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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-20 · 47 (20.11.1896) · p. Seite 778

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
Seite 778 (sequence 6)
Language
German
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Seite 778 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. samt dem „Mond". Ich hätte aber dem Wechselchore auch einen bessern Text gewünscht als: „von jeglicher Stätte aus"; „an jeglicher Stätte", oder noch einfacher: „an jedem Orte" wäre richtiger. _ lVoch en-(Lhronik. Berlin, 18. November. — Das Judentum als Schreckmittel. Schon vor längerer Zeit haben wir mitgeteilt, daß die hiesigen Dissidenten, die man zwingen wollte, ihre Kinder an dem Religionsunterricht eines positiven Bekenntnisses teilnehmen zu lassen, gedroht hatten, die Kinder in den — jüdischen Religionsunterricht zu schicken. Diese unsere Mitteilung wurde an dem letzten Diskussionsabende der humanistischen Gemeinde von dem Prediger derselben, Herrn Schäfer, bestätigt. Er erzählte: Schon vor einem halben Jahre, haben sich die dissidentischen Väter, deren Kinder zu einem ministeriell anerkannten Religionsunterricht gezwungen werden sollten, mit dem Anträge an die städtischen Schuldeputation gewandt, ihre Kinder in den jüdischen Religionsunterricht einzuschulen, weil die Juden die reinere monistische Gottanschauung (Wie heißt doch gleich der Vorsitzende in dem jüngsten Prozeß Sedlatzek, der uns einen besondern „Judengott" sreundlichst zur Verfügung stellte? Red.) und die älteste Religion hätten. Die Schuldeputation hat inderthat kürzlich diesem Anträge stattgegeben und die betreffenden Kinder dem privilegierten jüdischen Religionsunterricht überwiesen. Die Juden hätten sich wohl nie träumen lassen, meinte Herr Schäfer, daß sie jemals in dieser Weise die Nothelfer bei einer religiösen Bedrückung getaufter germanischen Mitbürger werden würden, es würde aber jetzt von dieser gütigen Erlaubnis kein Gebrauch gemacht werden, nachdem unser Magistrat sich so wacker geweigert habe, irgend einen Religionszwang gegen seine Mitbürger auszuüben. — Daß wir über diesen Zuwachs an Religionsschülern nicht sehr erbaut waren, werden unsere Leser sich erinnern. Wir erzählten damals den bekannten Ghettowitz, nach welchem ein jüdischer Taufkandidat erklärt habe, er wolle sich taufen lassen, um seiner Familie, mit der er zerfallen sei — Schande zu machen. Fast möchten wir ihn heute angesichts der erneuten Mitteilung des Herrn Schäfer wiederholen. — Wider die Judenmission wendet sich auch Herr Friedrich Lange in seiner „Deutschen Zeitung". Er schreibt: „Welch unnütz verschwendeter Idealismus!" Das ist immer wieder die Empfindung, die sich einem aufdrängt, wenn man die „Saat auf Hoffnung," Zeitschrift kür die Mission der Kirche an Israel, durchblättert. Es war bei den Alten eine sprichwörtliche Wendung, von einer „Sisyphus-Arbeit" zu sprechen; heute könnte man die ebenso passende Redensart bilden: „unnütz wie die Judenmission." Die Missionare geben ausdrücklich zu, wie völlig zwecklos diese Arbeit einer müde gewordenen Kirche an einem verknöcherten Talmudismus eigentlich sei; der begabte Zöckler z. B. bekennt erst wieder in seinem letzten Bericht: „Schwer ist es ja nicht, hier in Galizien Juden an sich zu locken; aber das Verhängnis ist, daß der Missionar als bezahlter Agent des Seelensanges angesehen wird und die, welche sich mit ihm einlassen, fast immer i Leute sind die bei ihm ein Geschäft machen möchten." Eine Bekehrung der Juden zu christlichem Geiste könnte höchstens aus einer starken, über alle Grenzen schlagenden begeisterten Bewegung des christlichen Geistes erzwungen werden, und wäre es dann noch fraglich; heute aber, bei dem so vielfachen inneren Zerfall des Christentums, erwecken diese zerstreuten „Prediger unter Israel" nur unser Bedauern." — Wir wüßten ja eine bessere und zutreffendere Erklärung für den Mißerfolg der Judenmissionare, der dissidentische Prediger Schäfer hat sie neulich gegeben (cfr. den Artikel „Das Judentum als Schreckmittel" in der heutigen Nr.), die Erkenntnis nämlich, daß die Juden „die reine monistische Gottesanschauung und die älteste Religion" haben; allein aus welchem Grunde immer die Judenmission beschließen sollte, ihre Arbeit an Israel einzustellen, der Beschluß soll uns willkommen sein. — „Charlatane" überschreibt die „Welt am Montag" ein Feuilleton, das zwei in der vorigen Woche zu Ende geführte Sensations-Prozesse behandelt: den Prozeß Volbeding und den Prozeß Stöcker. Wir können es uns nicht versagen, die Einleitung des lebhaft geschriebenen Aufsatzes wiederzugeben. „Es gab in dieser Woche", so beginnt das Feuilleton, „ein paar interessante Verurteilungeu. Der edle Schlächter von Brüsewitz war noch nicht mit dabei, wenigstens weiß man darüber „nichts Gewisses." Der leichteren Truppe der Charlatane siel diesmal die Hauptaktion zu, wenn man bei „Inaktiven" noch von Aktion sprechen kann. Unser teurer Gottesmann Stöcker stritt mit dem Dr. Volbeding aus Düsseldorf um die Palme: der sozialpolitische Quacksalber mit dem medizinischen. Der neue Luther hat in Sachen Witte wieder mal gründlich geflunkert, selbst der „Herr Baron" aus dem Zuchthause vermochte nichts zu seiner Ehrenrettung zu thun. Lügen haben kurze Beine, und sie werden nicht wahrer, wenn sie aus gesalbtem Munde kommen. Nichts Peinlicheres. Beschämenderes, als aus offenbarer Lüge ertappt zu werden; bei allen anständigen Leuten diskreditiert das für immer. Wenn die Firma Stöcker noch einen Rest von Kredit besaß — jetzt dürfte auch der verscherzt sein. Es läßt sich darüber nicht streiten, welche Art von Charlatanismus gemeingefährlicher ist, ob die des Dr. Volbeding oder die des ehemaligen Hofpredigers. Jedem natürlich empfindenden Menschen ist der politisierende Psaffe an sich zuwider. Die „Marke Stöcker" hatte von je einen ganz besonders unangenehmen Odeur: das roch alles so muffig und ungesund, ganz nach schmutziger Wäsche. Man fragt sich heute erstaunt, wie es zuging, daß dieser sozialpolitische Medizinmann mit seinen frommen „fünf Pulvern" wirklich einmal größeren Znlaus hatte. Es war eben nur möglich in der stickigen, dumpfen Kelleratmosphäre der achtziger Jahre. Etwas Lust und Licht haben wir doch seither bekommen. Die Lungen atmen leichter, die Augen sehen heller. Jst's auch nicht schön was sie sehen: thut nichts, es greift sich wenigstens besser zu. Man tappt nicht mehr ungewiß im Halbdunkel, man weiß, woran man ist. Das Eulenpack ist in die Büsche gehuscht, der mystische Spuk ist verschwunden. Das Publikum hat wieder Geschmack an reeller Ware." . . . — 8 11! Vor mehreren Wochen ging durch den gesamten antisemitischen Blätterwald ein Rasseln und Rauschen; i es hieß, im Badeorte Neuenahr hätten jüdische Badegäste von

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