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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-20 · 47 (20.11.1896) · p. Seite 782

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 782 (sequence 10)
Language
German
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Seite 782. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Nr. 47. Der Alte stutzte einen Moment nnd starrte sie mit rollenden Augen an. Dann sprang er auf sie zu und krallte seine Finger um ihren Hals. „Bist Du mein Sohn Hellem?" keuchte er; „nein Du bist eine Christin und hast ihn getötet, weil er uns nicht töten wollte; — aber ich räche ihn, ich räche alle, die ihr von uns gequält und zu Tode gemartert habt —" Sybille wankte; die dürre Hand schnürte sich mit furchtbarer Kraft fester um ihren Hals und betäubte ihre Sinne — auf der Schwelle erschien die schöne Tamar, wie sie im Bilde vor ihr gestanden, wie aus ihrer Kindheit die grausige Sage von den verführerischen Judenmädchen ihr heraufkam und ihr vorüberflog, und ihr war, als lächle sie teufüfd) mit den tot* bleichen Zügen, — da lösten sich die krampfhaften Finger des Greises von ihrem Nacken, eine starke Hand hatte ihn von von hinten gefaßt, brach seine alten Glieder kraftvoll zu Boden, und die schöne Tamar flog zitternd auf sie zu und legte die Arme liebreich um ihre Schulter und flüsterte: „Du kommst von ihm, o sag', was weißt Du von meinem Bruder?" Es dauerte einige Zeit, ehe Sybille zur Besinnung gelangte. Der plötzliche Angriff, das irrsinnige, entstellte Gesicht des Alten, der Schreck und die Betäubung der zusammengepreßten Kehle machten sie sprachlos. In ihr wogte es seltsam, ihr kam überwältigend der Gedanke, daß die Kraft ihres Beschützers aus der Frühe sie in diesem Augenblick nicht zu retten vermocht hätte, daß er es nie konnte, wenn sie nicht immer bei ihm und er immer bei ihr sei, — dann klangen wieder die süßen, schmeichelnden Worte ihr verbitternd ins Ohr, und sie fand es falsch und heimtückisch, daß jene Hellem ihren Bruder naunte, da sie nicht seine Schwester war, sie stieß das Mädchen entrüstet von sich und sagte heftig in aufwallendem Zorn: „Ich weiß, daß ich ihn krank auf der Straße gefunden, wo ihr ihn liegen ließt und euch nicht darum bekümmertet, ob er lebe oder sterbe —" Doch sie vermochte nicht auszureden vor dem Jubelschrei, der ihre Worte erstickte, und vor dem Strahl der Liebe, der in den dunklen Augen der schönen Tamar ausleuchtete. „Er lebt!" rief das Judenmädchen sreudejauchzend, „und Du hast ihn gerettet und rettest meinen Vater!" Ihre weichen Arme schlossen sich mit heftiger Zärtlichkeit um den Nacken Sybillens, der noch von der tötlichen Umarmung des Alten zitterte; sie küßte ungestüm ihren Mund nnd lachte auf, und ihr Busen wallte und ihre schwarzen Locken mischten sich in wildem Sturm mit dem braunen Haar der Christin und überfluteten ihre Schultern. Ein süßes, unbekanntes Gefühl durchwogte Sybillens Brust und schmolz allen Unmut und alle Kraft in ihrem Innern. Das Herz der schönen Tamar pochte an ihrer Wange, sie fühlte seine hastigen Schläge, die in ihren Leib hinüber bebten und sie ängstlich und namenlos durchschauerten. Berauschende Glut der Leidenschaft durchströmte sie zum ersten Mal und heftete sich jugendlich ungestüm aus das wundersame Mädchen, das sie in den Armen hielt, und sie fühlte plötzlich sich von fremdem Zauber umstrickt, und daß sie dem Tod trotzen wiirde um ein Lächeln von diesen Lippen. Tamar ließ ihre Hand nicht frei, sondern zog sie eilig mit sich in das Nebengemach, wo Thubal, der den ohnmächtig niedergebrochenen Greis auf den Armen hinübergetragen hatte, unter Leas Beihilfe bemüht war, ihn auf sein Lager zurückzubringen. „Er lebt, — Hellem lebt, dies freundliche Mädchen bringt uns Nachricht," ries sie; doch der Arzt machte mit einer Bewegung auf die Lippen ihren Jubel verstummen. „Still," sagte er, sich über das Gesicht des Bewußtlosen niederbeugend, „die Freude könnte ihn töten. Es ist nicht gut alles Gute zu jeder Zeit. Wir werden warten, bis er zu sich kommt und nach ihm fragt." Er benetzte Stirn und Schläfen des Kranken mit einer belebenden, wohlriechenden Flüssigkeit und fühlte mit befriedigtem Ausdruck seinen Puls. „Ich habe gesagt, der Sohn Samai's würde leben," sagte er, sich zu den andern umwendend, „und soweit die Kunst, die ich erlernt, kann vorwärts sehen, wird er nach dem Schlaf besser werden und leben, daß ich nicht länger darf bei ihm bleiben, wo die Pest ist unter unserm Volk." Er nahm seine Werkzeuge, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen, verschloß sie sorgfältig in eine Tasche und trat aus Sybille zu. „Wo, sagt Ihr, habt Ihr lebend gesehen den Sohn Jsaschars, Jungfrau?" fragte er. Der Mann, der auf das schüchtern zu ihm aufsehende Mädchen zukam, war von großer, imposanter Gestalt und auf den ersten Blick unverkennbar jüdischen Ursprungs. Er mochte erst in mittleren Jahren stehen, wie die gedrungene Fülle seiner Glieder verriet; doch das Haar um die hohe ernste Stirn war bereits ergraut, und silberweiße Fäden zogen sich hier und da um das scharsgeschnittene Gesicht. Von edler Schönheit war es, hoheitvoll, mit durchdringendem, ruhigen Blick, und doch sanft und zutrauenweckend in seiner Strenge; ein freundlicher Zug teilnahmsvoller, menschlicher Milde umspielte den schön gebildeten Mund. Göttliche Gelassenheit lag in seinen Worten, in seiner Bewegung, die tiefen Augen blickten denkend voraus, sie hatten lange in das unstäte Schicksal der Menschen hineingeschaut, und ihr Glanz sprach, es sei eitel, und seine Wahrheit sei das Erbarmen. (Fortsetzung folgt.) * Reform und Ignoranz. In T. wurde ein neuer Rabbiner ausgenommen. Der bei weitem größte Teil der Gemeinde war in religiöser Beziehung konservativ, die Gemeindevertretung aber enthielt manche reformistisch gesinnte Elemente. Der neue Rabbiner wurde von diesen gedrängt, mit Reformen vorzugehen; natürlich standen die beliebten Kultusreformen in erster Reihe auf der Tagesordnung. Der Rabbiner entschied sich für einige Gebetänderungen, unter denen sich auch eine mildere Fassung der Gebetformel cwWfl befand. Die orthodoxen Gemeindemitglieder wollten hauptsächlich eine Aenderung in der Schmone essreh nicht gelten lassen; da sie beim Wochentag-Gottesdienst fast ausschließlich im Tempel anwesend waren, hatten sie das faktische Recht für sich. Die Angelegenheit kam nochmals vor die Gemeindevertretung, die es

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