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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · p. Seite 764

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 764 (sequence 8)
Language
German
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Seite 764. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. medaner, befunden haben. lieber diesen letzten Fall hat das genannte Blatt, wie es versichert, sogar eine besondere Zuschrift erhalte«, die wie folgt lautet: „Diesertage erhielt der Lektor der arabischen Sprache des „Seminars für orientalische Sprachen", Mahomed Nassar, von der Einschätzungs- Kommission der jüdischen Gemeinde Berlins eine Zuschrift, in welcher er aufgefordert wird, da sein Einkommen jährlich 3600 Mark beträgt, besagter Gemeinde 18 Mark Kirchensteuer zu entrichten. Erstaunt las der Araber wiederholt das Schreiben durch, da er glaubte, es liege ein Irrtum vor. Ja, da aber stand klipp und klar sein Name und seine Adresse nebst Titel :c. Herr Nassar schrieb deshalb auf die Rückseite des Papieres: „Inhalt betrifft mich nicht, da ich nicht Jude, sondern Muhamedaner bin, und meines Wissens Muhamed und Moses in keiner verwandtschaftlichen Beziehung stehen." Das citierte Antisemitenblatt bemerkt hierzu u. a.: „Da sich derartige Fälle alle Jahre wiederholen, so kann ihnen eben nur eine arge Fahrlässigkeit seitens der erwähnten Behörde, oder aber eine sehr schlaue Spekulation zugrunde liegen." — Selbst der „Staatsbürger Zeitung" wird es nicht unbekannt sein, daß die Drähte zwischen unsrem Redaktionsbureau und dem jüdischen Gemeindebüreau in Berlin nicht sonderlich funktionieren, sie wird darum eine Erklärung und Aufklärung unsrerseits mit doppeltem Ernst aufnehmen müssen. Diese Erklärung ist leicht gegeben. In einer Stadt und einer Gemeinde von der Größe der unsrigen, wo niemand die zugezogenen Bürger kennt, und in einer Zeit wie der gegenwärtigen, wo hinter einem spezifisch jüdisch klingenden Namen oft ein Nicht- (mehr-) jude steckt, sind solche Fehlgriffe unvermeidlich. Unverständlich wäre ja die Veranlagung eines Arabers namens Mohamed Nassar, — wenn die Thatsache wahr wäre — noch unverständlicher aber ist die geheimnisvolle Andeutung des Blattes, daß hier „eine sehr schlaue Spekulation" zugrunde liegen könne. Denn soviel Verstand sollte der Schreiber selbst den Lesern seines Blattes zutrauen, daß sie den hier ausgesprochenen Verdacht nicht goutieren würden, weil er in seinen Konsequenzen fast noch mehr albern als arglistig ist. Und so hat denn nicht die Einschätzungskomission der jüdischen Gemeinde, sondern die Redaktion der Staatsbürger Zeitung — fehlgegriffen. — Wie „Ritualmorde" gemacht werden. Aus Zerkow (Posen) wird uns geschrieben: Es war just an einem schönen Maientage dieses Jahres, als ein etwa zwölfjähriger Knabe, Sohn eines Schäfers aus dem uns nahe gelegenen Dorfe P.(aulsheim) in den Laden des hiesigen israelitischen Kaufmannes G.(raubart) trat, um ein Paar Taffen abzuholen, die eine Bauersfrau an einem der voraufgegangenen Markttage daselbst zurückgelassen haben wollte. Der Geschäftsinhaber war gerade allein im Laden anwesend und wußte nicht, ob etwa eines seiner Familienmitglieder die verlangten Gefäße in Verwahrung genommen hatte; er begab sich deshalb zu seinerauf dem Hose befindlichen Ehefrau, um diese zu befragen, verschloß aber vor seinem Weggänge aus vielleicht übertriebener Vorsicht die Ladenthür. Letzteres scheint aber dem allein zurückgebliebenen Büblein, dessen Phantasie durch das Lesen oder Anhören von Schauergeschichten gerade erhitzt gewesen sein mochte, höchst gefährlich vorgckommen zu sein, denn er fing ganz entsetzlich zu weinen -: an, was zur Folge hatte, daß einige auf der Straße befindliche Frauen sich vor dem betreffenden Geschäftslokale ansammelten. Natürlich wurde von diesen der Vorfall unter den schaurigsten Ausschmückungen schnell weiter kolportiert und von dem Plebs als willkommene Veranlassung angesehen, sich in die ungeheuerlichsten Beschuldigungen gegen G., ja gegen die gesamte Judenheit, zu ergehen. Es gab sogar hierorts Leute, welche steif und fest behaupteten, gesehen zu haben, wie G. den von ihm vorher geknebelten Knaben in ein Zimmer gezerrt, dort auf ein Bett geworfen und schon seine Hand ausgestreckt hätte, um den „ritualen" Schächtschnitt auszuführen. lieber die Ursache seines Angstausbruches befragt, konnte der Junge anfänglich gar keinen Grund angeben; bald aber schien er sich in der Rolle eines Märtyrers zu gefallen und war deshalb nahe daran, in dem Lager unserer hiesigen Antisemiten „heilig" gesprochen zu werden. Selbstredend mußte es sich nun Kaufmann G. gefallen lassen, daß über sein Geschäft seitens eines großen Teiles unserer christlichen Bevölkerung ein vollständiger Boykott verhängt und er selbst mit einer Anklage wegen — Freiheitsberaubung bedacht wurde. Nachdem nun eine Unmenge von Zeugen in dieser Angelegenheit vernommen worden sind, erhielt G. dieser Tage von der Kgl. Staatsanwaltschaft zu Gnesen den Bescheid, daß das Verfahren gegen ihn eingestellt sei. Wie man hört, will nunmehr G. gegen die Verbreiter des ihn^nach- < teiligen Gerüchtes mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln vorgehen. A. j — Einen nicht üblen Scherz teilt der fromme „Reichsbote" aus Johannesburg in Transvaalmit. DieJuden inJohannesburg, 3 so erzählt das Blatt, wollten für ihre Schulen eine ebenso großeSubj vention haben, wie sie christlichen Erziehungsanstalten bewilligt worden war. Bei einer öffentlichen Gelegenheit trug eine Abordnung dem Präsidenten eine feierliche Petition vor. Mitten in ihrer j Rede wurde sie von dem „Ohm Paul" unterbrochen, der mit seiner rauhen Stimme rief: „Nein, das bleibt so und das ist \ gerecht, daß ihr nur die Hälfte der Subvention bekommt. Ihr lest auch nur — die halbe Bibel!" Allgemeines Gelächter erschallte, und Christ und Jude jubelten gleich herzlich dem Alten zu, so versichert der fromme „Reichsbote". j — Dr. I. Hamburger. Rabbiner Dr. Hamburger, LandesrabbinervonMecklenburg-Strelitz,feiertegesternseinen70.Geburts- : tag, und die Gemeinden seines Landesrabbinats nahmen Veranlassung, an diesem Tage den hochverdienten Jubilar zu ehren. An dieser Feier haben sich sicherlich auch weite Kreise der modernen Judenheit imGeiste beteiligt, denn nicht viele der jetzt lebenden Rabbiner Deutschlands haben soviel für die Kenntnis des Judentums gewirkt wie Dr. H. Seine „Eneyelopädie für Bibel und Talmud", für den Gelehrten, der die Quellen kennt, vielleicht entbehrlich, ist dem gebildeten Laten und jüngeren Fachmann, der sich in die Schätze unserer Lehre vertiefen will, ein unentbehrlicher Begleiter auf dem Pfade der Forschung, ein unübertrefflicher Ratgeber in säst allen Fragen religiösen Wissens. Dabei ist der Jubilar trotz seiner Verdienste die personifizierte Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit. Das Ideal, welches der Talmud von dem Religionsweisen zeichnet: frei von dem Verlangen nach den Genüssen des Lebens, nur dem Wissen und der Forschung dienend, hat Dr. Hamburger auch zu seinem wm m

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