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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-27 · 48 (27.11.1896) · p. Seite 803

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 803 (sequence 15)
Language
German
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48 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 803 aufmerksam durch, so sagt sie: „Die Gemeinde habe es „ausgesprochen", sie wolle den entschiedensten Abfall vom Gottesgesetze, und in den Dienst dieses Abfalls habe sich jetzt wie damals die Kanzel der Hauptsynagoge und die Realschule der Gemeinde ausgesprochen gestellt." Also der Rabbiner der Hauptsynagoge und die Leiter der Realschule sprechen es jetzt noch aus, sie wollen und erstreben „den entschiedensten Abfall vom Gottesgesetz." — Das ist — wir bitten die Leser den Ausdruck zu entschuldigen, allein wir finden keinen andern — eine Lüge. Der Rabbiner der Gemeinde, Herr Dr. Plaut, hat ebensowenig wie Herr Direktor Dr. Bärwald oder einer der Lehrer der Realschule es ausgesprochen, sie stünden im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetze. Und Herr Direktor Hirsch weiß, daß das, was er gesagt hat, eine Lüge ist. In der hiesigen Orthodoxie hat dieser ganz unqualifizierbare Ausfall gegen die Gemeinde wie gesagt das peinlichste Aussehen erregt. Man ist umsomehr empört über diese Verleumdung, als man von unserem Rabbiner, Herrn Dr. Plaut, das Gegenteil weiß. Er hat gerade im Gegenteil bisher seinen Einfluß in konservativem Sinne geltend gemacht. Er hat es beispielsweise durchgesetzt, daß der hier seit Jahrzehnten eingewurzelte dreijährige Zyklus abgeschafft und der traditionelle einjährige wieder eingeführt wurde. Steht das „im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetz"? Herr Dr. Plaut hat eine Religionsschule gegründet, in welcher die Kinder von Kreisen, die dem jüdisch-religiösen Leben ganz entfremdet waren, jetzt hebräischen Unterricht erhalten, und bewirkt, daß Mittel für diese Schule von der Gemeinde bewilligt wurden. Steht das „im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetz"? Aus dem Privatleben des Dr. Plaut ist nie etwas bekannt geworden, was irgendwie gegen das „Gottesgesetz" verstößt, dagegen weiß man das Gegenteil von ihm, z. B. daß er alljährlich eine „Sukka" in seinem Hofe aufstellen läßt, die während des ganzen Laubhüttenfestes regelmäßig benutzt wird. Und das thut er nicht etwa als Konzession gegen die Frankfurter Orthodoxie, sondern er hat seine „Sukka" schon aus Karlsbad mitgebracht. Ist es nicht eine arge Verleumdung, von einem solchen Manne zu sagen: die Kanzel, die er inne hat, stehe „ausgesprochen im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetze"? Herr Dr. Plaut hat, trotz seiner angestrengten Amtsthätigkeit, den allsabbatlichen Jugendgottesdienst eingerichtet; er ist es, der dafür gesorgt hat, daß die israel. Strafgefangenen in Preungesheim streng rituelle Verpflegung erhalten; kann man von diesem Manne sagen: seine Kanzel stehe „ausgesprochen im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetze"? In den orthodoxen Kreisen, die nicht in das Hirsch-Breuersche Horn blasen, ist man der Meinung: Direktor Hirsch habe gedankenlos auf Dr. Plaut gezielt, aber Dr. Horowitz treffen wollen. Direktor Hirsch fürchtet für die Existenz der Religionsgesellschaft, weil sie durch — Dr. Horowitz thatsächlich überflüssig geworden ist. Diese Ueberflüssigkeit zu widerlegen, ist ja die ganze Tendenz der qu. Artikelserie. Ihm, dem Direktor Hirsch, kommt es nun hauptsächlich darauf an, Herrn Dr. Horowitz in den Augen der Orthodoxie zu diskreditieren. Da er das aber direkt nicht kann, da Dr. Horowitz und seine Synagoge und Schule notorisch eben so streng auf Grundlage des Schulchan-Aruch bestehen, wie die Adaß Jeschurun, so sucht er es indirekt zu thun, indem er die Hauptgemeinde, in deren Dienst Herr Dr. Horowitz ja steht, als „ausgesprochen im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetze" hinstellt, was soviel bedeuten will, als auch Herr Dr. Horowitz stehe indirekt „im Dienste des entschiedensten Abfalls vom Gottesgesetz." Nein, nicht Dr. Plaut, sondern Direktor Hirsch zeigt in seiner Schmähung, daß er vom Gottesgesetze abgefallen ist; denn nach den Worten unserer Weisen ist Wahrheit (ncN) das Siegel Gottes; Dr. Mendel Hirsch aber hat mit dem oben festgenagelten Satze die Unwahrheit verbreitet. m. Köln, 22. November. (Der Abbröckelungsprozeß) in dem Verbände der Litteraturvereine, die Emanzipation von den Berliner Litteraturreisenden beginnt, — eine Folge der nach dieser Richtung hin geführter Polemik in Ihrem gesch. Blatte. Von bekannter, wenn auch nicht genannter Seite wird hier für die Abzweigung der Litteraturvereine im Rheinlands von dem Verbände in Berlin und für die Gründung eines besondern rheinischen Verbandes mit dem hiesigen Verein an der Spitze eifrig agitiert. Zündender als der Appell an den Lokalpatriotismus wirkt hier der Hinweis auf die hohlen Reden, welche im hiesigen Vereine gehalten werden und die nicht besser werden durch den Umstand, daß man die Redner weit her verschreibt. Die Propaganda ist so stark, daß ein in einem Vorort von Köln erscheinendes Blatt den Mut hat, über diese Frage einige Artikel aufzunehmen. Diese sind ja nur ein schwacher Aufguß aus die in Ihrem Blatte vor etwa einem halben Jahre erschienenen essenzreichen Aufsätze über die Litteraturvereine, aber besser ein Ausguß als gar nichts Genießbares. Dörnigheim, 23. November. (Ein Streit um eine Gedenktafel) ist in unserem stillen Orte entstanden. In der hiesigen Kirche sollte auf Anregung unseres Bürgermeisters eine Tafel ausgehängt werden, welche die Namen unserer Bürger enthält, die an dem Kriege 1870/71 teilgenommen haben. Unter den Kriegern, die solchermaßen verewigt werden sollten, befinden sich auch zwei Juden, deren Namen anzubringen der Pfarrer untersagte. Nun ist dieser seitens des Landrats in Hanau aufgefordert worden, die Gedenktafel, wie sie vom Bürgermeister übergeben wurde, d. h. mit den beiden jüdischen Namen, in der Kirche aufzuhängen, was auch geschehen. Freilich hatten die christlichen Krieger unseres Städtchens beschlossen, lieber auf die Errichtung der Tafel zu verzichten, als zuzugeben, daß zwei ihrer Kameraden gekränkt würden. Die beiden Juden aber, deren Namen in unserer Kirche zu lesen sind, heißen: Löser und Wolf Steigerwald. U. Hamburg, 23. November. (Unsere „Großen".) Sehr geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer Ihrer Zeitung berichtet Ihr hiesiger Korrespondent über die Ehren, welche dem Präsidenten der Bürgerschaft, Herrn Siegmund Hinrichsen anläßlich seiner 25 jährigen Zugehörigkeit zur Bürgerschaft von allen Seiten erwiesen worden sind. Wenn durch die Mitteilung gezeigt werden sollte, wie man in Hamburg einen Juden ehrt, so muß leider gesagt werden, daß das Judentum durchaus keine Veranlassung hat, auf Herrn H. als Juden stolz zu sein. Der Mann ist eben „leider" Jude, er weist

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