Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 750 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 750 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. ittr. 45 ihm mit weitgeöffneten Augen ins Gesicht. Das Leben kam, wie unter dem Ruf des Alten, und übersloß Hellems entstellte Züge; wie eine Flamme, von Magierhand aus der Nacht beschworen, glänzte es aus und verschwand wieder in Nacht und erlosch. Doch, als ob es ein Blitz gewesen, der die sonderbare Gestalt über ihm getroffen, so taumelte dieser vor dem hastigen Blick zurück. Das graue Haar richtete sich auf dem Scheitel des Anführers empor, er stierte auf die Bahre, als wollten seine Augen das mit Pestflccken verunstaltete Gesicht des jungen Mannes verschlingen, die Hände fielen wie gelähmt an seiner Seite herunter und die hohe Gestalt sank langsam in sich zusammen. Ihre Kniee brachen, ihre Arme fielen über den Leib des Kranken, auf dessen Mund ihre Lippen sich neigten, während ein Thränenstrom aus den knöchernen Augenhöhlen stürzte und das Antlitz Hellems mit warmer Flut übergoß. Voller erscholl aus der Kirche der Gesang der Kreuzträger, die Eintritt erlangt; Posaunenklänge mischten sich mit gellem Ruf darein und lauter schwollen die Töne und es hallte über die Menge: „Wir wenen trene mit den oghen Und hebben des so guden louen Mit unsen sinnen unde mit hertzen —“ Der Greis, der schluchzend an der Bahre lag, richtete den Kopf auf. Das Wilde, Verstörte war seltsam aus seinem Gesicht gewichen; „wohin bringt Ihr den Kranken?" fragte er, die Zunächststehenden mit unruhvoll-nachdenklichen Augen anblickend. „Wir hätten ihn längst ins Spital gebracht, wenn Ihr nicht mit Euerni verdammten Zug gekommen und uns unsere Träger weggelockt hättet," antwortete der Zimmermann ärgerlich. „Jetzt könnt Ihr selbst mit anfassen, wenns Ench Spaß macht und der junge Herr hier nicht durch Eure Schuld aus der Straße verrecken soll." Er platzte unwillig damit heraus, ohne sich darum zu kümmern, daß die Büßer um ihn her über die ihrem Führer und ihnen zugefügte Beleidigung eine drohende Miene annahmen. Die Kraft des sonderbaren Alten hatte er erprobt und ihn nachher ruhig gewähren lassen; doch die Ueberzahl fürchtete er nicht und stand im Begriff, ihr aus ihre Drohungen unbekümmert zu entgegnen. Aber er verstummte plötzlich, ivie der ihn umgebende Haufe, denn jener erhob sich unter dem Klang der an ihn gerichteten Worte des jungen Bürgers, erfaßte die Tragbahre und sagte: „Ich will nicht Schuld tragen an seinem Unglück, — Gott im Himmel, dieser Mann sagt, ich werde Schuld tragen an seinem Tod —" Der Ausdruck seiner Züge war wieder irr und geistesabwesend geworden, allein er sammelte sich rasch und fuhr fort: „Ich werde helfen den Mann ins Spital zu tragen; es ist Gott mehr wohlgefällig sich zu erbarmen über seine Mitmenschen, als sich aufzuerlcgen Martern, welche niemandem nützen." Er glitt mit der Hand über die hohe Stirn, als ob er etwas mit ihr fortwische, das ihm über die Augen zu fallen drohe; die Geißeler murrten zu seinen Worten, doch er setzte ruhig hinzu: „Geht und helft denen, die bedrängt sind, denu es wird not thun, und Eure Sünden Euch vergeben werden, wenn sie zu vergeben sind." Damit schritt er, die Bahre hebend, die der Zimmermann am Hinteren Ende gefaßt hatte, vorwärts; neben ihm ging Sybille und wies ihm die Richtung, die er einzuschlagen hatte. Doch schien dies kaum nötig, denn es war, als ob der Fremde sie instinktiv treffe, so richtig bog er in die Gassen, die aus dem nächsten Wege zum Spital hinsührten. Endlich erreichten sie dies, ein hohes, düsteres Gebäude, das in einer engen Gasse unfreundlich und unschön versteckt lag. Die fast lichtlosen Räume machten einen traurigen Eindruck; Wärter mit ängstlichen Gesichtern liefen ab und zu und flüsterten. „Da kommt der Fünfte," sagte einer von ihnen schaudernd, doch ein anderer unterbrach ihn lachend: „Zählst Du noch, Jörg Hasenfuß? Der Spaß wird Dir bald vergehn; nur hinein mit ihm, frisch, immer mehr, es wird lustig —" Er öffnete die Thür eines großen, dunklen Raumes, aus dem eine dumpfe, übelriechende Luft hervordrang. „Gebt diesem ein eigenes Zimmer," sagte Sybille vortretend, „er wird es bezahlen." Der Spitalwärter sah sie frech an. „Wird er?" fragte er hämisch; „nun, wirds nicht lange zu bezahlen haben, aber's kommt teuer und muß vorher berichtigt werden, eh' er uns absährt. Ist vielleicht Euer Schatz, Jungfer?" Das Mädchen wurde rot bei den letzten Worten; doch sie nestelte ruhig eine kleine Goldkette, die sie am Hals trug, los und reichte sie dar. „Nehmt vor der Hand dies als Pfand für die Bezahlung," sagte sie. „Ihr müßt noch einen Kuß darauf geben, Jungfer," antwortete der Wärter mit unverschämter Grimasse, indem er die Hand begierig nach der Kette ausstreckte, „vielleicht gefall' ich Euch, wenn der Liebste krepiert ist —" Doch er wurde von zwei Seiten unterbrochen; von dem Zimmermann, der ihm einen so gewichtigen Streich mit der Hand ins Gesicht gab, daß er in ein lautes Klagegeheul ausbrach, während der Alte die goldene Kette seiner Faust entriß, die er dem Mädchen zurückgab und jenem statt derselben ein paar hastig aus einer verborgenen Tasche geholte Goldstücke hineindrückte. Die Schweinsaugen des Gestraften funkelten heimtückisch in das Gesicht des jungen Bürgers, derweil er antwortlos ein Nebcngemach ausschloß und die Harrenden eintreten ließ. Es war eine enge, niedere Stube, in welche durch ein einziges, dicht mit Eisenstäben vergittertes Fenster falbes, unfreundliches Licht fiel. „Es ist die Tobzclle," sagte er widerwärtig grinsend, „die wird wohl für das Gelichter passen." Doch er hütete sich, es lauter zu sprechen, als daß höchstens Sybille es verstehen konnte; allein auch diese gab nicht Acht darauf. Bruder Dominicus stand neben dem Zimmermann; er hatte eine Frage auf den Lippen, die er schon öfter wieder zurückgeschluckt, endlich brachte er sie mit etwas abgewandten Gesicht hervor: „Kennt Ihr den jungen Mann, den das Unglück betroffen?" Ter Zimmermann zuckte die Achseln. „Ich nicht, die Jungfer kennt ihn," erwiderte er. „Ich dachte, auch Ihr,"