Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- Seite 796 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 796. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Affairen. Jakob verfolgte ruhig seinen Weg und that niemandem etwas zu Leide; er muß wohl auch so ein Stück Mittelalter hinter sich gehabt haben, das ihn zur Vorsicht mahnte, wenn er sich auch nicht die „Butter vom Brote" nehmen ließ. Aber es gab damals schon edle und unedle Rowdies, welche Ruhe und Harmlosigkeit für Feigheit ansahen, denen beim Anblick solcher Mitbürger der Mut wuchs und die glaubten, ihnen gegenüber sich alles herausnehmen zu dürfen. In der richtigen Voraussetzung, daß Jakob kein Freund von Mischehen war, entführte der junge Ritter die junge Maid, die augenscheinlich eine sehr gute Partie war, mit deren Geld das Wappen sich neu vergolden ließ, und zwang sie zu — hm — einer Zivilehe. Dinah war nicht ganz von Mitschuld frei zu sprechen; warum sucht auch eine Tochter Jakobs mit Gewalt in Gesellschaften sich zu mengen, wohin sie nach Sitte und Erziehung nicht gehört und wo man sie nicht gern sieht? Aber ein reiches jüdisches Mädchen wird schließlich geduldet, und wenn sie einem jungen adligen Offizier in die Augen sticht und dieser eine etwas zu weit gehende Flirtation mit ihr eingeht, so bleibt in der Regel dem Vater nichts anderes übrig, als einen Skandal zu vermeiden, den Beutel zu ziehen und den Segen zu geben! Jakob war aus anderem Holze, er fühlte sich durch die Aufmerksamkeit des jungen Herrn nicht weiter beehrt, sondern vielmehr durch die Verletzung der einfachen keuschen Sitte des Hauses Israel aufs tätlichste beleidigt. Da er und seine Kinder gegen die Uebermacht nichts ausrichten konnten, so mußte er ohnmächtig seinen Schmerz hinuterschlucken. Nicht so zwei seiner Söhne. Man mag über die ganze Affaire denken, wie man will, das muß ihnen aber zugegeben werden, daß sie der grpßen Uebermacht gegenüber auf geordnetem Wege nicht zu ihrem Recht gelangen konnten. Sie befanden sich in der Notwehr, da geht's mitunter nicht kommentmäßig zu, und die von ihnen angewandte List steht auf keinem tieferen Niveau, als dasjenige, auf welchem modern gebildete Totstecher mit ihrer Herrenmoral sich befinden. Gewiß wollte der junge Verführer sich entschuldigen und seine That wieder gut machen, aber in seiner Weise. Von dieser mögen die Söhne Jakobs Wind bekommen haben, was sie zu ihrer grausamen That trieb. Wie gesagt, verteidigen kann niemand die Handlungsweise der beiden Söhne Jakobs, und der alte Vater konnte ihnen noch aus dem Totenbette das ihm dadurch zugesügte Herzleid nicht vergessen, aber es läßt sich ohne Sentimentalität nicht behaupten, daß die gebotene Genugthuung eine ehrliche war. Den beleidigten Angehörigen gegenüber setzten sie zwar eine Biedermannsmiene aus, als aber die Herren mit ihrem Trost „unter sich" waren, deckten sie ungeniert ihre Karten aus. Dem Jakob sagte der väterliche Freiwerber: „Mein Sohn liebt Deine Tochter, gieb sie ihm zur Frau, und Ihr sollt gleiches Recht mit uns genießen, ihr dürft frei Handel treiben und Euch niederlassen, an welchem Orte ihr wollt. Ihr dürft Eigentum erwerben und niemand wird Euch Eure menschlichen Rechte beeinträchtigen dürfen." So zu Jakob. Wie aber sprach er zu den Leuten der Stadt? Zunächst erkannte er an, daß die Familie Jakob sozusagen auch Menschen seien, ja sogar höchst anständige Menschen: „Diese Männer sind friedlich mit uns" (I, 34, 21) — sagen die Antisemiten aller Zeiten auch, wenn sie unter sich sind — und verlangte für sie Gewerbesreiheit. Die Leute mögen aber wegen der starken Gegenforderung etwas schwerhörig gewesen sein, darum mußte der edle Herr schon etwas deutlicher werden und sich auf Teilung der Beute einlassen: „Ihre Herden und ihr Eigentum und ihr Vieh — wird nicht alles unser sein?" (I. 34, 29). Fürchtet die Konkurrenz dieser Fremdlinge nicht, denn „im Grunde genommen, gehört doch alles, was sie besitzen und erwerben . . . uns" und wir sichern es nur, indem wir sie unseren Zwecken dienstbar machen. Glaubt man da nicht eine Hetzrede unseres heutigen Chammor-Ahlwardt zu hören? Nehmen wir alles in allem, so war für zwei heißblütige junge Leute Zündstoff genug zu unbesonnenen verhängnisvollen Streichen vorhanden. Wenigstens haben keine niedrigen materiellen Absichten sie geleitet, denn nicht allein, daß dort offenbar nicht viel zu holen war — bei einem geordneten Besitzstände hätten sie wohl nicht nötig gehabt, Antisemiten zu werden — sondern selbst was sie vorgefunden hatten, mußten sie ans Befehl Jakobs wegschaffen, um wenigstens dem Verdacht, aus Habsucht gehandelt zu haben, zu entgehen. Tie Antis von Haman bis auf die Neuzeit können sich solcher Uneigennützigkeit nicht rühmen, wenn sie immerfort rufen: . . . Thut nichts, der Jude wird doch verbrannt. Und gerade diese Niedrigkeit ihrer Beweggründe läßt sie zu einander kein Vertrauen fassen, denn sie kennen einander zu genau, und es bleibt immer eine schöne Lehre: — wie der alte Chammor, so auch die modernen Chammorim, nur mit dem Unterschiede, daß diese einander bei gelegener Zeit selbst abschlachten und wir unsere Finger reinhalten können. Dr. Singer-Coblenz. Feuilleton. Aus PaWnas Fehrhallen. Vom Licent. Prof. Dr. August Wünsche, Dresden. (Schluß.) Der zeitlichen Entwicklung nach gliedert man die Agada am einfachsten in drei Perioden. Die erste Periode ist die des Aufblühens, die mit den Tannaiten oder Mischnalehrern beginnt und mit Jochanan, dem Sohne des Schmiedes, einem Schüler Jehudas I., ihren Höhepunkt erreicht. Sie umfaßt die Agadisten der ersten und zweiten Generation. Jochanan lehrte anfangs in seiner Heimat Sephoris, später aber schlug er infolge von Meinungsverschiedenheiten mit Chanina seinen Lehrstuhl in Liberias auf, wo er eine große Schülerzahl um sich versammelte. Die .zweite Periode ist die der höchsten Blüte, die in Jizchak und Levi ihre hervorragendsten Vertreter hat. Zu ihr gehören die Agadisten der dritten Generation. In dieser Periode zeichnet sich die Agada nicht nur durch Reichtum und Mannigfaltigkeit, sondern auch durch Schöpferkraft und Originalität aus. Auf diese Periode folgt im 4. Jahrhundert die Zeit des Abblühens oder das Epigonentum, wo die Produktion allmählich erlahmt. Es sind zwar immer noch viele Geister, an die sich eine Menge sinniger Aussprüche knüpft, im ganzen aber zeigt sich schon das Bestreben, das