Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- Seite 774 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 774. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. übersehen. Nicht gegen die Uebermacht wollen wir kämpfen, nicht sie werden wir durch Kampf besiegen. Unser Kampf gelte dem Geiste, der uns im Wege ist, der uns am Fortschreiten hindert; aus diesem Kampfe werden wir, wenn auch mit etwas verrenkter Hüfre, siegreich hervorgehen, und in ihm die stolze Bedürfnislosigkeit gewinnen, die den Mächtigen besiegt, indem sie ihn versöhnt. * * „Örtm“ imti „Eiigli". (Zn Sabbat Wajischlach.) Jakob schickte Engel vor sich her Zu dem Bruder, der ihm grimmig grollte; Aus der Fremde war gekommen er. Und den Bruder er versöhnen wollte. Zu den Eltern drängt es ihn geschwind, Zu den alten, die er so verehret, Wieder möcht er fühlen sich als Kind, Da er als ein Mann zurücke kehret. Hin zum Vaterhause möcht er ziehn, Lange, lange war er fortgeblieben. Wie das Herz ihm pocht! die Wangen glühn, Wie es hin ihn ziehet zu den Lieben! Aber nein, so schwer es ihm auch fällt, Er bekämpfet seines Herzens Sehnen: Eh' er einzieht in des Vaters Zelt, Will er mit dem Bruder sich versöhnen. Könnt' er sich den alten Eltern weihn, Wenn sein Bruder Esau Rache brütet? Konnten sich die Eltern sein erfreun, Wenn die Bruderzwietracht weiter wütet? Nein, sein Vaterhaus sei ein Altar, Und der Haß soll nur für immer weichen. Und er will — wie groß auch die Gefahr Liebend erst die Hand dem Bruder reichen. Und zum Bruder schickt er Boten hin- „Boten? ,Engel' haben wir gelesen!" — Ja gewiß: wo Friedensboten ziehn, Sind es immer Engel noch gewesen! Offenbach a. M. Dr. I. G o l d s ch m i d t. Um Tage. Es ist ja zweifellos, daß unsere antisemitischen Reichstags- Fraktionen die mannigfache Gelegenheit nicht vorüberziehen lassen werden, um bei den Verhandlungen über die Strafprozeß-Novelle und verwandte Materien vom sichern Port aus „zu dem Volke zu sprechen". Zwar soll der zukünftige „Volksvertreter" für Gießen die Stimmen der Nationalliberalen durch die ausgesprochene deutsch-ehrliche Absicht sich erworben haben, im Reichstage durch Abwesenheit zu glänzen, allein es sind Männer genug da, welche die „geheiligten" Interessen der Führer schon im Auge behalten werden. Auch soll ja Ahlwardt versprochen haben, um Weihnachten zurückzukehren und vorübergehend den niedergebrannten Docht der Agitationsflamme seiner Wafsengenossen wieder zu beleben. Die Gelehrten sind sich aber darüber noch nicht einig. wie viel ihm dafür geboten wurde, ob das amerikanische Geschäft ihm schon genug eingebracht oder ob seine treuen Wähler in Friedeberg-Arnswalde ihre milde Hand aufgethan haben; denn daß der Mann nichts thut, ohne die klingenden Häupter seiner Lieben vorher zu zählen, ist ja selbstverständlich. Vielleicht überläßt er „veränderungshalber" sein Mandat dem festgesetzten Deutschen Sedlatzek um einen billigen Preis, und wäre es auch nur gegen Uebernahme der Abzahlung der Gerichtskosten — monatlich drei Mark —, welche Ahlwardt in seinem berühmten Ehrabschneider-Prozeß erwuchsen, und die er im erwähnten Tempo in ca. 380 Jahren abtragen müßte. Nm von den Ereignissen nicht überrascht zu werden, dürfte es ratsam sein, den Befähigungsnachweis Sedlatzeks zu prüfen und damit einen Rückblick auf die jüngsten Vorkommnisse zu verbinden. Ein beneidenswerter Mann ist dieser Sedlatzek wegen der dreimonatlichen Gefängnisstrafe, welche ihm bewilligt wurde. Drei Monate! Soviel ist das Martyrium unter Brüdern wert, wenn wir dabei inbetracht ziehen, daß durch Gerichtsbeschluß ein Unterschied zwischen dem Juden- und dem Christengott klassisch festgestellt wurde. Es ist überflüssig, durch gelehrte Ausführungen diese Unterscheidung zurückzuweisen, wie dies früher und auch bei dieser Gelegenheit geschehen ist. Sie nützen nichts, selbst wenn die Beweise mit einer in himmlisches Azurblau getauchte Feder geschrieben würden. Sie werden nur von den Gelehrten unter den Gegnern gelesen, die das alles ohnehin schon wußten, und sie werden schon dafür Sorge tragen, daß die leichtgläubige Menge, die sich zu ihrem Piedestal hergiebt, nur das erfahre, was ihr im Interesse jener dunklen Ehrenmänner zu wissen notthut. Der gerichtlich approbierte Judengott ist einmal vorhanden, und es ist ja sonnenklar, daß ein solcher andere Anforderungen an seine Gläubigen stellt, als der von ihm sehr verschiedene Christengott. Ob Ritualmord zu seinen Lieblingsgerichten gehören, „darüber hat ja die Wissenschaft noch kein endgiltiges Urteil abgegeben", wie uns auch vor einiger Zeit mitgeteilt wurde. Somit ist für drei Monate Gefängnis ein Agitationsmaterial geschaffen, das ein geschickter Agitator, selbst mit geringerer Skrupellosigkeit als Ahlwardt, weidlich ausnützen kann — auf unsere Kosten und — leider — durch unsere Beihilfe. Vergebens werden wir daraus Hinweisen, daß wir keine Riten haben, welche zu gegenseitiger Abschlachtung durchs Duell oder zu Mord ü la Salisch und Brüsewitz, — welche nach ihrer Behauptung dem Moloch ihres Ehrenkoder, des mittelalterlichen gesellschaftlichen Ritus ihr Opfer dargebracht haben — führen. Ein Duell ist „ritterlich", und einen wehrlosen Menschen niederzustechen, dazu gehört „Standesbewußtsein", aber da wir nicht in der Lage sind, mitteilen zu können, welche besondere Liebhabereien der gerichtlich eingetragene „Judengott" habe, so wird das Ritualmord-Märchen an unseren Schößen hängen bleiben, wie man überhaupt einen Verdacht nicht entfernen kann, den Verleumder verbreiten, ohne ihn beweisen zu müssen, was sonst bei den geringfügigsten Kleinigkeiten vom Gericht verlangt wird, denn es ist ja naturgemäß, daß dem Verleumder aufgegeben werden muß, seine Behauptungen zu belegen.