historiker, Grätz hingegen für den wahrheitsliebendsten Schriftsteller. So wird immer von der urteilslosen Menge mit zweierlei Maß gemessen! Was den erzieherischen Einfluß der polnischen Juden auf ihre deutschen Glaubensgenossen betrifft, so habe ich dieses interessante Thema in einer kulturhistorischen Schrift, die sich unter dem Druck befindet, in hebräischer Sprache, ausführlich und mit sicheren Daten belegt, behandelt. Ich habe versucht, objektiv die günstigen und ungünstigen Folgen dieses Einflusses zusammen- oder gegenüberzustellen, und bin aus dem Wege der gewissenhaften Forschung zu der ehrlichen Ueberzeugung gelangt, daß die günstigen Folgen die ungünstigen überwiegen und noch in unserer Zeit zum Vorteile der deutschen Judenheit nachwirken. Es ist nämlich in keinem Falle in Abrede zu stellen, daß die norddeutschen Juden ihren süddeutschen Glaubens- und Stammesgenossen geistig bei weitem überlegen sind. Diese Kultursähigkeit haben aber die deutschen Juden in erster Reihe dem polnischen Elemente zu verdanken, welche die Kulturentwickelung der norddeutschen Juden seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts stark gefördert und beeinflußt haben. Moses Mendelssohns Lehrer in der Mathematik war ein gelehrter Pole Namens Israel Samos. Von diesem hat er dasjenige gelernt, was zu jener Zeit den deutschen Juden am meisten gefehlt hat: logisches Denken. Die deutsche Pentateuch- Nebersetzung Mendelssohns, deren Bedeutung stark überschätzt worden ist, die aber jedenfalls als eine gute und kultursördernde bezeichnet werden darf, hat nur durch den herrlichen Kommentar, den ein gelehrter Pole, Salomo Dubno, für das erste Bruch geschrieben, eine so weitgehende Verbreitung und solchen Anklang in der Judenheit gesunden. Zu dem zweiten Buche hat bekanntlich Mendelssohn selbst den Kommentar geschrieben, der ziemlich gut und lesenswert ist, ebenso die für ihre Zeit ganz instruktive Einleitung zum Pentateuch. Hingegen ist der Kommentar zu den auderen drei Büchern so langweilig und seicht ausgefallen, daß Mendelssohn selbst anerkennen mußte, daß das ganze Werk darunter gelitten habe. Tenn es darf nicht vergessen werden, daß zu jener Zeit die meisten Juden in Deutschland unter sich kein Hochdeutsch gesprochen, ja, zumeist gar nicht verstanden haben. Der bekannte Theologe Döderlein berichtet, er habe die Mendelssohnsche Uebersetzung gebildeten Juden vorgelegt, denen jedoch die Sprache als zu literarisch ungeläufig war. Ohne den hebräisch geschriebenen Kommentar hätte die Pentateuch-Uebersetzung ebensowenig Verbreitung gefunden, wie etwa die Mendelssohnsche Psalmen-Uebersetzung, die ganz gut ausgefallen ist. Im übrigen hat ja bekanntlich Mendelssohn seine Pentateuch-Uebersetzung auch mit deutschen Lettern und ohne Kommentar zu drucken begonnen, aus Mangel an Teilnahme aber ausgeben müssen. Wessely, der Mitarbeiter an dem Mendelssohnschen Werk, ein flacher Ausklärungsfanatiker und sogen, hebräischer Dichter, hat selbst in seiner bekannten Streitschrift über den Bildungsgrad der deutschen Juden zugegeben, daß die polnischen Juden ihren deutschen Glaubensgenossen an Bildung und Kultur überlegen seien. Ebensowenig darf man vergessen, daß die sogenannten polnischen Juden zu jener Zeit ebenso deutsch gesprochen und Deutsche waren, wie die Juden in Deutschland. Dadurch, daß sie zumeist aus Süddeutschland stammten, konnten sie damals eine ältere Kultur ausweisen, als die norddeutschen Stammesgenossen. In Süd- und Westdeutschland ist die jüdische Kultur uralt, während sie in Norddeutschland neueren Datums und größtenteils durch die polnischen Juden gefördert worden ist. Die eigentlichen polnischen Juden haben gegen Anfang des sechszehnten Jahrhunderts slavisch, in den alten polnischen Landesteilen polnisch gesprochen. Die deutsch-jüdischen Einwanderer haben erst die polnische Sprache unter den dortigen Juden verdrängt und dafür die deutsche, welche sie aus Süd- und Westdeutschland mitgebracht, eingeführt. Der berühmte Gesetzeslehreb Rabbi Moses Jsserles (1520—1573), der in Krakau ein rabbinisches Amt bekleidete und dessen Ergänzung zum „Schulchan-Aruch" die Kulturentwickelung und das geistig-religiöse Leben der ganzen deutsch-polnischen Judenheit sehr stark beeinflußt hat, drückt in einem seiner zahlreichen theologischen Gutachten seine Freude darüber aus, daß der Zuzug der deutschen Juden in Polen große Dimensionen angenommen, und dadurch nach und nach die polnische Sprache, deren sich noch ein Teil der polnischen Judenheit bediente, verdrängen werde. Im übrigen will ich bei dieser Gelegenheit noch hervorheben, daß Mendelssohn selbst von einer polnischjüdischen Familie stammt, nämlich von demselben Rabbi Moses Jsserles, den ich oben erwähnt habe. Mendelssohn ist mit Recht auf diese Abkunft stolz, denn er schreibt im Sommer 1770 an Elkan Herz in Leipzig, daß er von der „adligen" Familie des Rabbi Moses Jsserles abstamme. Freilich gilt heutzutage der Gelehrtenadel nicht viel, dafür aber desto mehr der Jobberadel. Man wird vielleicht dagegen einwenden: aber Mendelssohn hat sich deutsche Bildung und deutsche Kultur angeeignet. Nun, das wollen wir auch zugeben, aber Mendelssohn war nicht der Einzige und auch nicht der Erste. Von dem gelehrten Mathematiker Israel Samos und von Salomo Dubno war bereits die Rede. Noch mehr Bedeutung hat Salomon Maimon, der tiefe Denker, der Kant so gründlich verstanden und auch so gut ergänzt hat, so daß er das Gute, was in Fichte zu finden, eigentlich präkonzipiert hat. Wir wissen, wie viel Kant selbst von Maimon gehalten, noch mehr aber, welche Verehrung Goethe für diesen jüdischen Philosophen gehegt hat. Es ist bezeichnend und zugleich beschämend für die deutsche Judenheit, daß sich keine jüdischen Mäcene gesunden, welche für diesen Sonderling, dessen Zynismus infolge einer schlechten Erziehung allerdings unerträglich war, gesorgt

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