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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-27 · 48 (27.11.1896) · p. Seite 790

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
Seite 790 (sequence 2)
Language
German
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Seite 790. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Demoralisation, einer geistigen Verkümmerung verfallen sind. Es liegt ein tiefer Sinn in den agadischen Worten: „Wenn Gott ein Volk verderben will, so verdirbt er zuerst seine Führer." Der jüdische Volksstamm war zur Zeit der Syrerkämpse kerngesund; er war arm und der damaligen Weltkultur, der griechischen, völlig fremd. Aber gerade deshalb, weil Israel sich zu jener Zeit in einem primitiven Zustande befunden und von der griechischen Kultur unberührt blieb, besaß es eine unverwüstliche Lebenskraft. Nach materieller Selbständigkeit strebte dieses kleine schwache Volk nicht, weil es froh und glücklich war, unter dem Schutze einer milden Herrschaft zu leben, die ihm die freie Ausübung seiner religiösen Gebräuche und die ungestörte Fortbildung der jüdischen Lehre gestattete. Ost kommt mir das jüdische Volk während der Perser- und Syrerherrschast wie ein Gärtner vor, der still und beschaulich eine Saat pflegt, die er nicht etwa aus Hoffnung aus Gewinn angelegt, sondern weil er seine innige Freude an dem herrlichen farbenprächtigen Gewächs hat. Keine Zeit war so glücklich für den innern Ausbau des Judentums geeignet, wie gerade die Perser- und Syrerherrschast, in der die politische Bedeutung des jüdischen Volkes vollständig verloren gegangen zu sein schien. Die Zeit der Perserherrschast, welche etwa zwei Jahrhunderte dauerte, ist äußerlich für das Judentum ohne Spuren vorübergegangen. Es ist bezeichnend, daß die talmudische Litteratur nicht einmal weiß, was sie mit diesem Zeitraum anfangen könnte, weshalb er da auf vierunddreißig Jahre zusammenschrumpft. Dafür aber war diese Epoche segensreich wie keine andere für die innere Entwickelung des Judentums. Es ist die sogenannte -,sopherische" Epoche, in welcher die Lehre Israels Gemeingut des ganzen Volkes geworden. In demselben Zustande lebte das Volk auch während der Syrerherrschaft und würde wahrscheinlich niemals die Aufmerksamkeit des wahnwitzigen Antiochos auf sich gelenkt haben, wenn sich nicht damals eine Erscheinung gezeigt, die sich seitdem oft in der jüdischen Geschichte wiederholt hat. Reiche Juden, von der Weltkultur ein wenig beleckt, fanden um jene Zeit das Judentum nicht mehr zeitgemäß; sie konnten sich vor allem nicht mit seinem Partikularismus, mit seiner Exklusivität befreunden und strebten, das Judentum zu entnationalisieren, es in das äußerlich glänzende, innerlich aber bereits moderige Kleid der sogenannten griechischen Kultur zu kleiden, wie sie sich damals widerlich und unsittlich genug in Kleinasien gezeigt. Es war dies die griechische Kultur, von deren Blütezeit ein genialer hebräischer Dichter — Rabbi Jehuda Ha-Levi — einst so treffend gesagt: sie hatte wohl Blüten, aber keine Früchte. Wenn wir nun das Bestreben der damaligen Griechlinge in Palästina historisch betrachten, so denken wir unwillkürlich an die ähnlichen Erscheinungen in Berlin gegen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Oberflächliche und haltlose Naturen, welche ihre Bildung aus einem Duodezbändchen lyrischer Gedichte und einigen Kotzebue'schen Lustspielen geschöpft, fanden das Judentum nicht mehr auf der „Höhe der Zeitidee" und wollten es partout „reformieren", das heißt, es so viel als möglich verwüsten, um es den blasierten Kommis mundgerecht zu machen. Statt einer Welt von Ideen und ethischen Gedanken, welche das Judentum enthält, sollte dafür eingetauscht werden ein leeres, inhaltloses Wortgeklimper, wie man es aus einer Jahrmarktbude zu Plunderweiler vernehmen kann. Man braucht sich nur die „Reform"- helden jener Epoche etwas näher anzusehen, jene Weißbierphilister, die gegen Anfang des Jahrhunderts sich angeschickt haben, das Judentum „zeitgemäß" zu drapieren, um einen unbesiegbaren Widerwillen gegen das ganze schale Komödiantenvolk zu empfinden. Wie kraftlos muß ein Zeitalter sein, wie bar jeder Lebenskraft, daß es sich von solchen Dutzendmenschen führen lassen kann! Einen ähnlichen Selbstauflösungsprozeß wollten die damaligen Griechlinge in Israel herbeiführen. Das Judentum sollte aufhören, eine Weltidee zu sein, um ein nebensächliches Anhängsel des Griechentums zu werden. Jerusalem sollte nicht mehr die erste Stätte in der Kulturgeschichte der Menschheit sein, dafür aber eine unbedeutende Filiale des Dionysoskultus. Ein nettes, „stilgerechtes" Tempelchen, ein schöner Chor, gut drapierter Gottesdienst — dies sollte dem Volke Ersatz bieten für die erhabenen Lehren des Judentums, die einen Markstein in der Entwickelungsgeschichte der menschlichen Gesittung bilden! Man mutete dem jüdischen Stamme zu, er solle einen Selbstmord begehen, wofür ihm in Aussicht gestellt ward, seine Leiche werde, „herrlich" geschmückt, eingesargt werden. Noch war das Volk lebenskräftig genug, um mit einem Rucke dies ganze Heer von faden Schwätzern von sich abzuschütteln. Dem Volke waren die demoralisierten „Führer", welche jeden Funken von nationaler Ehre verloren hatten, ein Greuel. Das Volk konnte sich nicht zu der „Höhe" jener Moral emporschwingen, wonach die Ideale, welche ein Stamm durch jahrhundertlange treue Pflege gewahrt, aus den Wink einer handvoll lüsterner Komödianten wie ein wertloser Plunder weggeworfen werden sollten! Die großen Massen wendeten sich mit Verachtung von diesem entmannten „Adel" ab, der wohl die materielle Herrschaft im Namen des Syrerkönigs über das Volk ausüben durfte, aber jede innere Zugehörigkeit zu seinem Stamme verloren hatte. Ueber diese stille Verachtung, über diesen zähen, wenn auch nur passiven Widerstand ergrimmt, unternahm es der gewissenlose und sittlich verkommene Adel, das Volk zu bezwingen oder zu vernichten. Die ganze Niedertracht der Gesinnungslosigkeit zeigte der entartete Adel in diesem Kampfe, in welchem fremde Söldner und Mordgesellen einem einfachen, schlichten Bauernvolke eine „höhere" Kultur auszwingen sollten! Wir haben eigentlich gar keinen Grund, dem König Antiochos zu zürnen, der nur dasjenige gethan, was um jene Zeit jeder andere Herrscher auch gethan hätte und gethan hat. Mit dem ewigen Fluch beladen hat sich jener Teil des jüdischen Volkes, der einen solchen Fanatismus der „Aufklärung" entwickelt hat, wie ihn die Geschichte kaum aufzuweisen hat, wenn man nicht etwa die Zeit der Jakobinerherrschaft in Frankreich als eine ähnliche Epoche bezeichnen will. Daß aber das Volk diesem glänzenden Laster siegreich widerstanden hat, daß es sich von dieser großen „Bewegung" nicht blenden und in den Sumpf hat führen lassen — dies war der herrliche Sieg, den wir noch heute mit Stolz feiern dürfen. Stets ist das Volk leider inkliniert, dem bösen Beispiel, welches ihm ein der Demoralisation verfallener Adel giebt, zu

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