Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- Seite 800 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 800 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Sozialdemokraten, an einer ihrer Versammlungen teilzunehmen und einen Vortrag über „Christliche Mucker und jüdische Heuchler" anzuhören, geantwortet. Der „Vorwärts" druckt den Brief des Dr. Maybaum ab, der wie folgt sein Ausbleiben entschuldigte: „Sehr geehrter Herr! Ich beehre mich. Ihnen auf Ihre wiederholte freundliche Einladung, für die ich Ihnen bestens danke, schon heute zu antworten, daß ich in der von Ihnen aus den 19. einberusenen Volksversammlung . nicht erscheinen werde. Was soll ich in einer Volksversammlung, in der über die Frage des Austritts aus der evangelischen Landeskirche verhandelt wird? Ich habe weder den Beruf, die Landeskirche zu verteidigen, noch das Recht, gegen sie feindlich aufzutreten. Ich stehe aus dem festen Grunde der jüdischen Religion, und mir ist daher die Frage des Bekenntnisses nicht von solcher Wichtigkeit, wie die Bethätigung wahrer Menschenliebe, von der allein wie das irdische Glück so die ewige Seligkeit abhängig ist. Was soll ich also in der Versammlung? Bekennen Sie sich zur evangelischen oder katholischen Religion, oder seien Sie meinetwegen Dissident: Wenn Sie nur Ihren Nebenmenschen lieben und diese Liebe nicht blos im Munde führen, sondern tagtäglich durch Ihre Lebensführung beweisen, so sollen Sie mir lieb und wert wie meine Glaubensgenossen, wie meine Brüder sein. Empfangen Sie re." * Berlin, 25. November. (Jskraut und kein Ende.) Die Nachricht des „Evangelischen Gemeindeboten", das Konsistorinm habe den gegen die Wahl des Pastors Jskraut zum dritten Prediger an der Sophienkirche eingereichten Protesten Folge gegeben, bestätigt sich nach antisemitischen Blättern nicht. Die Angelegenheit soll noch gar nicht an das Konsistorium gelangt sein, liegt vielmehr gegenwärtig dem Synodalvorstande zur Entscheidung darüber vor, ob die Proteste für begründet zu erachten oder zu verwerfen seien. — Habeant sibi! * Berlin, 25. November. (Ein Kollektenschwindler), ein etwa achtzehnjähriger Mensch, der sich als Schüler des jüdischen Lehrerseminars in der Großen Hamburger Straße bezeichnet, besucht zur Zeit im Norden und Zentrum Berlins Familien, deren Kinder in die jüdische Gemeindeschule gehen. Der junge Mann giebt an, für arme jüdische Kinder zu sammeln und legt als Beweis dafür eine von Rektor Dr. Holzmann Unterzeichnete Liste vor. Der Name des Rektors ist aber gefälscht. Der junge Mann ist kein Seminarist und zum Sammeln nicht beauftragt. * Berlin, 25. November. (Verbrüdert) haben sich die hier bestehenden zwei antisemitischen Parteien, der „Deutsche Antiscmitenbund" und der „Deutschsoziale Reformverein", nachdem sic sich als Einzelvereine ausgelöst, unter der Firma „Wahlverein Berlin der deutschsozialen Reformpartei". Vorsitzender ist ein Herr Christopher geworden. t. Meinet, 22. November. (Vereinswesen.) Am 15. d. M. hatte die hiesige Chewra Gemiluth Chassadim ihre ordentliche Generalversammlung. Der zahlreiche Besuch gab Zeugnis von dem regen Interesse, dessen sich der Verein erfreut. Er blickt nunmehr auf eine zweijährige, segensreiche Thätigkeit zurück. Seiner Aufgabe getreu, hilfsbedürftigen Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde unverzinsliche Darlehen (bis 50 resp. 100 M.) in ihrer Notlage, vorzugsweise jedoch zur Begründung, Fortführung und Erweiterung irgend eines redlichen Erwerbszweiges zu gewähren, war es ihm möglich, manchen Glaubensgenossen von augenblicklichen Sorgen um den Unterhalt zu befreien. Das zur Zeit etwa 3300 M. betragende Vereinsoermögen reichte bei weitem nicht aus, um den an den Verein gestellten Forderungen zu genügen. Die Mitgliederzahl beträgt etwa 200, darunter mehrere Mitglieder in Afrika und Amerika. Hervorgehoben zu werden verdient besonders der sittliche Kern der ganzen Sache. Mancher verschämte Notleidende, mancher Arme, der sonst auf die Wohlthätigkeit seiner Mitmenschen angewiesen wäre, findet Gelegenheit, durch * seine eigene Kraft wieder etwas zu erstreben. — Seit einem halben Jahre besteht am hiesigen Orte ein Verein für jüdische Geschichte und Litteratur. Derselbe hatte am 17. d. M. seinen ersten Vortragsabend. Rabbiner Dr. Rülf sprach über Zweck und Aufgabe des Vereins. Der mit allseitigem Beifall aufgenommene Vortrag wird demnächst im Druck erscheinen. Königsberg i. Pr., 23. November. (Die Trauer um Dr. Bamberger.) Mit der großen Trauerfeier, die unsere Gemeinde ihrem verstorbenen Rabbiner bei Gelegenheit seiner Bestattung bereitete, hatte sich das Verlangen weiterer Kreise, ihrem Schmerz um den Heimgegangenen Ausdruck zu geben, nicht erschöpft. Der Fäden, die Dr. Bamberger mit seiner Gemeindeverbanden, sind zu viele, als daß sie in einer einzigen allgemeinen Trauerklage alle voll berührt werden konnten. Besonders aber war es das persönliche Moment, die Beziehungen zu den einzelnen Mitgliedern, Vereinen und sonstigen Verbindungen, die in jenem großen Rahmen keine ausreichende und sich selbst genügende Würdigung gesunden hatten. Was! die Beteiligten dort notwendigerweise vermissen mußten, das suchten sie nun durch besondere Trauer-Veranstaltungen in ihren Kreisen nachzuholen. Zunächst waren es die Mitglieder der sogenannten polnischen Synagoge, die in einem „Hesped" auch ihrerseits bekunden wollten, wie viel Teilnahme, Liebe und Förderung sie dem Verblichenen zu danken haben. Die nächste, größere Gedächtnisfeier veranstaltete am 8. d. M. der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur. Diese war i in der außerordentlich günstigen Lage, zwei Redner, beide Vorstandsmitglieder des Vereins, für diese Gelegenheit zur Verfügung zu haben, von denen jeder in seiner Weise berufen war,; die Lebensarbeit Bambergers in ihren bedeutsamsten Zweigen schildern und würdigen zu können. Der erste, Herr Prof. j Louis Salschütz, der Vorsitzende des Vereins und Sohn des Bamberger im Amte vorangegangenen bekannten Königsberger Predigers Prof. Joseph Lewin Salschütz, beleuchtete vor-; nehmlich die religiösen Bestrebungen Dr. Bambergers; innerhalb der hiesigen Gemeinde, und der zweite Redner des; Abends war einer der intelligentesten Vertreter der hier ansässigen russischen Juden, Herr Bankdtrektor M. Grodsenski, zugleich der nächste und getreuste Helfer Bambergers bei seiner Thätigkeit für die verfolgten russischen Juden. Die letztere, wie überhaupt Bambergers eigenartiges Verhältnis zu unseren russischen Glaubensgenossen zu schildern, und dem unermeßlichen Dankgefühle derselben für den Verstorbenen Ausdruck zu geben, war die Aufgabe, der seine Worte galten. So gestaltete sich die Gedächtnisfeier des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" zu einer zwiefachen Ovation für den uns und Israel gar zu früh entrissenen Dr. Isaak Bamberger.