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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Die „Wochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 20 Seiten (2 Va Bogen), der „Jefchnrnn" Mitte und Ende jeden Monats mindestens 4 Seiten (Va Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsere Expedition. Anzeigen werden mit 85 Pfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Madame Potiphar. — Die Vorstandswahl in Berlin. III. — Die polnischen Juden. Von Dr. S. Bernfeld. — Die Begründung des „Judenstaates". — Das „modernste" Gebetbuch. — Wochen- Chronik: Ein antisemitisches Blatt für die jüdischen Kultusbeamten. — Der Juden Anteil am deutschen Staatsleben im Mittelalter. — Eine „Berichtigung". — Anklage und Rechtfertigung. — Feuilleton: Die ewig moderne Bedeutung des CHanukahfestes. Von Dr. I. Goldschmidt. - Das große Sterben. (Fortsetzung.) Von Wilhelm Jensen. — Hier und dort. — Briefkasten. — Kalender. — Anzeigen. Uladame Potiphar. Die Lebensgeschichte Josefs, die vor acht Tagen in unseren Gotteshäusern aufgerollt worden ist, zeugt von der schier unerreichten Darstellungskraft der biblischen Schreibweise, und das Kapitel von der namenlosen Madame Potiphar hat durch seine naturalistische Fassung sicherlich den Neid der dramatischen 'Naturalisten — von Geheimrat Goethe bis Gerhart Hauptmann - wachgerufen. Sonderbar ist es freilich, daß unsere Kanzeldichter, die alljährlich den armen Joses zu Tode hetzen, Madame Potiphar ganz und gar übersehen. Sie gedenken ihrer mit keinem Worte und keiner Wendung, als gehörte sie nicht in die Lebensgeschichte Josefs, als wäre sie nicht wahrnehmbar im Geschichtsleben Israels. Unsere alten Prediger, die allerdings Weise gewesen, waren weniger zimperlich; sie behandelten dieses Kapitel in ihrer aphoristischdidaktischen Art, daß es eine Lust ist zu lesen. Sie fassen den keuschen Josef als Menschenkind auf, das nur widerstandsfähig war im Leiden, das aber eitel ward im Wohlleben. „Da er sich als Verwalter sah", so erzählt der Midrasch, „begann er an einer guten Tafel Gefallen zu finden und sein Haar zu kräuseln; da sprach Gott: Wie? dein Vater trauert um dich und du kräuselst dein Haar?! Ich hetze auf dich den Bären:" — Madame Potiphar. Lebten jene alten Prediger noch, die man hat Weise nennen dürfen, sie würden uns gesagt haben: Dem jugendlichen Josef im Hause Potiphars gleichst du, o Israel des XIX. Jahrhunderts. In dem Hause dessen, der als Rechtlosen dich angesehen, hast du ein Wörtlein dreinzureden kraft deines rastlosen Fleißes und rührigen Geistes. Daß du geachtet bist, wo du früher geächtet gewesen, zeigt die große Zahl, daß du dieser Achtung nicht unwert, zeigt die sittliche Minderwertigkeit deiner Widersacher. Anstatt aber deines Vaters Judentum zu gedenken, anstatt ihm zu Ansehen und Blüte zu verhelfen, bist du nur bemüht, dein Ansehen zu heben, dein Aussehen blühend zu gestalten, auf daß man die Züge deines alten Vaters in deinem Wesen und deinen Weisen nicht mehr erkenne. Als eine verdiente Strafe kam über dich Madame Potiphar, die man gemeinhin Reform nennt . . . Jnderthat, was in unserer Zeit in den westlichen Kulturstaaten als „Reform des Judentums" ausgegeben und angepriesen wird, ist nichts als eine Schickung, eine Strafe für unsre Schwäche und Haltlosigkeit. Sie hat nichts gemein mit dem Verlangen nach einer freiheitlichen Gestaltung des religiösen Gedankens und der kultuellen Hebung, denn dieses Verlangen ist zu allen Zeiten und in allen Konfessionen nur von Männern gehegt und vertreten worden,die ausgerüstet waren mit dem ganzen Apparat des weitverzweigten religiösen Wissens; hier aber ist es die Unkenntnis, die der Unwissenheit Altäre errichten und Tempel bauen will, ist es die Nachahmungssucht, die das Amt des Baumeisters übernommen hat. Nicht soll die Reform aus dem Wesen des Judentums und aus dem Herzen seiner Bekenner hervorgehen, es soll der Bau nach Stil und Art des großen Nachbarhauses ausgeführt werden, damit er vor diesem nicht absteche, damit er seine Eigenart verliere: — also sprach Madame Potiphar, und zerrte den unerfahrenen Joses am Gewände. — Und Joses wäre der Versuchung erlegen, tauchte nicht jäh vor seinem geistigen Auge das Bild seines Vaters Jakob auf. So wenigstens behauptet ein Talmudlehrer, und erklärt damit die neueste Bewegung in Israel, die um Anerkennung ringt und um Anhänger wirbt. Es ist nicht unbemerkt geblieben, weil es nicht unbemerkt bleiben konnte, daß seit einiger Zeit freisinnige Männer die ■ d^ /

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