Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 776 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610543--1871-9610547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 776. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. „Zur Erhöhung der Andacht" soll „die deutsche Sprache in größerem Maße berücksichtigt werden"! Wenn die Gemeinden in diesen Worten „den Wunsch äußern" so ist ja dagegen garnichts zu sagen. Aber wenn der Priester, der Bearbeiter des Gebetbuches, bei diesem „geäußerten Wunsche" nichts weiter als Worte hört und nicht das tiefere Bedürfnis ins Auge faßt, das diesem geäußerten Wunsche zugrunde liegt, dann — ist er eben nicht der Mann, der vor diesen Altar berufen ist. Dann „soll er seinen Dienst thun, wie seine Brüder, die Leviten", aber nicht als einen „Propheten", als einen „Mann des Geistes" sich betrachten, der die Stimme Gottes gehört und uns das Wort des Gebetes auf die Lippe legen will. Herr Dr. Vogelstein ist ein sehr dienstsreundlicher Mann: den Gemeinden, die den Wunsch nach größerer Berücksichtigung der „deutschen Sprache zur Erhöhung der Andacht" geäußert, bezeichnet er folgende Stücke „als besonders geeignet zum Vortrage in der deutschen Sprache": „Nischmath, die Benediktionen vor und nach dem Schema, die Gebete beim Aus- und Einheben der Thora, im Mußaphgebete die Keduschah und an Festtagen auch den auf die Keduschah im Schacharith folgenden Teil des Siebengebetes." Diese Stücke, welche der Verfasser oder Bearbeiter selbst „als besonders geeignet zum Vortrage in der deutschen Sprache" — „zur Erhöhung der Andacht" — empfiehlt, werden also voraussichtlich Meisterstücke „der deutschen Sprache" sein. Bei den übrigen Teilen des Gebetbuches sind ja noch Bedenken, ob sie sich — „zum Vortrag in der deutschen Sprache eignen"; aber diese 5 Stücke, sage und schreibe fünf Stücke, haben den ganzen Beifall des Bearbeiters, er erteilt ihnen die Zensur, die für ihn das höchste Lob bildet: „Als zum Vortrage in der deutschen Sprache geeignet." Wird man es uns verübeln können', wenn wir an diese Stücke mit den größten Erwartungen hinantreten, wenn wir da den größten Maßstab zur Hand nehmen? Ach, wir haben das nicht nötig, der gewöhnliche Maßslab genügt, um die Minderwertigkeit dieser Stücke, u. z. nur in der deutschen Sprache, zu erkennen, und der Leser wird staunen, was uns da als „deutsche Sprache" serviert wird. „Alles, was Odem des Lebens in sich hat, preise deinen Namen, Gott, unser Herr — und der Geist i n allem Fleische verherrliche das Gedächtnis deiner Thaten und deines wunderbaren Waltens" — so beginnt das „Mschmath-Stück" bei Vogelstein. Die einfache Uebersetzung: „Die Seele alles Lebenden preise deinen Namen, Ewiger, unser Gott", ist hier vorzuziehen. „Odem des Lebens" ist „Ueberladung", denn jeder Odem ist Odem des Lebens, während es wohl nach religiöser Anschauung Seelen der Verstorbenen giebt. Auch ist „Ewiger, unser Gott" religiöser als „Gott, unser Herr". „Der Herr" wird ja wohl gewöhnlich für „der Ewige" gesetzt, obgleich auch „der Herr" schon ein unjüdisches Gepräge hat. Aber „unser Herr" hat gar kein religiöses Gepräge, das klingt schon ins Politische hinüber. „Und der Geist in allem Fleische verherrliche das Gedächtnis deiner Thaten und deines wunderbaren Waltens." Ist das ein elegantes Deutsch, mit dem man Staat machen kann? Der Hebräer schreibt wohl „Geist alles Fleisches", weil das hebräische Wort für „Geist" (Ruach) zugleich „Wind" bedeutet; der Deutsche läßt aber hier das „Fleisch" lieber ganz , aus dem Spiele. Soll aber das Fleisch figurieren, dann ist „der Geist alles Fleisches" besser als „der Geist in allem Fleische." Ebenso ist: „verherrliche das Gedächtnis deiner Thaten" undeutsch. Der Deutsche „verherrlicht die Thaten", aber nicht „das Gedächtnis der Thaten". Der hebräische Text spricht hier garnicht von „Thaten", sondern sagt: „verherrliche dein Gedächtnis" rc. Der Hebräer drückt sich so aus, wenn er sagen will: „Der Geist alles Fleisches gedenke dein und verherrliche dich." Ebenso ist das „wunderbare Walten" ein westfälischer Zusatz. Das Original ist hier ein- ' sacher und besser: „Die Seele jedes Lebenden preise deinen! Namen, Ewiger, unser Gott; jeder Geist gedenke dein, erhebe I dich, verherrliche dich!" I Doch weiter: Außer dir (Gott) ist keiner, der Hilst und errettet, ernährt und erhält." Verdient das die Note „als besonders geeignet zum Vortrage?" Das sind nüchterne Tautologien! Im Schwünge der Begeisterung ist der Pleonasmus am Platze, aber in diesem kalten Ton ist es platt und „überladen". Da würde ich auch das Original vorziehen: „In jeder Not und Bedrängnis hast du allein dich unser erbarmt, du sorgtest für uns (mepharness), du sandtest uns Hilfe und Rettung, durch dich wurden wir erlöst und befreit." Weiter: „Was du vergangenen Geschlechtern warst, das bist du auch den spätern" — „Lenker aller Schicksale" (statt Geschicke) — „Wäre auch unser Mund der Lieder voll, wie Wasser deckt den Meeresgrund; strömten unsere Lippen über von Lobgesang, wie das Firmament erglänzt von den Strahlen der Sonne und des Mondes" — was sagt -man zu solchen Geschmacklosigkeiten? Abgesehen von den logischen Schnitzern, „voll sein" mit „decken" und „überströmen" mit „erglänzen" zu vergleichen! Das Original lautet: „Wäre unser Mund ein Ozean voll von Liedern, ertönte Gesang von unserer Zunge, wie das Brausen seiner Wogen, wäre Lob in unserem Munde unendlich wie das Firmament, leuchteten unsere Augen gleich der Sonne und dem Monde" rc. Nun wollte aber Vogelstein das „Firmament" und die „Sonne und den Mond", die er im hebräischen Text gestrichen, im deutschen Text nicht missen, wahrscheinlich weil das volltönende Worte sind, die sich „im Vortrag" gut ausnehmen, und so entstand denn solcher Gallimathias. Doch weiter: „Weihten wir auch das ganze Leben und alle Kraft (!) dem Preise (!) deines Namens, wir vermöchten doch nicht den geringsten Teil deiner Größe und deiner Wohlthaten würdig zu verkünden." Das Original lautet: „Wir wären doch unvermögend, auch nur für eine von den tausend Millionen Wohlthaten, die du uns und unfern Vorfahren erwiesen, nach Gebühr dir zu danken und \ deinen Namen zu preisen." Das hat einen richtigen Sinn: jede einzelne der göttlichen Wohlthaten übersteigt die Kraft - unserer Dankbarkeit! Falsch aber ist es, dieses von dem „geringsten Teil der Größe und der Wohlthaten Gottes" auszusagen. Der geringste Teil ist unendlich klein denkbar, ein Haar auf unserem Haupte, ein Brotkrümelchen auf unserem Tische u. dgl., und dafür die menschliche Kraft als unzulänglich an Dankbarkeit zu bezeichnen, ist kleinliche Uebertreibung.