Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- Seite 806 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 806. «llgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. Reformerei mit einer Schärfe und Ausdauer bekämpfen, die man in früherer Zeit selbst an orthodoxen Agitatoren kaum gekannt hat. Wer diese Bewegung begreifen will, der muß das oben wiederholte Wort des Talmudlehrers verstehen: Von Madame Potiphar gelockt, war Jung-Jsrael auf und dran seine Vergangenheit zu verleugnen und sich zu vergessen. Da erschien ihm das Bild seines Vaters, tauchte vor seinem geistigen Auge das Leben Alt-Israels auf, sah er das, was er besessen und das, was er ausgegeben, und tiefe Wehmut zog in seine Seele. Was haben wir im Zeichen der Neuerungen und Reformen gewonnen? Nichts, gar nichts! Oed ist es in unserem Herzen, öd in unserem Hause. Was haben wir verloren? Alles, fast alles: die Freude und den Frieden. Das Bild einer längst entschwundenen Vergangenheit verleihe uns darum die ft'raft, mit Madame Potiphar zu ringen. Und hat sie auch das Gewand mancher Aeußerlichkeit in der Hand behalten, wir wollen versuchen, uns ihrer zu erwehren. Die ilorftiintiöitmlil in llftlin. III. Am ersten Chanukah-Tage des vergangenen Jahres wurde das Ergebnis der Berliner Repräsentantenwahlen, der Sieg der Konservativen, auf der ganzen Linie bekannt gegeben. Am ersten Chanukah-Tage dieses Jahres hat das Repräsentantenkollegium in seiner neuen Zusammensetzung über die Vorstandswahl sich schlüssig gemacht, die am nächsten Sonntag vollzogen werden soll. Die Herren Julius Jacobi, Direktor Herrmann und Sanitätsrat Dr. Wiesenthal scheiden aus dem Vorstande aus. Von ihnen soll allein Herr Julius Jacobi wiedergewählt werden. Die beiden anderen finden Ersatz durch die Herren Martin Simon, seither Mitglied der Repräsentantenversammlung und dort zur Rechten gehörig, und Rechtsanwalt Eugen Fuchs, der am Gemeindeleben bis zur Stunde in merkbarer Weise nicht teilgenommen hat, an der Spitze des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens — nun wohl die längste Zeit — gestanden hat und einer Einladung zum Anschluß an die sogenannten Liberalen nicht gefolgt ist. Von den Vorsteher-Stellvertretern, deren Mandat abgelausen ist, den Herren Kommerzienrat Julius Jsaac, Professor Geiger und Regierungsrat a. D. Magnus, kehrt keiner wieder; an ihre Plätze kommen die Herren Wilhelm Goldschmidt vom Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde Berlins, Geheimer Sanitätsrat Dr. Boas, der bei den vorjährigen Repräsentantenwahlen von den Konservativen als nicht zu ihnen gehörig fallen gelassen war, thatsächlich jedoch konservativer sich zeigte als mancher konservative Kandidat, und Rechtsanwalt Lilienthal, gemeindepolitisch ein noch unbeschriebenes Blatt. Dieses Wahlergebnis ist nicht so gut, als es hätte sein können, wenn die neugewählten Repräsentanten mehr Festigkeit besäßen; aber es ist besser, als man von dieser mangelnden Festigkeit zu befürchten Ursache hatte. Im großen und ganzen bedeutet es eine Hinausschiebung der endgiltigen Entscheidung auf drei Jahre, nämlich bis zur Erneuerung auch des anderen Teiles des Vorstandes. Dazwischen liegt eine abermalige Repräsentantenwahl, die selbstverständlich von maßgebender Bedeutung sein und den Ausschlag in der Richtung geben wird, die von den vorjährigen Wahlen hätte herbeigesührt sein sollen. Wir können nicht sagen, daß wir an der Verzögerung große Freude hätten, noch weniger, daß die Gründe uns gefielen, aus denen die Männer, die wir auf den Schild gehoben, sich schwach und nachgiebig gezeigt haben. Auf sie haben unkontrolierbare Gerüchte und vielleicht in noch höherem Maße Drohungen eingewirkt, die dahin gingen, daß die Wahl auch nur eines entschieden konservativen Vorstandsmitgliedes den Austritt zahlreicher und reicher Gemeindemitglieder zur Folge haben würde. Es klingt unglaublich, aber die Drohung war nicht ganz vergeblich. Immerhin geben wir zu: es hätte schlimmer kommen können. Die neuen Männer werden schwere Arbeit und vor dieser Arbeit schwere Hindernisse in dem Widerstreben eines Teiles ihrer älteren Amtsgenossen finden. Ihre Sache ist es, dieses Widerstreben zu beseitigen, ein fortgesetztes Versumpfen zu verhindern und dafür zu sorgen, daß nicht die letzte sich bietende Gelegenheit für die Berliner Gemeinde ungenützt verstreiche, kräftig an den Einrichtungen mitzuschaffen, deren Notwendigkeit jetzt fast allseitig anerkannt und deren Anerkennung an maßgebender Stelle bedauerlicherweise nicht von den Gemeindeorganen durchgesetzt worden ist. Wir dürfen für uns das Verdienst in Anspruch nehmen, das andauernde „Fortwursteln" in der Gemeindeverwallung unmöglich gemacht zu haben. Unsere Aufgabe wird es andauernd sein, darüber zu wachen, daß der Wille der Gemeindemehrheit, den wir zu Gehör gebracht haben, auch zur Geltung komme. Dem neuen Vorstande entbieten wir Gruß und Willkomm — im übrigen verbleiben wir „Gewehr bei Fuß", bereit, unsere Mahnungen ernster zu wiederholen, wenn nach der für die Einarbeitung notwendigen Frist die kraftvolle Thätigkeit nach unseren Zielen noch nicht begonnen haben sollte. Einschlafen wird die Bewegung nicht, die wir geweckt haben, und stillstehen auch nicht, bis das Reformwerk an Haupt und Gliedern durchgeführt ist. * i Die polnische» Inden.') Zu dem eisernen Fonds der landläufigen Vorurteile gehört auch die weit verbreitete Fabel von dem angeblich schädlichen Einfluß der polnischen Juden auf die Kulturentwicklung ihrer deutschen Glaubensgenossen. Diese Legende ist ziemlich alt, sie wurde vor mehr als einem Jahrhundert von den sogenannten Ausklärungsaposteln erfunden, von ihnen episch breit behandelt und unzähligemal wiederholt, bis ihr Grätz in seinem *)„.... Als kulturfeindliche Momente bezeichnete er (Redner) .... die Einwanderung des polnisch-jüdischen Elements .... Die polnischen Juden hätten sich nicht nur nicht assimiliert, sie bestärkten vielmehr ihre deutschen Glaubensbrüder in dem ausschließlichen Studium des Talmuds .... so sehr, daß derjenige, der ... . sich mit Philosophie, Mathematik, den Kultursprachen beschäftigte oder gar Hochdeutsch sprach, als Abtrünniger mit Verachtung gestraft wurde." (cst. vor. Nr. dies. Bl. pag. 802 a, Bericht aus Beuthen )