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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-27 · 48 (27.11.1896) · p. Seite 797

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 797 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 48. allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite 797. Ueberlieferte zu wiederholen, festzuhalten und zu fixieren. Es beginnt die Zeit des Sammelns und Niederschreibens des lawinenartig angeschwollenen Tradittonsstoffes. Im 5. Jahrhundert nach Abschluß des jerusalemischen Talmud wird kein palästinensischer Adagist mehr mit Namen genannt, obgleich gerade die Abfassung der Hauptwerke der alten Midraschlitteratur, die fast durchgängig agadischer Natur sind, diesem Jahrhundert angehört und auch in den nächsten fünf Jahrhunderten noch viele kleinere und größere Midraschwerke geschrieben werden. Das eigentliche Vaterland der Agada sind die Hochschulen Palästinas, weniger die Babylons. Während in der Entwickelung des Gesetzstudiums die babylonischen Amoräer den Fortschritt bezeichnen, stellen die palästinensischen Amoräer das Epigonentum dar; in Bezug auf die Agada findet gerade das Umgekehrte statt. Da zeigt sich bei den palästinensischen Amoräern die größte Produktionskrast, die babylonische Agada bildet nur eine Episode in der Entwickelung der Agada. In den Zeiten, wo die geistigen Güter des jüdischen Volkes Gefahr liefen, im Kampfe der platonischen, neuplatonischen und neupersischen Ideen unterzugehen, war die Agada zugleich eine mächtige Waffe, die Angriffe zurückzuschlagen und den jüdischen Institutionen Halt und Festigkeit zu verleihen. Doch das Fremde reizte, und so kam es, daß auch die Agada exotische Lehren in sich ausnahm und zu verbreiten suchte. Selbstredend geriet sie dadurch in einen gewissen Mißkredit bei den streng orthodoxen Gesetzeslehrern und die ergingen sich in Verwünschungen sowohl über die Urheber wie über die Hörer anstößiger Ansichten. Die ersten Ansätze der Agada haben wir schon in den sogenannten Targumim. Es sind dies Uebersetzungen der biblischen Gesetzbücher und einzelner Hagiographen in die damalige westaramäische Landessprache. Im Targum des Onkelos beispielsweise erscheint das Schriftwort nur als Uebersetzung ohne merkliche Zusätze; wogegen wir in dem sogenannten Targum des Jonathan schon dasselbe in paraphrasierender Weise mit Zusätzen, Ergänzungen und Bezugnahme der Gegenwart vor uns haben. Die gesamte in den beiden Talmuden, der Tosesta, der umfänglichen Midraschlitteratur enthaltene Agada gesammelt und nach gewissen Gesichtspunkten gruppterr zu haben, ist das Verdienst des Professor Dr. Wilhelm Bacher, eines der fleißigsten und gediegensten Arbeiter der Gegenwart auf dem Gebiete der hebräischen Sprachwissenschaft und Bibelexegese. In zwei umfangreichen Bänden behandelt er zuerst die Agada der Tannaiten, von denen der erste (1884) die Zeit von Hillel bis Akiba (30 vor bis 135 nach ), der zweite (1890) die Zeit von Akiba's Tod bis zum Abschluß der Mischna (135 bis 220 nach) darstellt. Schon im Jahre 1878 hatte er in einem Bande die Agada der babylonischen Amoräer in den *Lehrhäusern zu Nehardea, Pumbeditha, Sura, Machuza, Schakanzib, Schilhe und Kasri behandelt. Im Jahre 1892 erschien sodann der erste Band, die Agada der palästinensischen Amoräer, die Zeit vom Abschluß der Mischna bis zum Tode Jochanans (220 bis 279) darstellend. Jetzt liegt uns der zweite stattliche Band von 544 Seiten in Großoktav vor, der die Zeit vom Ende des dritten bis Anfang des vierten Jahrhunderts umfaßt und die Schüler des Jochanan vorführt. Es ist das die Zeit, in welcher das geistige Leben des Judentums in Palästina den Kulminationspunkt erreichte, wo die Koryphäen der Halacha, die gefeiertesten Gesetzeslehrer blühten. Obwohl wir bereits eine ziemliche Anzahl von Sammlungen besitzen, die uns die Agada der beiden Talmude und des Midrasch in Sentenzen, Fabeln, Parabeln, Apologien und Erzählungen vorführen, so erhalten wir doch dadurch nur ein ganz unvollständiges und unzureichendes Bild von derselben. Wir erfahren viel weniger, als was uns beispielsweise eine Anthologie oder ein Dichteralbum von der deutschen Litteratur bietet. Ganz anders bei Bacher. Der Verfasser verbreitet sich zunächst in einem Abschnitt jedesmal über das Leben des betreffenden Amoräers, indem er seine Wirksamkeit, seine Beziehungen zu seinen Lehrern und Schülern schildert; dann folgen die agadischen Aussprüche, die wieder nach bestimmten Kategorien gegliedert sind, so daß immer Zusammengehöriges und Verwandtes neben einander zu stehen kommt. Die Persönlichkeiten treten uns aus diese Weise gewissermaßen im Rahmen von geschlossenen Lebensbildern in scharfen, hervorstechenden Zügen vor Augen, sie stehen vor uns in ihrer Weltanschauung, in ihrem gesamten Denken, Fühlen und Wollen. Trefflich wird das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern in klares Licht gesetzt. War doch die schulmäßige Ausbildung eines Gelehrten bei den Juden eine ganz andere als heutzutage. Während gegenwärtig die Studierenden auf unseren Hochschulen durch verschiedene Lehrer Anregungen empfangen, jedoch nur wenigen das Glück zuteil wird, in ein näheres freundschaftliches Verhältnis mit einem zu treten, ihn jederzeit befragen zu dürfen und sich bei ihm Rats zu holen, hatte bei den Juden ein junger Mann, der sich der Schriftgelehrsamkeit widmen wollte, in der Regel nur einen Lehrer, mit dem er in innigem und vertraulichem Verkehr stand. Der Schüler beobachtete seinen Meister überall, im Versammlungs- und Lehrhause, aus der Reise, aus Spaziergängen, in seinen Handlungen, in seinem Benehmen gegen andere Menschen, in seinem Rechtsentscheiden. Zu jeder Zeit durfte er sich an ihn wenden, ihn befragen und ihn um Aufschluß über nicht verstandene oder seinen Geist bewegende Dinge bitten. Die Schüler wurden dadurch zu freien, charaktertüchtigen Persönlichkeiten herangebildet. Obgleich sie die größte Hochachtung und Ehrerbietung vor ihrem Lehrer hatten, so artete dieselbe doch keineswegs in sklavische Gesinnung und Liebedienerei aus. Der Lehrer wiedrum hatte die große Freude, mit seinem Wissen und Können in seinen Schülern fortzuleben, sozusagen in jedem aufs neue sich zu verkörpern. Es sind zwar nur wenige Autorennamen, die in dem zweiten Bande zur Darstellung gelangt sind, aber es sind gewaltige Geister, hervorragende Vertreter der jüdischen Schristgelehrsamkeit, an die sich eine Fülle agadischen Stoffes von seltener Mannigfaltigkeit knüpft. Vor allem sind es zwei Männer, Jizchak und Levi, deren Aussprüche fast den halben Band füllen. Doch Bachers Verdienst besteht nicht nur darin, die Agada der palästinensischen Amoräer gesammelt, gruppiert und uns dadurch eine Uebersicht und Einsicht in die verschiedenen Materien verschafft zu haben, es reicht viel weiter. Unter dem fei U f 1

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