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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · p. Seite 760

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
Seite 760 (sequence 4)
Language
German
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Seite 760. itagcmeiuc JSr^littsche Wochenschrift. Nr. 46 Motive, den Patriotismus und das öffentliche Wohl gleichsam für einen guten Braten und eine Flasche Wein prostituieren zu müssen. Aber indem wir euch eure Beute ohne weiteres gönnen, nehmen wir für uns das Recht auf Wahrheit in Anspruch. Vor einiger Zeit hat Professor Lazarus unser Streben und unsere Kampfesweise die „korachidische" genannt. Dies zeigte von einer Belesenheit in den mosaischen Büchern, die heutzutage immer seltener wird — aber gewiß nicht von einem richtigen Blick in unsere Geschichte. All die wahrheitsliebenden Männer, welche unsere Geschichte kennt, haben es als die Aufgabe ihres Lebens betrachtet, gegen die überhandnehmenden Jrrtümer des Volkes ihre Stimme zu erheben. Das Volk im großen und ganzen war auch stets für die Wahrheit empfänglich und geneigt, der Stimme des wachgewordenen Gewissens Gehör zu geben, wenn nicht die offiziellen Vertreter des Judentums, die falschen Propheten und Priester, der demoralisierte Adel und der übel beratene König, sich nicht gegen diese „Nörgler" und Spaßverderber erklärt hätten. Ist dadurch der Prophet Jeremias weniger wert, weil er sein Lebenlang gegen die damaligen Patrioten und Zionisten hat kämpfen und deshalb alle erdenklichen Verfolgungen erleiden müssen? Möge doch Professor Lazarus aussagen, ob wir nicht besser daran wären, wenn wir so kleinlich undniedrig dächten, wie der große Troß der Profitmacher, wenn wir mit den Wölfen heulten und mit den Schafen blökten? Wir beanspruchen für unser Auftreten keinen Lorbeerkranz; denn schließlich thun wir das alles blos, um unserem Rechtsbewußtsein zu genügen, das sich über die unwürdigen Vorgänge in unserem öffentlichen Leben empört. Aber wir müssen gegen die Entstellung der geschichtlichen Wahrheit entschieden Front machen. Die Unzufriedenen waren es stets, welche das Judentum vor Versumpfung und Fäulnis bewahrt haben. Die Unzufriedenen waren stets die besseren Juden, da sie für ihre Ueberzeugung Opfer gebracht, während die satte Zufriedenheit ihren Profit einheimsen konnte. Wir verteidigen hier das Recht aus Wahrheit im Namen der Minorität. Wir gedenken dabei der Worte Lessings: „Ich weiß nicht — sagt dieser edle Vorkämpfer der Wahrheit — ob es Pflicht ist. Glück und Leben der Wahrheit auszuopfern, wenigstens sind Mut und Entschlossenheit, welche dazu gehören, keine Gaben, die wir uns selbst geben können. Aber, das weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft zu lehren, und die Gaben, welche dazu gehören, stehen in unserer Gewalt." Nach dieser moralischen Lehre eines in seinem Kampfe für die Wahrheit zum Märtyrer gewordenen edlen Menschen wollen wir auch weiter handeln. Daran soll uns weder die Verkennung der ehrlichen Menschen hindern, die sich von den Monopolisten des Patriotismus täuschen lassen, noch die entfesselte Wut der in ihrer Profithascherei gestörten Geschäftsidealisten. Dr. S. Bernfeld. Die Uliililrn in lliedttiistemich. Wien, 8. November. Wie der Wiener Gemeinderat, so steht auch der Niederösterreichische Landtag jetzt unter dem Zeichen des Antisemitismus. Der Umschlag der Stimmung in dem Kernlande der österreichischen Monarchie ist vollständig; die bisherige Mehrheit der Liberalen im Landtage Niederösterreichs ist gebrochen und eine % Majorität von Klerikalen und Christlich-Sozialen wird die wichtigen Geschäfte des autonomen Wirkungskreises der Zentralprovinz besorgen. Diese selbst ist damit eigentlich von den übrigen Kronländern isoliert; denn wenn der Antisemitismus auch in den andern deutschen Gebieten ein wichtiger politischer Faktor ist, so vermochte er doch nur in Niederösterreich unter dem Einflüsse Wiens zum vollen Siege zu gelangen. Die 21 Mandate der Landgemeinden sind ausnahmslos in die Hände dieser Richtung geraten; von den 13 Mandaten der kleineren Städte konnten die Liberalen nur drei behaupten: und von den 21 Sitzen, über welche die Hauptstadt zu verfügen hat, besitzen die Antisemiten jetzt 15, sogar die beiden Mandate in der Leopoldstadt, dem „Wiener Ghetto", sind in die Hände Luegers und eines seiner Gesinnungsgenossen gefallen. Im letzten Landtage verfügten die Liberalen über eine Mehrheit von etwa 15 Stimmen; jetzt werden sie auf 6 Mandate aus Wien und den Städten, 4 aus den Handelskammern und 13—16 Großgrundbesitzer beschränkt sein; drei Mandate gelangen in den Besitz der „Sozialpolitiker". Das ist ein tiefer Fall. Auf den ersten Blick scheint die Stimmung weggelöscht, in der Kaiser Joseph II. dereinst als Heros des österreichischen Volksgeistes galt, in der die Erhebung von 1848 und die liberale Reform von 1867 eine Stütze fand. Das alte Oesterreich der Gegenreformation lebt wieder aus und die Schatten der Vergangenheit huschen wieder über die Bühnen. Und es gilt nur eine Meinung unter den des Landes und des Volkes Kundigen: der jetzt in voller Manneskraft waltenden Generation wird eine Abschüttelung des klerikalen Einflusses schwerlich mehr vollständig gelingen. Die Mehrheit ihrer politischen Gegner in den weitaus meisten Bezirken ist überwältigend, größer als die, über die der Liberalismus in seinen besten Tagen verfügte. In liberalen Kreisen herrscht ob dieses Wahlresultates, wie man sich leicht denken kann, Entmutigung, ja Resignation. Die „Neue Freie Presse" schreibt: „Der amerikanische Lueger ist unterlegen, ist in seiner engeren Heimat geschlagen worden; der österreichische Original-Lueger hat die Majorität erlangt in einem Bezirke, der, seit es überhaupt Wahlen in Oesterreich giebt, nie anders als fortschrittlich gewählt hat. Das ist das Wahlresultat der letzten 48 Stunden, und an der Gegenüberstellung der beiden monumentalen Thatsachen ist wie von einer vergleichenden Skala die Stelle abzulesen, welche Oesterreich unter den Kulturstaaten der zivilisierten Welt einnimmt. Wir Oesterreicher haben uns an diesen inferioren Rang schon so gewöhnt, daß das beschämende Resultat des heutigen Wahltages in Wien und in den anderen Städten Ntederösterreichs

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