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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-11-06 · 45 (6.11.1896) · p. Seite 746

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
Seite 746 (sequence 6)
Language
German
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Seite 746. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 45. Litteraturvereine nicht sein. Es ist schon sehr viel wert, wenn unsere heutigen Juden zusammenkommen, um Vorträge über jüdische Dinge zu hören, um zu erfahren, daß es ein Judentum und eine Geschichte des Judentums giebt. Aber gerettet wird damit das Judentum schwerlich. Mich würde es interessieren, darüber Aufschluß zu erhalten, wie weit in den Städten, in denen Litteraturvereine blühen, das jüdische Leben gefördert worden ist, ob man dort den Sabbat und die Feste hält, so wie sie gehalten werden sollen, ob man dort mit Stolz zum Judentum sich bekennt, auch wenn es Selbstüberwindung erfordert. Dem Judentum helfen wir meiner bescheidenen Ansicht nach nur, wenn wir Juden sind. Das klingt wie ein richtiger Gemeinplatz; aber muß cs darum unrichtig sein? Finden wir das Judentum in unseren Synagogen? Wenn die Männer recht haben, die in diesen Blättern ihre mahnende Stimme erheben, dann ist die Synagoge aus dem besten Weg, das Judentum zu vertreiben. Dem einen gefallen die Gebetbücher, dem andern die Rabbiner nicht. Daß ichs offen heraussage: mir gefällt die Art und Weise, mit der in diesen Blättern die Rabbiner zuweilen behandelt werden ganz und gar nicht. Es sind zwar zumeist nur die Berliner- Rabbiner gemeint, aber ohne diese Männer zu kennen, hege ich die feste Ueberzeugung, daß sie nach besten Kräften bemüht sind, ihre Pflicht zu thun. Sollten sie keine hervorragenden Prediger sein — was ich wiederum nicht weiß — wie stehts denn in den Gemeinden, die so glücklich sind, hervorragende Prediger zu besitzen? Kommen viele, um diese Prediger zu hören? Und wie viele befolgen ihre Worte? Geradezu seltsam erscheint mir der Vorwurf, daß die Rabbiner keine Männer der Wissenschaft seien. Und wenn sie es wären? Wollen wir in der Synagoge Gelehrte oder Juden erziehen? Ich habe noch nie gehört, daß einem christlichen Geistlichen der Vorwurf gemacht worden ist, er sei kein Gelehrter. In der Religiosität stehen wir Juden wahrlich nicht höher als unsere christlichen Mitbürger, und darum sollten wir von unseren Predigern in erster Linie religiöse Anregung verlangen. Und die vermag am Ende auch ein weniger hervorragender Prediger zu bieten, selbst wenn er kein Gelehrter im eigentlichsten Sinne des Wortes ist. Im Verhältnis zu seinem Publikum ist wohl auch der wenig gelehrte Rabbiner noch immer ein großer Gelehrter. Vielleicht liegt der wahre Grund von der Erfolglosigkeit des rabbinischen Wirkens gar nicht an den Rabbinern, sondern ganz wo anders. Könnte man nicht der Artikelserie „Unsere Rabbiner", eine andere, weit inhaltsreichere „Unsere Gemeind en" gegenüberstellen? (Bitte! Red.) Welch betrübende Erscheinungen würden da znTage kommen! Ob es in denGemeinden besser um das Judentum bestellt ist, in denen der Gottesdienst noch ganz unverändert in der althergebrachten Weise vor sich geht oder ob die sogen. „Reuen" den Vorzug verdienen, wage ich nicht zu entscheiden. Die Pintim sind auch nicht das Judentum, und mit gewohnheitsmäßiger Werkheiligung waren schon die Propheten nicht zufrieden. Ich befürchte nicht nrißverstanden zu werden, wenn ich auf den Vers im Gesänge Mosis Hinweise: Wajischman Jeschurun wajiwot. (5. M.j 32,15). „Jeschurun ward fett und schlug aus." Nicht die Rabbiner sind die Anstifter alles Unheils, nicht die Art des Gottesdienstes ist verantwortlich zu machen für die traurigen religiösen Zustände in Israel, sondern das Elternhaus. Selbst diejenigen Eltern, die aus frommen Häusern stammen, versäumen es meistens, ein wahrhaft jüdisches Hans zu führen und davon, daß sie ihren Kindern eine jüdische Erziehung geben, ist keine Rede. Ob die Litteraturvereine uns das jüdische Haus wiederbringen, das wäre noch nachzuweisen. Aber daß, wenn die Grundlage des jüdischen Hauses vorhanden wäre, unsere Rabbiner und unser Gottesdienst andere Erfolge erzielen könnten, das ist unzweifelhaft. *) Die Hauptfrage bleibt also nach meiner Nt inung nur die: Wie vermögen wir es dahin zu bringen, daß auch von uns wieder gilt das alte Wort Bileams: Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel. (4. M. 24,5.) Es sollte mich freuen, wenn ich Gesinnungsgenossen finden würde, die von diesem Standpunkt ans der Frage näher treten wollten: Wie verhindern wir den Niedergang des Judentums? Ein bayrischer Rabbiner. yjinicr grifft. I. Wer hätte das gedacht, daß der Antisemitismus auch unseren „Großen" noch Nebles zusügen werde! Nahm man doch immer an, daß der Besitz einer Million oder mehrerer der beste Reisepaß durch das Land des Judenhasses sei! Und doch! . . . Nun, man glaube nicht, daß ich die moralischen Ohrfeigen im Sinne habe, die unsere „Großen" täglich empfangen, ohne dabei auch einen entsprechenden moralischen Schmerz zu verspüren, ich meine vielmehr den indirekten Kummer, der ihnen durch ihre eigenen undankbaren Brüder bereitet wird. Das ist doch undankbar, wenn diese armen Teufel sich nicht länger voir denjenigen gängeln lassen wollen, für die sie Sündenböcke sein müssen und die sich ihrer immer und überall schämen! Und diese Undankbarkeit hat der Antisemitismus verschuldet — gewiß seine leichteste Schuld! Unsere Wiener Juden haben einsehen gelernt, daß man sich, wenn ein so mächtiger Feind von außen droht, innerlich kräftigen und konsolidieren und daß zu diesem Zivecke die Vorherrschaft der oberen Zehnhundert beseitigt werden müsse. Eine so große Geineinde kann ihr Interesse wahren, wenn sie will, d. h. wenn ihre Leitung so eingerichtet ist, daß sie den Bedürfnissen des Volkes cntgegcnkommt, seinen Wünschen entspricht. Das Schicksal der Wiener Judenscliust lag aber bisher in den Händen einer Klique von Männern, die aus weiß Gott welchen Gründen noch nicht offiziell dem Judentum Valet gesagt haben und infolge einer bei ihrer sonst höherzielenden Passion nur als atavistisch zu erklärenden Eitelkeit Kultusvorstände sein wollten. Natürlich thaten die Herren nichts, als höchstens dem Beispiele ihrer christlichen Freunde von der liberalen Partei folgen, d. h. ihren Besitz- *) Auch die Jugendgottesdienste sind ohne die Unterstützung des Hauses vollständig wirkungslos.

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