Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- Seite 767 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610526--1861-9610537- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 767. K»b« b°lh,a fcl. 145 b) «*h b« ,«1, ' »M Mb nb ,1,1, föl ltn von Wilhelm ^enf».; über die Ohren. „U er/ ftottctc er, „und njeij bi{ Frage an Euch richten, eißt" - er geriet in äfe wieder einmal des Schutz« Waldhofer und Ihr tonnt fszimmermeister fragen-' »Ich heiße Sybille Rein- Imischeu Lippen, „und mm Thor und sieht alle Leck : md seine Tochter macht« laldhofer, es hat Eil',' fit j die Hand und ging schnelltn jf h ihr, auf dem Fleck steha f trschwand. Dann wandert! | ing, davon. Die Strafi« j toor; überall drängten fit |;nd und Gesänge plärrend x len Toten oder Sterbend« » nengebrochen. L ie Pest zu Kölln, aber im , durchflog sie die Stadt z durch die Ritzen, kam i> :dboden herauf. Sie paü mit unfehlbarer Hand, w und schritt gleichM -- t,sm - hohnlachend M t aus, aber er suchte L inen Blick auf die LM § * «**«-"! ,„b ich h°» in die sommerlE »-V Ich«» b»a*? * m 1 chklage dein ihtt Sie Häuschen nachsahen, Verderben um sich breitend, am Abend zuvor gemacht. Eilende Weiber stürzten, nach Aerzten schreiend, aus den Häusern und kreischten aus den Gassen umher; das ließ sich nicht von ihrer Redseligkeit halten, sie kannte die Richtung, der sie zustrebte und ging rasch weiter. Bald kam sie an den Brunnen, auf dessen Platte Hellem in der Nacht bewußtlos niedergesturzt. Es war eine Blutlache davor, und noch immer umstanden Lerrte mit erregten Gesichtern, furchtsam und neugierig zugleich, den Fleck, und tauschten flüsternd geheimnisvolle Mutmaßungen aus. Sie wendeten erwartungsvoll die Augen, als Sybille an ihnen vorüberschritt und in das geöffnete Ghettothor eintrat. Dann wisperten sie eifrig, mit den Fingern ihr nachdeutend, weiter. Drinnen in der Judengasse lag alles still wie im Grabe. Es war ein ausfälliger Gegensatz zu dem von allen Enden wiederhallenden Getöse, das die Stadt erfüllte. Kein Schrei, kein Gelärm, kaum ein lauter Ton unterbrach den ruhigen Umlauf des Tages. Alles war wie sonst, die Thüren geöffnet, die Trödelwaren vor ihnen feilgeboten, abgeputzt und von jedem Stäubchen gesäubert wie jederzeit. So eilig Sybille vorwärts zu kommen strebte, hielt sie doch inne und übersah mit verwundertem Blick die Sorglosigkeit, die sie hier umgab. Kein Mensch ließ sich auf den Treppen oder am Fenster erblicken; es war, als ob noch nie das Gelüst ein menschliches Wesen übermannt, sich unbewachte, fremde Habe anzuetgnen, und noch weniger, als ob die Besitzer derselben von jäherer Todesgefahr, als mit der sie der Einsturz ihres Hauses treffen konnte, bedroht werden. Sybille hatte so weit ihre Erinnerung zurückreichte, nie das Ghetto betreten. Der erste Eindruck überraschte sie, dann fiel ihr ein, daß sie das Haus nicht kannte, das sie aufzufinden bemüht war, und sie schaute nach einem lebenden Wesen, Erkundigung einzuholen, umher. Doch vergeblich. Die Judengasse schien ausgestorben, nur von fern kam ein wechselnd anschwellender und verhallender Klang herüber. Ein leichter Schauer überlief das mutige Mädchen. Sie hatte unterwegs über das plötzliche Ereignis, das sie so wundersam von ihrem friedlichen Morgengange abgeleitet, nachgedacht. Von hier war die Pest ausgegangen oder mindesten lauerte sie toddrohend in diesen düsteren Winkeln, da sie den Jüngling, der wenig Stunden zuvor blühend und in Gesundheitsfülle, hineingeschritten, gepackt, blutbedeckt und sterbend, wie sein Bild schrecklich vor ihr stand, hilflos zu Boden geworfen. Umsonst hatte sie über den unerklärlichen Vorgang nachgegrübelt, daß jener am Morgen, zu einer Stunde, wo das Thor des Ghetto noch nicht geöffnet sein durste, in der Christenstadt gesunden und ohne einen Begleiter seines Volks auf den Marktplatz geschleppt worden. Ihr kamen urplötzlich aie alten Kindernrärchen ins Gedächtnis, mit denen die Amme "ie einst erschreckt. Von den blonden Christeukindern, welche chwarzlockige Judenmädchen mit vergoldeten Aepfeln und Küssen in die Thür lockten. Freudig folgten die Kleinen, rüstre Treppen hinan, und immer ging die Verführerin, mit >en goldenen Früchten winkend, vor ihnen, bis den Kindern n der fremden Umgebung der Mut entfiel und sie umkehren sollten — da packte die Judendirne sie mit weißen Armen .nd trug sie in ein großes Gemach mit einem schwarzen Tisch Augen' in der Mitte. Aus den legte sie die Zappelnden, die schrieen und um Erbarmen flehten, und mit höhnischem Lachen holte sie ein goldenes Messer aus dem Busen und stieß es den Kindern ins Herz. Dann fing sie das Blut in einer Opferschale auf und trank es mit gierigen Zügen, um Zauberkraft zu erlangen und schöner zu werden, als die Christenweiber. — Es überlief Sybille, obwohl sie dazu lächelte. Durch ihr Gedächtnis summten wider ihren Willen die alten Ammenmärchen und riefen immer neue Bilder herauf. „Sie soll schöner als alle Christinnen sein, die schöne Tamar," murmelte sie unwillkürlich. Die hohen, regungslosen Gebäude standen so düster und schweigsam um sie her und nickten geheimnisvoll mit geschwärzten Firsten herunter, von denen kein Laut ertönte. Nur das ferne, feierlich-unheimliche Geräusch, das wie das Brausen des Rheines in Sommermondnacht herüberwogte, — sie dachte, wenn Arme aus der Thür hervorgriffen und sie hineinzögen, oder wenn die Pest es wäre und sie sänke hilflos zu Boden — ihr Vater harrte vergebens, S unde um Stunde — und ihr lebendig-bewegungsloser Körper würde hinausgetragen, in den Saal, ans den schwarzen Tisch, und die schöne Tamar griff in den weißen Busen und holte ein goldenes Messer, um den Gruß herauszuschneiden, den ihr Hellem zugesandt, der nicht ihr Bruder war.- Doch bei dem Namen stiegen wieder die bleichen entstellten Züge des Kranken vor ihr aus und ein anderes Gesicht mit großen, vernünftigen Kinderaugen und der ruhigen Kraft in der männlichen Gestalt darunter, tauchte neben ihnen empor, das sie zuversichtlich und freundlich ansah, als ob es sagte: „Ich wäre da, wenn dir Gefahr drohte," und das Mädchen lachte über seine eigene Angst, blickte sich besinnend umher und ging in der Richtung, aus welcher das Geräusch erklang, weiter. Dasselbe verstärkte sich, und als sie näher kam, unterschied sie einen vielstimmigen Gesang, der zugleich mit roten Lichtwellen aus den geöffneten Fenstern eines hohen, rundlichen Gebäudes hervorquoll. Sie verstand die Worte des Liedes, das gesungen wurde, nicht, aber die Weise war klagend und demütig und dann wieder hoffnungsvoll anschwellend und ausjauchzend wie Lobgesang. Die Töne verstummten, als sie die weitgeöffnete Thür der Synagoge erreichte, und eine hohe Gestalt mit weißem, ehrwürdigem Bart, der auf den langen, schwarzen Talar niederfiel, begann in fremder Sprache zu reden, in der die Anwesenden von Zeit zu Zeit einstimmten. Der weite Raum war mit Kerzen erhellt; eine dichtgescharte Menge stand sittig und ehrbar darin, alle in festlichen Kleidern und achtsam die Winke des Vorbetenden befolgend. Sybille blickte einen Moment staunend und neugierig hinein. Die Scham über die Furcht, welche die kindischen Erdichtungen böswilliger und abergläubischer Gemüter in ihr wachgcrusen, stieg ihr zu Haupt; sie vermochte nicht dem Judenknaben, der als Hüter am Eingang des Bettempels saß, gerade ins Gesicht zu blicken, und fragte ihn mit ab» gewandtem Kopf nach der Wohnung des alten Kaleb. Der Knabe sprang auf und deutete mit der Hand auf das schräg gegenüber liegende Haus. Sybille dankte und ging, doch er lies ihr nach und hielt sie am Kleid zurück.