Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- Seite 798 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 798. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Text begegnen uns in auslührlichen Noten die feinsten sprachlichen und sachlichen Erläuterungen, Textoerbesserungen, Erklärungen schwieriger, aus fremden Sprachen stammender Lehnwörter, litterarische Nachweise von Parallelen, archäologische Bemerkungen und dergleichen mehr. Dazu kommt, daß die einzelnen Aussprüche mit dem Kontext in Zusammenhang gebracht sind. Wir haben nicht Aphorismen vor uns, von denen man nicht weiß, wie sie entstanden sind, sondern sie sind in ihren bestimmten Gedankenkreis gestellt und stehen in bibelexegetischer Begründung. Zwar treten die einzelnen Aussprüche und Gedanken nicht immer ganz wörtlich auf, was in vielen Fällen ohne Glossen gar nicht möglich ist, aber sie sind auch nicht schönrednerisch ausgcputzt oder gar in apologetischem Sinne verwendet. Gerade diese Unparteilichkeit giebt dem Werke Bachers einen ganz besonderen Vorzug, der auch von anderen Beurteilern rühmlichst hcrvorgehoben worden ist. Die stilistischen Eigentümlichkeiten des Originals gehen trotz der freieren Uebersetzung des Originals nicht verloren. Kurz gesagt, wir besitzen in Bachers Arbeit ein Werk, das ebenso den Exegeten und Bibelforscher wie für den Historiker, Archäologen und Kulturhistoriker Wert und Bedeutung hat. Noch liegt das Werk nicht abgeschlossen vor, ein dritter Band ist in Aussicht gestellt, welcher sich mit dem Abblühen der Agada in Palästina zu befassen und die Zeit von Mitte des vierten bis Ende des fünften Jahrhunderts zu umspannen haben wird. Wenn auch diese Zeit hinsichtlich der Fruchtbarkeit und Ursprünglichkeit der historischen Entwickelung der Agada in Palästina hinter der zweiten Periode zurücksteht, so hat sie doch noch viele bedeutende Persönlichkeiten aufzuweisen, die aus Selbständigkeit des Denkens Anspruch erheben dürfen. Möchte dieser abschließende Band nicht allzu lange auf sich warten lassen. Das große Zierden. Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jensen. «Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. Wer es wußte, sah in den Augen vielleicht die bittere Angst und die Verzweiflung und die Herzensqual vergangener Tage; vielleicht sah er die Flammen in ihrem Hintergründe auslenchten, die das Liebste, was sie besessen, vor ihrem Blick verzehrt hatten, daß es in Asche zusammenfiel, die über die einsamen Augen wehte, und die er mit den Thränen sortgewischt von der Wimper, und stark und mutig und erbarmungsvoll blieben, wie zuvor. Er war ein großer und gerechter und weiser Mann unter seinem Volk, Thubal den Abia, und er trug die Kleidung der Kinder Israels und befolgte die Vorschriften der Aeltesten in der Synagoge; und wenn er hinausging in die Christenstadt, legte er um seinen Arm den gelben Ring, das Knechtschastszeichen seines Geschlechts, mit dem es, wie die Schelle des Aussätzigen, seit Jahrhunderten seine Nähe ankündigen mußte, die Nähe der schlimmeren, unheilbaren, großen Geisteskrankheit der Gesunden; — aber in seinem Herzen war Thubal ben Abia größer, denn darin trug er die Freiheit des Gedankens und die Fähigkeit, sich zu opfern für sein Volk und für die Welt, die es zurückstieß, wie ein Hund. Er hörte ernst die Erzählung, welche Sybille im Beginn besangen hervorbrachte; bald indes gaben seine schönen, prüfenden Augen ihr Mut, und sie berichtete alles geordneter bis zu Ende. Tamar - hatte den Arm um ihren Nacken geschlungen und drückte sie liebevoll an sich bei der getreuen Darstellung; die alte Lea schluchzte und lachte abwechselnd zu den eingeschalteten Fragen des Arztes, dessen Miene zufriedener wurde und mit freundlichem Wohlwollen auf dem mutigen Bürgerkinde ruhte, je weiter sie sprach. Er lächelte sogar, als sie von den beiden Aerzten erzählte, aus deren Händen der Tod den Jüngling befreit, als der eine mörderisch die blutgierige Lanzette über ihm schwang. Es war ein mitleidsvolles Lächeln, das der menschlichen Schwäche und Einsichtslosigkeit vergab, doch es trübte sich mehr und mehr unter einem Gedanken, der in ihm aufstieg und den edlen Ausdruck seines Gesichtes mit plötzlicher Bitterkeit übergoß, daß er die Worte, die jener ihm aus die Zunge gab, halblaut vor sich hinsprach. „Keinem darf man zur Ader lassen, wenn man ihn nicht töten will," murmelte er, „nur den Priestern der Christen —" Er brach, als ob er sich selbst einen Vorwurf mache, ab, als sein gramverdüsterter Blick die unschuldigen Augen Sybilles traf. „Fahrt fort, Jungfrau," sagte er noch freundlicher als zuvor, und sie erzählte weiter. Doch nun unterbrach Lea sie wieder mit lautem Rus: „Der Segen des Herrn und mein Segen sei mit dem Fremden, der sich meines Kindes erbarmt," ries sie, „wie er mit Dir sein möge, Christin, Dein Lebelang —" Alle wandten plötzlich den Kopf; ein Geräusch ertönte hinter ihnen, und wie sie zurückblickten, sahen sie den alten Kaleb, der sich in seinem Bette ausgerichtet und ausdrucksvoll die Augen aus sie heftete. Der Irrsinn war aus seinem Blick gewichen und ein schwärmerischer Frieden lag über seinem ruhigen Gesicht. „Wer hat sich erbarmt über meinen Sohn Hellem?" fragte er mit klangreicher, feierlicher Stimme. „Er soll gesegnet sein mit seinen Kindern und mit seinem Hause, so lange sie leben auf der Erde, und mein Segen soll abwaschen jeden Fluch, der ihn trifft, und hätte er getötet seinen Vater, oder seine Mutter, oder seinen Bruder, oder das Weib seines Bruders —" Der Alte sank von der Anstrengung erschöpft, ohne die Formel zu vollenden, zurück; die andern traten auf Thubals Wink leise hinzu und betrachteten ihn. „Laßt ihn schlafen," sagte der Arzt mit gedämpfter Stimme, „und wenn er aufwacht, wird er gesund werden, wenn Lea ihm sagt, daß sein Brudersohn Hellem außer Gefahr ist und bald zu ihm heimkommen wird. Denn auch er wird leben, wenn alles sich so verhält, wie die Christenjungsrau berichtet. Wer jetzt noch den ersten Ansall der Pest überstanden, bevor ihre Wut zum Ausbruch gekommen, über dem hält der allmächtige Gott die Hand, daß sein Gericht ihn verschont, und^ die Zukunft ist sein, denn die Krankheit wird ihn nicht wieder befallen, wenn sie ihn verlassen. Ich gehe jetzt zu dem Sohne Jsaschars und werde Sorge tragen für ihn. Trinkt nicht Wasser aus den Brunnen in der Stadt, sondern laßt schöpfen Eure Krüge aus dem Rhein und laßt nicht das Feuer erlöschen im Hause und werft Chamomillen hinein, daß sie die Lust rein halten und —"