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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · p. Seite 761

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 761 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46. Allgemeine J-raelitische Wochenschrift. Seite 761. uns kaum mehr berührt, geschweige überrascht und enttäuscht. Wir sind auf der schiefen Ebene schon so tief hinabgeglitten, daß auch das Stadium des verletzten Ehrgefühls, des Zorns und der Entrüstung bereits hinter uns liegt." Und die Sieger von Wien haben ihren Erfolg vorgestern Abend, nachdem bekannt wurde, daß Lueger im zweiten Bezirk, der Leopoldstadt, die Majorität erlangt habe, angemessen gefeiert — durch Exzesse, die ein Einschreiten der Polizei erforderte. Ein Trupp halbwüchsiger Gesinnunggenossen im Alter von 15—18 Jahren zog, nachdem die Polizei die Taborstraße von vielen Schreiern gesäubert hatte, in die Kaiser-Josephstraße. Während des Marsches sammelten sich immer mehr Leute an, die zu den Fenstern Schimpsworte Hinaufriesen. Von der Kaiser^Josephstraße bog die Rotte, die inzwischen auf ca. 200 Personen angewachsen war, in die Zirkusgasse ein und schlug unter der Parole, dem liberalen Kandidaten I. C. Müller eine Katzenmusik zu machen, die Richtung gegen den Quai ein. Die Menge schwoll immer mehr an. Die des Weges kommenden Passanten suchten nach Möglichkeit einem Zusammenstöße mit den Schreiern auszuweichen. Zahlreiche Personen flüchteten eiligst unter die Hausthore. Bei Cafe Scharinger staute sich die Menge; unter den Rusen „Jetzt hau'n wir die Juden durch", wurde aus dieses Lokal losgestürmt. Die erschreckten Gäste schlossen schleunigst die Thüren und sperrten diese ab. Da die Menge Miene machte, die Fenster und Thüren zu demolieren, schritt die inzwischen herbeigeeilte Wache ein und zog blank. Die Menge eilte unter Johlen und Schreien weiter, wobei mehrere Handwagen, die gerade am Wege standen, mitgezogen wurden. Bei dem Gemischtwarenverschleißer Waidner blieb die Menge stehen und wandte sich gegen das Geschäftslokal, wobei die Firmatafel und die aus der Gasse ausgelegten Waren weggerissen wurden. Die Polizei schritt neuerdings mit blanker Waffe ein und verhaftete drei der ärgsten Skandalmacher. Die Wachleute hatten mittlerweile Verstärkung erhalten und brachten die Verhafteten zum Polizeikommissariat. Hierbei mußte die nachströmende Menge wiederholt mit blanker Waffe zerstreut werden, da dieselbe Anstrengungen machte, die Häftlinge zu befreien. In ähnlicher Weise begingen etwas ältere Burschen, nämlich die deutschnationalen Studentenverbindungen, die Feier des Tages. Sie hatten gestern Abend ihren „Bummel" auf eine Seite des Arkadenhofes beschränkt. Drei jüdische Studenten, Mitglieder der Studentenverbindung „Kadimah", gingen an den trunk- und kampflustigen Musensöhnen vorbei, wurden jedoch mit „Oho!" „Halt, Juden!", „Juden hinaus!" empfangen und durch Faustschläge und Bedrohung mit Stöcken am Weitergehen gehindert. Wiederholte Versuche, den Durchgang zu erzwingen, scheiterten, trotzdem den bedrängten Mitgliedern der „Kadimah" andere Couleurbrüder und Mitglieder anderer jüdisch - nationaler Verbindungen zu Hilfe kamen. Unter diesem Zeichen haben die arischen Studenten, unter diesem Zeichen die antisemitischen Parteien gesiegt. Wann wird die Wahrheit über die Lüge, das Recht über die Faust siegen?? Das „modklilstk" Gebetbuch.') 1. M. Frankfurt a. M., im November. Der zweite Teil des „Vogelsteinschen Gebetbuches", der für das Neujahrsfest und den Versöhnungstag, liegt nun vor, und wir können uns nun ein abschließendes Urteil über diese Arbeit bilden. Ein neues Gebetbuch ist für die Gemeinden, die nicht die unverkürzte traditionelle Liturgie beibehalten haben, ein großes, ein dringendes Bedürfnis. Die vorhandenen Bearbeitungen unseres Gebetbuches von Stein, Geiger rc. befriedigen nicht mehr, so sehr die Verfasser Koriphäen der jüdischen Wissenschaft, der Beredsamkeit und der religiösen Poesie gewesen sind. Ob man die Thatsache beklagt oder begrüßt, sie ist nun einmal vorhanden und man muß mit ihr rechnen — die Thatsache nämlich, daß der moderne Mensch das Bedürfnis hat, in seiner Sprache,zu beten. Davon gehen ja die modernen Bearbeitungen unseres Gebetbuches aus. Wenn aber der moderne Mensch in seiner Sprache beten will, so heißt das nicht blos, er will deutsch, französisch rc., d. i. in einer Sprache beten, die er versteht, sondern auch: er will in einer Sprache beten, an die er gewöhnt ist und die ihm zusagt, in einer Sprache, die mit seinem modernen Denken und Fühlen im Einklänge sich befindet und die nicht blos in der Diktion, sondern auch im Inhalte, in den Vorstellungen und im ganzen Gedankengange auf der Höhe der Zeit — nein, über der Höhe der Zeit steht, die den modernen, auf den Zeitgeist sich was einbildenden Menschen „sein Nichts durchbohrendes Gefühl" empfinden läßt, ihm zum Beivußtsein bringt, ihn ahnen läßt, daß die Höhe, auf der er zu stehen vermeint, gar nicht so hoch, daß er weit, sehr weit von den Zielen entfernt sei, nach denen die nie erkaltende Sehnsucht seines Herzens hindrängt; tief, sehr tief unter dem Ideal, welches die geläuterte Religion dem zur Höhe gerichteten Blicke zeigt. Das „Gebet" muß dem Beter etwas geben, es muß eine Gabe sein und eine Bereicherung des Seelenlebens — eine Bereicherung, die nicht erst als eine solche empfunden wird, wenn man alle seine Schätze von fick) geworfen, wenn man seine ganze Art und Weise des Denkens, Fühlens und Strebens ausgezogen und sich zum Bettler gemacht hat. Der Gottesdienst, das Gebet soll Höhenluft sein. Die Luft in der Höhe besteht aber aus denselben Elementen, wie die der Tiefe; nur ist sie reiner, nur ist sie leichter; der Mensch hat eine größere Aufnahmefähigkeit für die Höhenluft. So sei es mit dem Gottesdienst, so sei es mit dem Gebet. „Man soll nicht leer erscheinen vor seinem Gott" — das ist auch eine Mahnung an das Gotteshaus. Das Gotteshaus darf nicht verlangen, nicht voraussetzen, daß der Beter seine ganze Denkungsart, seine ganze Weltanschauung, seine gewöhnlichen Ansprüche an die Befriedigung seiner Seelen- *) Damit die Judentumsmacher in Westfalen sich nicht hinter der Phrase verschanzen, daß die Angriffe gegen ihr neues Heilsbuch von „orthodoxer" Seite ausgehen, haben wir dieses von einem ausgesprochen freisinnigen Mitarbeiter besprechen lassen, dem Kompetenz abzusprechen, sich wohl niemand anmaßen wird. Red

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