Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- Seite 792 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 792. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. : SM ■ " 1“' ft- 'ßM-- > ti i; | ■etyiä -:j ■' Y®.; V-.y'M '; P'H ■ ■ ■■ zu Worte kommen solle, von der Voraussetzung ansgehen zu dürfen, es werde jeder der Verpflichtung sich bewußt sein, die eine freundliche Einladung auferlcgt. Wir eröffneten einen Sprechsaal, doch eröffneten wir ihn in unserem Hause, wo wir schickliches Benehmen nicht erst ausdrücklich zu verlangen brauchen. Man konnte unsere Einladung ablehnen; wer ihr aber folgte, war verbunden, sich gesitteten Verhaltens auch dann zu befleißigen, wenn das sonst seinen Neigungen und Gewohnheiten nicht entspricht. Dies vorausgeschickt, veröffentlichen wir die Zuschrift, mit der uns der Syndikus des Berliner Pfandbriefamtes und Vorstands-Mitglied der Berliner Reform-Gemeinde, Herr Dr. Georg Minden, beehrt. Wir geben sie unserem Versprechen gemäß wieder, da sie nichts strafbares enthält. Inwieweit ein Teil der obigen Bemerkungen auf die Person des Herrn Minden paßt, werden wir weiter unten darlegen. Doch zunächst urteile der Leser selbst. Herr Minden schreibt: „Geehrte Redaktion! Die kleinmütige Frage, „ob das Judentum im Niedergange sei", sollte von einem Juden als eine ernsthafte an sein eigenes Gewissen nur dann gerichtet werden, wenn er im Begriff steht, sich selbst oder seine Kinder dem Judentum zu entziehen. Zur öffentlichen Diskussion hätte sie niemals gestellt werden sollen. Sie haben diese Frage leider auch an mich gerichtet und meinen Namen als den einer der 70 Befragten bereits veröffentlicht. Hierdurch sehe ich mich — um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen — wider meinen Willen gezwungen. Ihnen zu antworten. Die Antwort lautet: Nein! das Judentum ist nicht im Niedergange begriffen, obgleich seine Bekenner — wie zu allen Zeiten — unter mancherlei Bedrückungen zu leiden haben und obgleich — wie es ebenfalls zu allen Zeiten gewesen — sich manche Unwürdige unter seinen Bekennern befinden. Das Judentum wird vielmehr so lange aufsteigen, bis jene Zeit gekommen sein wird, von der es heißt: „Gott wird König sein über den ganzen Erdball, dereinst wird Gott allein erkannt werden und sein Name allein." Wir aber müssen stolz darauf sein, daß es uns vergönnt ist, für unsere heilige Religion zu leiden! Diese Antwort schöpfe ich aus der Tiefe meiner religiösen Ueberzeugung. Einen mit Zahlen gestützten Beweis für dieselbe kann und will ich nicht antreten. Ich halte kein Mitglied der jetzt lebenden Generation für fähig, eine erschöpfende Erörterung von einigem wissenschaftlichen Werte über Ihre erste Frage zu geben. Denn wir haben keine Propheten unter uns und Ihre Vergleichung der von Ihnen „Interviewten" mit den 70 inspirierten Dolmetschern der Sage erscheint mir, so hoch ich einige der Befragten schätze, geradezu als frivol. Natürlich verpflichte ich mich durch meine Antwort nicht, alles, was zur Zeit unter der Flagge des Judentums segelt, für vollkommen zu halten. Für eine Verbesserung der nach vielen Richtungen hin schlimmen und sich verschlimmernden Zustände arbeite ich fortwährend nach dem bescheidenen Maße meiner Kräfte. Und ich sehe, daß viele wackere Männer und Frauen, sowohl konservativer als reformistischer Richtung in gleicher Weise thätig sind. Insbesondere gilt es, die der Religion entfremdeten Kreise unserer Glaubensgenossen zu derselben zurückzuführen und die kenden zu befestigen. Der Wege zu diesem Ziele giebt es verschiedene, aber ich halte Ihre Zeitung wegen des Tones, in dem dieselbe redigiert wird, nicht für geeignet, mich darüber eingehender auszusprechen. Auch haben Sie diese Frage nicht gestellt." Herr Syndikus Minden hat hier mit dankenswerter Offenherzigkeit enthüllt, daß er den Gipfel seiner jüdischreligiösen Ausbildung als Bar-Mizwah-Junge erreicht hat, denn sein Zitat aus dem Jesaias ist doch wohl dem Schatze seiner jugendlichen Erinnerungen entnommen. Er war dann freilich kaum mit der zur Beantwortung unserer Frage erforderlichen Ausrüstung versehen. Doch das macht ihm wohl nichts aus. Er hat Uebung darin, sich um Dinge zü kümmern, von denen er nichts versteht, und da, wo er keine Schule durchgemacht hat, den Leiter und Lehrer zu spielen. So kann er Fanatiker der „Assimilierung" sein, und zionistische Ausrufe unterzeichnen, und selbst davor scheut er nicht zurück, in einer Zusammenkunft jüdischer Lehrer Vorsitzender zu sein — ein rührender Zug von beinahe übertriebener Dankbarkeit, denn mit jüdischen Lehrern hat er selbst vor seiner Bar- Mizwah-Feier nicht soviel zu thun gehabt, daß es der Rede wert wäre. Herr Minden nennt die Frage „ob das Judentum im Niedergange sei", kleinmütig und meint, sie hätte niemals zur öffentlichen Diskussion gestellt werden dürfen. Wir gestatten uns, anderer Ansicht zu sein. Nicht die Frage ist kleinmütig, nur die Antwort kann es unter Umständen sein. Auch fehlt es thatsächlich nicht an Kleinmütigen, die sich leise aus dem Lager Israels hinwegstehlen oder die Kinder aus diesem Lager fortbringen, wobei sie sich noch groß dünken, weil sie selbst — nicht einmal den Mut des Abfalls haben. Es giebt wirklich solche Leute, Herr Minden, und Sie brauchten sich blos die Augen nicht zuzuhalten, um sie in Ihrer Nähe zu sehen. Gerade die Beantwortung der laut gestellten Frage konnte dazu angethan sein, den Kleinmut zu verscheuchen und zu zeigen, daß wir an denen, die sich von uns verlieren, nichts verloren haben. Versteckens Spielen ist unsere Art nicht, doch geben wir zu, daß andere dafür Vorliebe haben mögen, sogar in ihrem öffentlichen Austreten, wodurch sie befähigt werden, mit wohlfeilem Enthusiasmus an allen Tischen zu sitzen. Herr Minden nennt ferner den hypothetischen Vergleich mit der Septuaginta „geradezu frivol". Wenn sich hierin nicht heiliger Eifer für die „Dolmetscher der Sage" ausspräche, so müßten wir Herrn Minden „geradezu ungezogen" nennen. Sein heiliger Eifer für die Männer der Septuaginta wird sich aber vielleicht beruhigen, wenn wir ihm die Versicherung geben, daß uns niemals in den Sinn gekommen ist, durch eine solche Parallele seiner Bescheidenheit zu nahe zu treten. Mit seiner Ausnahme haben alle Adressaten unserer Rundfrage darin das ungeschriebene „Lehawdil" — das heißt auf deutsch: 3an3 comparaison, Herr Minden, — gelesen und deshalb gegen die Parallele nicht Verwahrung eingelegt. Sie wären unbescheiden gewesen, wenn sie es gethan hätten, gerade wie wir unhöflich gewesen wären, wenn wir es geschrieben hätten. Herr Minden versichert, er sei, da wir seinen Namen als den eines Angesragten öffentlich genannt hätten, wider seinen an- | * i