Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- Seite 766 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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G.ffte 766. «llgemetue Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. und Sterne und dergleichen spielen in der Agada eine Rolle, indem sie zu Sinnbildern und Vergleichen zum Zwecke der Veranschaulichung einer Wahrheit verwendet werden. Obwohl nun die Agada im Dienste der Bibelexegese steht, so kann man doch hinsichtlich ihrer Entstehung zwei Arten unterscheiden, die eine, die durch das Bibelwort hervorgerusen worden, und die andere, die an das Bibelwort nur angelehnt ist. Bei jener ist das Bibelwort das erste und der daran geknüpfte Gedanke, gleichviel in welcher Form er auftritt, das zweite; bei dieser dagegen ist der Gedanke das erste und das Bibelwort das zweite. Die Autoren hatten bei der letzteren den Gedanken von vornherein und suchten nur nach einem Bibelvers, mit dem sie ihn begründen konnten. Der Modalität oder Stilart nach erscheint die Agada in den verschiedensten Formen. Hier tritt sie als Sittenspruch, als Maxime und Lebensregel, dort als Erzählung, Fabel, Gleichnis, Apolog, Allegorie, Mythe und Sage auf. Die beiden Talmude und die Midraschim enthalten auch zahlreiche Gleichnisse, deren Stoff bald dem Menschenleben, bald der Natur entlehnt ist. In der sagenbildenden Agada offenbart sich der dichterische Geist des jüdischen Volkes. Alle Merkmale der Poesie: sinnige Erfassung des Gegenstandes, Wärme der Empfindung, lebendige und anschauliche Darstellung vereinigen sich in ihr. Der Form nach erscheint die Agada hier mehr beschreibend, dort mehr schildernd, hier mehr in einfachem, schlichtem, dort mehr in symbolischem und hyperbolischem Gewände. Hier ist ihre Art mehr ernst, dort mehr scherzend, hier mehr eng umrahmt und zurückhaltend, dort mehr frei und kühn. Hinsichtlich des Zweckes wirkt die Agada, wie schon oben bemerkt, aus den ganzen Menschen, sie wendet sich ebenso an sein Denken, wie an sein Fühlen, Wollen und Handeln. Sie belehrt, indem sie richtige Begriffe und Einsichten von himmlischen und irdischen Dingen zu verschaffen sucht, erweckt Gefühle und Stimmungen, wie Freude, Schmerz, Trauer, Furcht, Hoffnung, Vertrauen, Zuversicht, Liebe, Haß, feuert den Willen an, indem sie ermuntert, belebt, stärkt, begeistert. Der Stumpfsinnige und Träge wird aufgerüttelt, in dem Entmutigten wird neue Lebenskraft entzündet, der Traurige wird mit dem Strahl der Hoffnung getroffen, der Ueberschäumende zur Mäßigung seiner wilden Triebe ermahnt. Auf diese Weise war die Agada eine unerschöpfliche Lehr- und Trostquelle für das jüdische Volk, deren es in den Zeiten politischer Bedrängsnis, bet Unglücksfällen und Landeskalamitäten auch bedurfte. Selbst die großen Gesetzlehrer waren Freunde agadischer Belehrung und freuten sich, wenn ihnen ein treffendes, geistreiches, witziges und erhebendes Wort zugerusen wurde. Dem Orte und der Veranlassung nach tritt uns die Agada in den Versammlungs- und Lehrhäusern an Sabbaten und Festtagen, und im häuslichen Kreise, bei Beschneidungs- und Hochzeitsfesten, bei Gastmählern und Trinkgelagen, bei Trauerversammlungen, entgegen; wir vernehmen sie aber auch inmitten schwieriger Gesetzesdebatten, bei Begrüßungen und Verabschiedungen von Lehrern und Schülern, Freunden und Verwandten, in Zeiten der Ruhe und des Friedens, wie in Zeiten gefahrvoller Edikte der römischen Regierung. An einer Stelle im babylonischen Talmud (Baba bathra fbl. 145 b) wird der Agadist mit einem Reichen verglichen, der viele Felder und viel Vieh hat, während dagegen der Halachist mit einem Reichen verglichen wird, der viel Geld und viele Häuser hat. (Schluß folgt.) Dar große Sterben. Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jenseu. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. Das große Kind errötete bis über die Ohren. „Ich möchte nicht aufdringlich sein, Jungfer," stottete er, „und weiß nicht, ob ich es wäre, wenn ich auch die Frage an Euch richtete, die der Alte uns nachrief, das heißt" — er geriet in Verwirrung und stockte, — „wenn Ihr wieder einmal des Schutzes bedürfen solltet, so heiße ich Franz Waldhoser und Ihr könnt am Rhein jedes Kind nach dem Schiffszimmermeister fragen —" Das Mädchen knixte zierlich. „Ich heiße Sybille Reinbacher," antwortete sie mit ernst-schelmischen Lippen, „und mein Vater ist Wächter am Frankfurter Thor und sieht alle Leute, die hinaus und herein passieren, und seine Tochter macht es wie er. Doch nun b'hüt Gott, Waldhofer, es hat Eil'," sie schüttelte ihm noch einmal freundlich die Hand und ging schnellen Schrittes die Gasse hinab und er sah ihr, auf dem Fleck stehen bleibend, nach, bis sie um die Ecke verschwand. Dann wanderte auch er, in entgegengesetzter Richtung, davon. Die Straßen waren nicht mehr so leblos wie zuvor; überall drängten sich die Geißeler, Büßpredigten abhaltend und Gesänge plärrend, umher, ab und zu sah man sie einen Toten oder Sterbenden umstehn, der auf der Gasse zusammengebrochen. Seit wenig Stunden war die Pest zu Kölln, aber wie ein Feuer, das über Reisig läuft, durchflog sie die Stadt. Sie kroch über die Dächer, drang durch die Ritzen, kam in der Luft, im Wasser, aus dem Erdboden heraus. Sie packte die Opfer, die sie sich ausersehen, mit unfehlbarer Hand, wohin sie vor ihr zu fliehen suchten, und schritt gleichgiltig an denen vorüber, welche sie nicht erlesen, — hohnlachend stieß sie den Arm zurück, der nach ihr gehascht. Franz Waldhoser wich ihr nicht aus, aber er suchte sie auch nicht mehr, und ging, ohne einen Blick auf die Opfer, welche sie gefaßt, zu werfen, durch die Gassen, bis er an den Rhein hinunter kam. Die Sonne stand jetzt hoch und glänzte wieder aus dem Fluß, der in langen spiegelnden Wellen ruhig seine Wasser zur See hinabwälzte. Der junge Bürger blieb einige Minuten stehn und blickte träumerisch über den breiten Strom, in die sommerliche Ferne des gegenüberliegenden Users hinaus, dann trat er in das Häuschen, vor dem er stand, und kam in vertauschter Kleidung wieder hervor, mit einer mächtigen Axt bewaffnet, die er aus die am Gestade aufgetürmten Balken schwang, daß, wer nicht das vergnügte Lächeln sah, das seinen roten Mund umspielte, glauben konnte, er zimmere einen Rtesensarg für die hilltge Stadt Kölln. * * * Viertes Kapitel. Auch in den Straßen, durch die Sybille schnell dahinschritt, ertönte Jammer und Wehklage. Sie verfolgte jetzt denselben Weg, den der Jüngling, dem ihre Augen vom Thor- 1