Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- Seite 762 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 762. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. dürsnisse, sein Wissen, seine Philosophie und seinen ästhetischen Geschmack zu Hause lasse und im Gotteshause von allem, was sonst im Leben Wert und Bedeutung hat, gleichsam leer erscheine und besonders gilt das vom jüdischen Gotteshause, von der Synagoge; denn das Judentum ist ein ez chaijim, ein „Baum des Lebens." Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet — und das Judentum verlangt keine „Kreuzigung des Geistes", um diese Gesichtspunkte nicht anzuerkennen — von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, ist die Bearbeitung des Gebetbuches für den modernen Juden die schwerste Ausgabe, die man sich stellen kann. Der moderne Bearbeiter des Gebetbuches der Synagogen muß vor allem andern religiös sein, sehr religiös, tief religiös, in seinem ganzen Wesen durchströmt von dem religiösen Fluidum des jüdischen Geistes, von der innigsten Pietät erfüllt für die Schriften, die Tradition nnd die Geschichte des Judentums. So sehr er frei ist von der Fessel des Buchstabenglaubens, so sehr er von der Entwicklungsfähigkeit des Judentums durchdrungen ist, um einen Unterschied zu machen zwischen Geist und Körper, zwischen „dem Heiligen und dem Weltlichen, zwischen Licht und Finsternis", zwischen Kern und Schale, zwischen Wesen und Einkleidung, Inhalt und Form: er wird auch vor dem Körper, der Jahrhunderte lang Kleid und Schale und Form des Geistes gewesen ist, eine warme religiöse Scheu empfinden müssen; er wird in demütiger Verehrung zu einem „Körper" ausblicken, der die Kraft besaß, Jahrhunderte hindurch Träger des Geistes zu sein und den Geist in voller Schwungkraft zu erhalten, und der auch heute noch seine Lebenskraft besitzt, da er nur aus der Synagoge verdrängt werden soll, aber in der religiösen Litteratur seinen vollen Wert für alle Zeiten behauptet. — Mit dieser feinfühligen Religiosität muß der Bearbeiter unseres Gebetbuches eine mehr als gewöhnliche Vertrautheit mit der jüdischen Wissenschaft und der jüdischen Litteratur besitzen, um den Geist der liturgischen Stücke bis in die feinsten Fasern erfassen zu können. Denn unsere liturgische Poesien, die aus der Agada hervorgegangen und eigentlich poetische Agada sind, stehen durch unzählige Anspielungen mit der ganzen, biblischen und talmudischen, Litteratur und ebenso mit der Geschichte des Judentums in unlösbarer Verbindung, so daß erst in der Erfassung dieser Beziehungen ihr Inhalt zu erschöpfen ist. Auch eine Gewandtheit im hebräischen Stil ist erforderlich, um bei etwaigen Ergänzungen und Einschaltungen für ausgeschaltete Teile nicht gegen die Gesetze und das Kolorit der Sprache zu verstoßen. Das sind die Forderungen, die das Judentum an den Bearbeiter unseres Gebetbuches stellt. Aber auch der moderne Geist stellt seine Forderungen an denselben, denn unsere Synagogen-Besucher sind — moderne Menschen. Der Bearbeiter unseres Gebetbuches muß demnach vom Geiste des 19. Jahrhunderts durchtränkt sein. Er muß das Leben unsrer Zeit in allen seinen Entfaltungen begreifen. Er muß von sich sagen können: „Nichts Menschliches ist mir fremd." Er muß Philosoph sein, die höchsten Probleme des Geistes müssen sein Interesse besitzen und die mannigfachen Lösungsversuche von Plato bis Schopenhauer und — Nietzsche dürfen ihm durchaus nicht fremd sein. Bewußt und unbewußt nimmt der moderne Mensch aus der gewöhnlichen Zeitungs- und Roman - Lektüre Elemente des modernen Raffinements in sich auf, und der Gedanken-Inhalt der Gebete darf nicht zu urgroßmütterlich-hausbacken, nicht zu unmodern sein. Der Geist hat eben auch seine Mode-Bedürfnisse, bis auf den Zuschnitt der Einkleidung, in der ihm der Gedanke entgegentritt. Der Bearbeiter unseres Gebetbuches muß ein Meister der Sprache, ja er muß ein Dichtersein; sind ja Hymnen und Lieder Bestandteile unseres Gottesdienstes, und ist ja Religion, die auf nichts Sinnliches geht und ihre Gegenstände nur der Phantasie darbietet, und besonders Gebet, als die Zwiesprache mit dem Unsichtbaren, so sehr auf die dichterische Phantasie angewiesen, daß man wohl sagen kann, ein absolut nüchterner Mensch könne vielleicht dogmatischen Glauben, aber keine Religion haben. Ja, Gott, der Unendliche, der über Zeit und Raum Erhabene, der in allen seinen Attributen alles endliche Maß Ueberschreitende, kann, wie alles Erhabene, nur vom poetischen Gemüte wahrhaft empfunden werden, indem die Phantasie sich abmüht, die Schranken der Endlichkeit zu überwinden und schließlich doch ihres Unvermögens sich bewußt wird. Dieser Schwung der Phantasie ins Reich der Unendlichkeit, wie er in allen erhabenen Stücken unseres heiligen Schrifttums, z. B. in Psalm 104, 136, 148 rc., oder in der Schöpfungsgeschichte, im Moseslied, im ganzen Jesajahrc., uns entgegentritt, ist ein Vermögen des Dichters. „Der Geist Gottes schwebt über den Fluten" des Endlichen, und nur wer die Fluten des Endlichen in ihrer Größe anschaut, wird das Unendliche, den Unendlichen in seiner ganzen Erhabenheit empfinden, ahnen. Diese Höhe dichterischen Schwunges in der Religion wird wohl nie Gemeingut werden, aber das Gebet, welches uns emporheben soll, muß auf dieser Höhe schweben. Wer uns das Gebetbuch bearbeitet, muß sich der dichterischen Seite seiner Ausgabe wohl bewußt sein, und er muß soviel Dichter sein, um diesem erhabenen Ideal sich wenigstens entgegen zu schwingen. Das Ideal muß ihm wenigstens vorschweben, wenn auch die Kraft versagt. Der Bearbeiter unseres Gebetbuches muß ferner ein großer Menschenkenner sein, er muß die Welt kennen, er darf sich über die Welt und die Menschen und das Leben keinen Illusionen hingeben, er muß nicht blos wissen, wie die Menschen sein sollen, er muß auch wissen, wie sie sind. Er muß wissen, welche Triebe, Bestrebungen und Leidenschaften in der Welt herrschen, muß wissen, was bei den Menschen echt und was „konventionelle Lüge" ist, er muß dem Beter ins Herz schauen, wenn er ihm ins Herz greifen will. Das Gebet wird unter weniger als vier Augen gesprochen: — unter zwei Augen, und da schwindet jeder Trug, da schweigt jede Konvention. Was aber das erste und wichtigste Erfordernis an den Bearbeiter unseres Gebetbuches bildet, das ist — guter Geschmack. Geschmacklosigkeit ist der Tod aller Andacht. Das Triviale, das Geistlose, das Langweilige, das Gleichgiltige, das Saft- und Kraftlose, leerer Wortschwall, Gemeinplätze, kindische Steckenpferde und dergl., alles dies kann nicht ein-