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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-06 · 45 (6.11.1896) · p. Seite 748

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 748 (sequence 8)
Language
German
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V " ' 1^';■ ■$ K IfH-I i m H y "T ■ 1:", ‘t -Mi - I;.:.y: 4.V ‘ . I Seite 748. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43 die jüngeren in der zweiten Hälfte unterrichtet. Jetzt ist die Zahl der jüdischen Schüler sogar bis auf 11 gesunken. Da die jüdische Lehrerin krank geworden, so wurde eine Vertreterin geschickt, welche auch jüdisch ist." — Gewiß, diese Zuschrift sieht einer Denunziation so ähnlich, wie ein Antisemit dem andern. Allein fassen wir die Sachlage objektiv ins Auge: Die jüdischen Lehrkräfte sind in erster Reihe als Religionslehrer angestellt; ob das gut ist oder nicht, bleibe ganz unerörtert, aber cs ist doch nun einmal so. Nun wird einer jüdischen Lehrerin eine Klasse überwiesen, die nicht einen jüdischen Schüler aufweisen kann. Unsere Zeit krankt an alten Vorurteilen wider die Juden, weite Kreise sind von einem latenten Antisemitismus befallen, was Wunder, daß sie von Thatsachen, wie in dem Antisemitenblatt mitgeteilt, aufgeregt werden, klagend und petitionierend die Oeffentlichkeit beunruhigen und die Unterrichtsbehörde zu Maßnahmen drängen, die schließlich völlig Unschuldige in Mitleidenschaft ziehen! „Es kommt nicht darauf an, die menschlichen Dinge zu betrauern oder zu belachen, sondern — zu begreifen," sagt ein leidlich unterrichteter und erfahrener Jude: — Baruch Spinoza. — Der angcspuckte Bürgermeister. Unser Freund Dr.Lueg er ist s. Z. in Budweis inderthat angespuckt worden, dennoch ist der Attentäter sreigesprochen worden. Unseren Lesern wird die Affaire, deren Schauplatz der Bahnhof in Budweis bei der Ankunft Luegers am 30. August gewesen ist, noch in Erinnerung sein. Gegen den Redakteur Hugo Kraus, welcher bei diesem Anlasse mit Dr. Lueger und dem Katecheten Foltin ein Renkontre hatte, wurde von letzterem eine Ehrenbeleidigungsklage eingebracht und Herr Kraus stand vorige Woche als Angeklagter vor dem Bezirksgerichte in Budweis. Die Zeugen deponierten unter Eid, daß sowohl auf dem Perron, als vor dem Bahnhofe gegen Dr. Lueger durch Zuruse demonstriert, daß aber schon aus dem Perron ein Jude von antisemitischer Seite thätlich angegriffen wurde. Sechs Zeugen beeideten — was von antisemitischer Seite immer abgeleugnet wurde — daß dem Dr. Lueger thatsächlich ins Gesicht gespuckt worden ist. Ferner wurde eidlich fcstgestellt, daß Kraus keinen tückischen Ueberfall inszeniert, und daß Pater Foltin vor dem Bahnhofe den ersten Schlag geführt hat. Nach durchgesührtcm Bcweisverfahrcn wurde Kraus sreigesprochen — Tie „Oesterreichische Wochenschrift" bemerkt hierzu: Es ist ein stolzes, erhebendes Gefühl für den Bürger, wenn er weiß, daß der Mann, den die Stadt an ihre Spitze gestellt, angespuckt von seiner politischen Hausierfahrt ins Rathaus zurückkehrt. Mit welcher Ehrfurcht wird er die Züge betrachten, die der eine für einen Spucknaps, der andere für das Gesicht einer Prügelpuppe angesehen hat! Derlei Abenteuer sind unangenehm, und man bemüht sich daher, sie zu leugnen. So geschah es auch, als der Wundermann von Wien von seiner Reise nach Budweis zurückkehrte. Zwar hatten die Blätter die ehrenvolle Behandlung, die ihm in Budweis zuteil geworden, schon gemeldet. Aber man ist nicht umsonst in seinen freien Stunden Advokat. Noch besteht der § 19 des Preßgesetzes und ihn in Anwendung bringen, versteht Dr. Lueger gewiß besser, als alle sonstigen Paragraphen unseres Gesetzbuches. Er leugnete einfach. Seiner Schilderung nach war er weder wörtlich noch thätlich beleidigt worden, und er hatte also auch keine Ursache, in irgend einer Art Satisfaktion zu verlangen. Die Gerichtsverhandlung brachte nun freilich Thatsachen ganz andrer Art ans Licht. Nicht weniger als sechs Zeugen sagten unter ihrem Eide aus, daß dem Dr. Lueger ins Gesicht gespuckt worden sei. Die Berichtigung des Herrn Dr. Lueger enthielt also eine Unwahrheit, da er den ihm angethanen Schimpf ruhig nach Hause getragen. Prosit Mahlzeit! Feuilleton. Aus Miißnms ftl,r>i«lle». '> Vom Licent. Prof. Dr. August Wünsche, Dresden. lieber die schriftstellerischen Erzeugnisse des Judentums nach Abschluß des alttestamentlichen Kanons von Alexander dem Großen etwa bis zum 5. nachchristlichen Jahrhundert herrschen selbst unter den Gebildeten noch recht unklare Vorstellungen. Das hervorragendste Geisteserzeugnis aus dieser Zeit, die beiden Talmude, ist den meisten weder nach Inhalt, noch nach Umfang bekannt, trotzdem dasselbe seit beinahe zwei Dezennien in der öffentlichen Presse, auf dem Reichstage, in Gerichtsverhandlungen und auf Volksversammlungen oft genannt und beurteilt worden ist. Es läßt sich zwar nicht leugnen, daß ein großer Teil des Talmud für den Forscher nur ein kulturhistorisches und litterarisches Interesse hat und in seinen Verordnungen und Bestimmungen für das religiöse Leben selbst dem Judentum in den zivilisierten Staaten für antiquiert gilt; trotzdem aber bleibt er ein Schriftdenkmal, das in seiner Eigenartigkeit unter allen von den Völkern des Altertums aus uns gekommenen Geistesschätzen einzig dasteht. Wiederholt hat man in antisemitischen Volksversammlungen und auf dem Reichstage die Forderung ausgesprochen, den Talmud zu übersetzen, weil er durch viele seiner Bestimmungen unser sittliches und kommerzielles Leben schädige, wie aber würden die, welche diese Forderung gestellt haben und noch stellen, ernüchtert werden, wenn sie sich in den Inhalt hineinarbeiten sollten, wie viel Zeit würden sie brauchen, um bei dem bunten Durcheinander nur ein Zitat, falls dasselbe nicht nach Traktat und Folioseite genau angegeben, ausfindig zu machen! Und vollends wie verblüfft würden sie sein, wenn sie eine sogenannte schädliche Stelle wörtlich übertragen vor Augen hätten, beleuchtet durch den Zusammenhang oder erläutert durch die ausführlichen Kommentatoren! Durch den Talmud winden sich zwei Ströme: der eine, die Halacha, hat es mit der religionsgesetzlichen Praxis, d. h. mit Erörterungen, Bestimmungen und Verordnungen der Inden im häuslichen und öffentlichen Leben, im Handel und Verkehr unter sich und mit Nichtjuden u. s. w. zu thun; der andere, die Agada, dagegen befaßt sich mit der Auslegung und Erläuterung des Bibelwortes zum Zwecke des Verständnisses oder der Erbauung. Beide Ströme aber lausen nicht neben *) Tie Agada der Palästinensischen Amoräer. 2. Bd. Die Schüler Jochanans. Von Dr. Wilhelm Bacher, Professor an der Landes-Rabbinerschule zu Budapest. Straßburg i. E. 1896. Karl I. Trübner. 645 S. gr. 8". In der trefft. Beil, der „Miinch. Allgem. Ztg." Ä!

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