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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-06 · 45 (6.11.1896) · p. Seite 749

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 749 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45. UUgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 749 te aÜo üu4( \m. Ux^, wlaup. %t Wz Mrn M ^eup iahten unk \\xm \ TeW -chM tooxki lt. Lmp mMt al\o Ht' e, Dresden. Wille des Judentums i Kanons von hchristlichcn Jahrhundert noch recht Mare Vor^ tsteserzeugnis aus dieser eisten weder nach Inhalt, dasselbe seit beinahe zwei , aus dem Reichstage, in lksversammlungen ost ge Es läßt sich zwar nicht talmud sur den Forscher risches Jnteresie hat nungen sür das religiöse zivilisierten Staaten sür it er ein Schriftdenkmal, len von den Molkern des einander her, sondern sie durchkreuzen sich ost in der wundersamsten Weise. Die Halacha gleicht vielfach unfern heutigen Diskussionen und Debatten über Gesetzesbestimmungen, besonders denen, die in jüngster Zeit über gewisse Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches gepflogen wurden; die Agada dagegen, als der Erguß des religiös gestimmten Gemütes, hat zuweilen den Charakter einer Predigt oder einer Bibelstunde in der Kirche. Die Halacha wendet sich vorzugsweise an den Verstand, scharfsinnige Argumentation, logisches Folgern und Schließen sind ihre Haupteigenschasten; die Agada spricht zum ganzen Menschen, sie regt ebenso seinen Verstand wie sein Gefühl und seinen Willen an, sie belehrt, ermahnt, ermuntert, straft und tröstet. Während die Kenntnis der Halacha dem christlichen wissenschaftlichen Theologen die Konflikte, in die Jesus mit den Pharisäern und Schriftgelehrten gerät, wie die Heilungen und das Aehrenausrausen am Sabbat, das Händewaschen vor dem Essen, das Fasten, die Frage über das große Gebot, wie nicht minder die aus dem Apostelkonzil zu Jerusalem den Heidenchristen auferlegte Observanz, sich des Blutes und des Erstickten zu enthalten und noch so manches andere beleuchtet und verständlich macht, darf die Agada ein allgemeineres Interesse beanspruchen. Sie zeigt uns nicht nur, bis zu welcher Stufe des sittlichen Gedankens und der Gesinnung sich der jüdische Volksgeist emporgeschwungen, sondern liefert auch zu den Aussprüchen und Gleichnisreden Jesu vielfach Parallelen von ost merkwürdiger Uebereinstimmung, ohne daß Entlehnung stattgesunden hat. Schon Franz Delitzsch, der größte Kenner des talmudisch-midraschischen Schrifttums unter den christlichen Theologen, hat den Gedanken ausgesprochen, daß sich in der Agada ein ben Lehren Jesu wenigstens verivandter Geist offenbare, und die Buxtorfe, Lightfoot, Wetzstein, Schöttgen, Menschen und der Verfasser dieses Artikels haben dies in umfänglichen Werken durch Zitate nachgewiesen. Als Schöpfer und Urheber der Agada sind die Tannaiten und Amoräer zu betrachten. Unter Tannaiten hat man die Lehrer der Mischna, die mit Jehuda I. zu einem gewissen Abschluß gelangte, zu verstehen. Wenn auch die Tannaiten, insonderheit dem Studium der Halacha oblagen, so haben sie doch auch zahlreiche ethische Gedanken bald in kürzerer, bald in längerer Form ausgesprochen. Die Amoräer dagegen waren Männer, die in den Versammlungen und Lehrhäusern während des 3., 4. und 5. Jahrhunderts in Palästina und Babylon den Gesetzeslehrern zur Seite standen, um dem Volke den Sinn des vorgetragenen Schriftwortes durch Uebersetzung, entsprechende Erklärung und Erläuterung verständlich und anschaulich zu machen. Mit der Zeit spielten die Amoräer eine solche Rolle, daß sogar die Klage über sie laut wurde, sie schädigten durch ihre Vorträge, wie durch ihre Vortragsweise die Gesetzeslehrer in ihrer Autorität. Viele Tannaiten und Amoräer haben sozusagen einen Kantischen Imperativ der Sittlichkeit, d. h. ein Prinzip aufgestellt, aus dem das sittliche Thun und Handeln entspringen soll. Dem Objekte oder Gegenstände nach läßt sich die Agada in eine religiöse und weltliche gliedern. Die religiöse Agada verbreitet sich zunächst über Gott, sein Wesen und seine Eigenschaften, besonders über seine Liebe und seine Gerechtigkeit, und wie beide Eigenschaften im Wesen Gottes neben einander bestehen; sie erörtert aber ebenso auch sein Verhältnis zu den Engeln, zu den Geistern und zur Welt. Wir haben zahlreiche Aussprüche über die Schöpfung, die göttliche Weltregierung und Weltleitung, die Vorsehung, die Offenbarung, das Gesetz. Von bisweilen packender Wirkung sind solche Stellen, die von dem wahren Gott im Gegensätze zu den nichtigen Götzen handeln. Während die Existenz und Realität Gottes überzeugend in seinem Wirken und Walten im Himmel und auf Erden dargethan wird, erscheinen die Götzen als eitle Trug- und Wahngebilde der menschlichen Phantasie, denen nichts wesentliches anhaftet. Auch eschatologische Fragen, wie die in der kommenden Welt stattsindende Belohnung und Bestrafung als Ausgleich der Dissonanzen und Diskrepanzen im diesseitigen Leben, die Geheimnisse der letzten Dinge spielen in der religiösen Agada eine große Rolle. (Fortsetzung folgt.) Das große Zierden. Novelle aus dem deutschen Mittelalter von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) Nachdruck untersagt. Der Anführer der Kreuzträger fuhr aus seinem dumpfen Hinstarren empor. Er horchte mit flebernden Augen auf und warf mit gewaltsamem Ruck die neben ihm Stehenden zur Seite. Dann machte er einen Sprung in die Gegend, von woher die Angstrufe ertönten. „Wo ist die Pest?" schrie er wild die Menge durchbrechend und mit gierigem Blick umhersuchend, bis er die Bahre fand, über der die beiden einsamen Gestalten wachten. Er stürzte auf sie zu, ein Gemurmel, „haltet ihn — er ist verrückt," lief durch die Masse. Aber die Geißeler drängten ihm furchtlos nach. „Er kann Tote auserwecken — Gott hat ihm Kraft gegeben — er ist selbst aus dem Grabe auferstanden und nichts hat Gewalt über ihn," riefen sie begeistert. „Du entfliehst vor mir," stießen die gepreßten Lippen des Greises ächzend heraus, „aber ich verfolge dich und ich werde dich packen und du sollst mit mir ringen —" Und wie er es sprach, schleuderte er den kraftvollen Arm des jungen Zimmermanns, der den irrsinnigen Alten von dem Erkrankten abzuhalten suchte, wie den eines Kindes zurück; er packte die Bahre und warf sich über den Körper des Jünglings, und sich auf das regungslose Gesicht niederbengend, sog er begierig den tötlichen Hauch seiner Lippen. Es war einen Augenblick still geworden; selbst die Flagellantenschar, soweit sie noch nicht in der Kirche verschwunden, hielt, über die Kühnheit ihres Führers erschreckt, einige Schritte von ihni inne; dann brach sie plötzlich in ein betäubendes Gejauchz aus und heulte: „Er lebt, — Dominieus hat den Tod auferweckt — Gott hat ihm die Kraft gegeben — er besiegt die Pest und sie krümmet sich unter seiner Hand!" Die Furcht war von ihnen gewichen, alle wogten begeistert heran und hefteten die Augen auf das anscheinende Wunder. Der leblos daliegende ^Jüngling hatte unter den Worten des Greises die salben Lider emporgehoben und blickte

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