Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 780 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 780. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. über die Habgier, den Edelmut, das Verständnis für die Aufgaben des Lebens, für die Bedürfnisse der Mitwelt; er macht das Geld zum äußeren Wertzeichen seines inneren Menschenwertes. Wer sein Geld redlich zu erwerben und gedeihlich zu verwenden weiß, sei es nun zu eigenem, vernünftigen Genießen oder zur glücklichen Lebensgestaltung für seine Familie, für alle, die ihm wert sind und seinem Herzen nahe stehen, oder sei es zu Werken der Nächstenliebe, zur Linderung der Not, zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes, zur Förderung hoher Geistesinteressen, der macht sein Geld zum Segen, zum wahren Siegespreis im Kampfe, den wir Leben nennen. Daran mochte wohl der weise König gedacht haben, als er sagte:') „Das Geld giebt Antwort aus alle Fragen" — nicht blos auf die verfänglichen Fragen: Warum hat der Rang und Ansehen und jener nicht? Warum zollt man dem einen so viel Achtung und Ehrerbietung und dem andern nicht? Warum lebt dieser, von Glück und Glanz umgeben, in Saus und Braus und jener in Not und unter Beschwerden? Warum hat das Wort des einen so viel Geltung und Einfluß, indes die Stimme des andern ungehört verhallt? Das Geld giebt Bescheid darauf. Das Geld beantwortet aber auch die weit gewichtigeren Fragen: Wie erringt man sein frohes Lebensglück? Wie sorgt man für die Seinen? Wie versöhnt man den Unglücklichen mit seinem Mißgeschick? Wie löscht man den Haß in verbitterten Gemütern? Wie wandelt man Schmerzensthränen in Freudenzähren um, den Seufzer der Bedrängnis in das freie Ausatmen der Erleichterung, die Selbstvergessenheit in Selbstgefühl, Verzagtheit in Wagemut? Wie verbreitet man den Segen des Erwerbes, der ehrenden, nährenden Arbeit, der frischen, frohen, beglückenden Thätigkeit? Wie kaust man sich selber die edelsten Freuden, die reinsten Genüsse? Wie spielt man eine Art gütiger Vorsehung auf Erden? Das Geld giebt Antwort daraus. In alter Zeit hieß es?) „Die Liebe deckt alle Fehler zu"; jetzt hingegen heißt es: das Geld deckt alle Fehler zu, und zwar so gründlich, daß der Liebe nichts mehr zu thun übrig bleibt. Aber auch den Abgrund des Elends deckt das Geld zu durch Wohlthun. — „Wohlthätigkeit ist das Salz des Reichtums", sagen unsere Weisen?) Das Salz des Reichtums! Was soll das besagen? Ja, das Wohlthun schützt den Reichtum vor Vernichtung und Zersetzung, es verleiht ihm Reiz und Würze; es erteilt dem Gelde Wahrung und Währung. Mit dem Reichtum sollten indes auch die Pflichten des Besitzes im Bewußtsein zunehmen, aber leider tritt nicht selten der umgekehrte Fall ein: je größer der Reichtum, desto kärglicher und spärlicher wird das Wohlthun. Es scheint doch etwas Wahres daran zu sein, wenn man sagt: Das Geld legt sich wie eine Eiskruste um das Herz. Selbst in günstigeren Fällen fühlt man sich schier versucht, dem Psalmworte0 die launige Deutung zu geben: Geld und Gut mehren sich in seinem Hause, aber seine Wohlthätigkeit bleibt sich immer gleich, auf demselben Punkte stehen, wenn sie sich nicht gar verringert. 1) Kohelet, 10, 19: Ntt H"> f]D:ni 2) Sprüche, io, 12: n;nx neun DW2 3) Ketubot, 66 b. 4) 112,3: rroy lnp-isn irras “«snsn stu Doch nicht das Almosen allein ist es, was die Wohlthätigkeit menschenwürdig macht, sondern die ganze Persönlichkeit dabei mit der Haltung und dem Benehmen, mit dem Worte und dem Tone des Wortes, mit der ganzen Absicht der Seele, die in dem Auge schimmert, die aus dem Antlitze spricht. Nicht das Geben allein, vielmehr die Art des Gebens weiht die Gabe, adelt den Geber, beglückt den Beschenkten und stellt die Gabe als Werk edler Menschenliebe hin. Die Wohlthätigkeit ist eine Blnme, doch die liebreiche Gesinnung, die sie ausstrahlt und ausströmt, das ist der süße Duft der Blume und ihr lieblicher Farbenschmelz. Nehmet der Wohlthat den erquickenden Anhauch der Herzensgüte und ihr habt eine Blume ohne Duft, ohne Farbe. Und verliert die Wohlthat schon den besten Teil ihres Wertes, den schönsten ihrer beglückenden Wirkung, wenn sie der Freundlichkeit auch nur entbehrt, wie wird sie erst, wenn man ihr rauhe Mienen, barsche, unwirsche Worte zur Begleitung giebt? Etwa wie ein Reicher, der ein Geldstück erst im Feuer glüht und dann dem Armen in die Hand drückt: es ist ein Geldstück, das er ihm reicht, aber es brennt den Armen in die Hand, es brennt ihn bis in die Seele. Solche Wohlthaten versengen noch das wunde Gemüt, anstatt es zu heilen und lassen den Hilfeheischenden die ganze Tiefe seiner Verlassenheit um so herber empfinden. Wir sollen vieles von der Natur lernen, nur das eine nicht, wie man Wohlthaten übe. Der Himmel, wenn er den schmachtenden Triften, den lechzenden Gefilden seine reiche Regenspende, senden will, so umzieht er sich erst mit düsterem Gewölk und entladet unter grollendem Donner, unter brausendem Wetter seinen Segen. Wir sollen es nicht so machen, wenn wir milde Gaben spenden oder helfen; da sollen nicht erst Wolken auf unserer Stirne lagern, nicht Zornesblicke aus dem Auge blitzen, nicht grollende Worte über unsere Lippen kommen, bevor wir die Hilfe reichen, sonst verleugnet sie ihren Ursprung und verfehlt ihren Zweck. Damit sei übrigens nicht gesagt, daß die Menschenliebe, wenn sie sich thätig zeigt, mit falscher Rührung, mit süßlichem Lächeln aus dem Munde erscheinen muß, nein „Wahre Herzensgüte blickt auch aus einem strengen Angesichte," 0 tönt auch aus ernster Mahnung wohlthuend in das Gemüt des Bedürftigen. Keine sittlichere, geeignetere Bezeichnung konnte das Geld erhalten, als das Wort „Mittel". Man spricht mit Recht von Bemittelten, Minderbemittelten und Unbemittelten. Das Geld soll als Mittel betrachtet werden, zn leben, leben zu lassen. Gemeinnütziges zu schaffen und zu erhalten Wer sein Geld nicht als Mittel gebraucht für sich und für andere, der ist bei allem Reichtum mittellos. Es giebt also auch reiche Leute, die durch die Art und Weise, wie sie mit dem Gelde umgehen, sich selber ein Mittellosigkeitszeugnis ausstellen, ein Armutszeugnis des Geistes und des Herzens. O, die armen, armen Reichen! Sie wähnen, freigebig sein heißt, sich freimachen vom Geben. Sie stehen blos Wache vor ihrem Reichtum und vergessen an den Ausspruch (Koheleth, 5, 12): „Ein Reichtum, der nur bewacht wird 5) Koh. 7, 3: 22" D’j?