Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- Seite 744 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 744. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Hessen und der seinige zum Großherzogtum Hessen gehörte, konnte den gegenseitigen Verkehr nicht stören. Gelegentlich dieses Besuches war auch von dem zu wählenden Studium für den künftigen Lebensberuf die Rede. Bamberger war noch unschlüssig. So ein Studium kostete viel Geld, welches ihm nicht zur Verfügung stand. „Ich will Ihnen einen Rat geben," meinte ich, „werden Sie auch Rabbiner, wie ich; in Breslau ist vor einigen Jahren das Rabbiner-Seminar eröffnet, dort finden Sie völlig unentgeltliche Aufnahme. Ein Schüler mit Maturitäts- Zeugnis findet dort ganz besondere Berücksichtigung, denn die jetzigen Hörer müssen zumeist ihre klassische Vorbildung am Seminar selbst sich aneignen." Bamberger meinte: „Ja zum Rabbiner bin ich wohl schon verdorben, denn dazu habe ich zu wenig hebräische und talmudische Vorkenntnisse. Seit meinem zehnten Lebensjahre ist mir außer meinem Gebetbuche ein Buch in hebräischer Sprache kaum mehr zu Gesicht gekommen." „Dagegen," meinte ich, „haben sie einen Vorsprung vor den andern bezüglich ihrer Gymnasialbildung und können alle ihre Zeit und Fähigkeiten dem Studium der hebräischen und talmudischen Schriften und Wissenschaften zuwenden, können auch mit Fleiß und gutem Willen noch ein tüchtiger „Lamdan" werden." „Hierzu," meinte er, „ists doch wohl schon zu spät." „Nein, dazu ist es durchaus nicht, zu spät," entgegnete ich. „Sie sind noch jung und können ohne allzugroße Anstrengung mit Beihilfe Ihres Vaters sich für das Seminar vorbereiten und Ihr Studium ebenso rasch beendet haben, wie alle andern, die bereits tüchtige talmudische Kenntnisse mitgebracht haben." Bamberger hatte sich nach seinem HeimatSorte, der drei Meilen von Marburg, während der meinige nur anderthalb Meilen entfernt lag, zurückbegeben. Und erst einige Jahre später hörte ich, daß er sich thatsächlich in das Breslauer Seminar hatte aufuehmen lassen. Unsere Lebenswege kreuzten sich erst wieder, als ich gegen Ende des Jahres 1865 durch Königsberg kam, um meine Stelle in Memel anzutreten. Da erst erinnerte ich mich, daß ein Landsmann von mir den Rabbinatsstuhl in Königsberg inne hatte und suchte ihn auf. B. war auch erst seit Mitte desselben Jahres in Königsberg angezogen. Es war seine erste Stelle. Sein Studium am Breslauer Seminar hatte doch viel mehr Zeit in Anspruch genommen, als man anfangs geglaubt hatte. Er hatte in Königsberg alle seine zahlreichen Mitbewerber, darunter manchen mit berühmtem Namen, besiegt, wegen seiner Schlagfertigkeit in der Redekunst. Er hatte nicht nur eine gute Probepredigt gehalten; auch als völlig unvorbereiteter Gelegenheitsredner hatte er sich hervorgethan. Er wurde fast einstimmig gewählt und die Wahl war eine sehr glückliche. Der Bamberger, welchem ich in Königberg wieder begegnete, war nicht mehr derselbe wie ehedem. Aus dem schmächtigen und schwächlichen, linkischen, fast täppischen Abiturienten, war ein gesetzter, leiblich und geistig abgerundeter Mann geworden. Und so wie ich ihn damals traf, ist er geblieben, bis der überaus kräftige und gesunde Mann vor einigen Jahren zu kränkeln anfing. — In Bamberger ist einer der bedeutendsten Rabbiner der Neuzeit aus dem Leben geschieden. Sein gesamtes Leben und Wirken bedeutet und bezeichnet eine passende und entsprechende Illustration zu dem Ausspruche des Weisen: t£'“Hcn iö „Nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern die That." Nicht die Theorie sondern die Praxis. Bamberger war lediglich ein Mann der That und der Praxis. Als jüngst die neuerbaute prächtige Synagoge in Königsberg eingeweiht wurde und die Feier innerhalb und außerhalb des Hauses zu einer einzigen eindruckvollen Kundgebung der Verehrung des vortrefflichen Mannes und seiner hervorragenden Leistungen sich gestaltete, — da versuchte einer der beim Festmahle toastterenden Redner den abwesenden, bereits totkranken Mann derart zu charakterisieren, daß dieser die verschiedensten Gegensätze, die Antike und Moderne, die Theorie und Praxis n. s. w. auf das glücklichste zu vereinigen verstanden hätte. Das ist durchaus nicht richtig. Wir bezeichneten ihn als einen der bedeutendsten Rabbiner der Neuzeit — er war eine durchaus neuzeitliche und durchaus praktische Persönlichkeit. Vom antiken Wesen und Leben zeigte sich in seinem Wesen und Leben auch nicht die geringste Spur, und dieser sehr ausgedehnte Wirkungskreis, welchen sich der Verstorbene geschaffen hatte, ließ ihm keine Zeit übrig zu theoretischer Forschung. Ihm war auch die Forschung gar nicht die Hauptsache, sondern die That. Und dieser Thaten, die seinen Namen tragen und verewigen, sind so viele, daß sie gar nicht allesamt aufzuzählen sind; und allen diesen Thaten hat er die Eigentümlichkeit seines durchaus praktischen Wesens und organisatorischen Talents aufzuprägen gewußt, derart, daß sie als praktische, organisatorisch vollendete Schöpfungen sich auch ohne sein weiteres Hinzuthun aus und durch sich selbst zu erhalten vermögen. Er hat Schulen eingerichtet, Wohlthätigkeitsanstalten und Waisenhäuser gegrüudet, Vereine ins Leben gerufen, die allesamt fortbestehen werden — den Beschluß seines hervorragenden praktischen Vermögens bildet das großartige Gotteshaus, dessen Aufbau er vorbereitet und gefördert, dessen Einweihung er auch noch erlebt hat, ohne dieselbe selbst vollziehen zu können, denn er lag bereits auf dem Totenbett?. Wenn B. ein Mann der That und nicht des „Midrasch" war, so kann dieses Wort Midrasch zwei verschiedene Deutungen erfahren, als Forschung, aber auch als Predigt. Gewiß, B. war ein bedeutender Kanzelredner; allein seine Beredsamkeit bestand nicht in Redeblumen, in schwungvollen Phrasen, in Bilderreichtum, in gezierter Ausdrucksweise — er wirkte in seiner weltlichen und geistlichen Rede durch die gerade und adäquate Vereinigung von Wort und Gedanken. Nie gebrach es ihm an dem richtigen und bezeichnenden Worte für den vernünftigen und wirkungsvollen Gedanken. Auch eines gewissen Humors entbehrte seine Rede nicht, welcher Humor bei der festlichen Gelegenheitsrede oft recht drastischen, die heiterste Stimmung erweckenden Ausdruck fand. Und ganz ebenso wie er sprach, so schrieb er auch. Größere oder kleinere rein wissenschaftliche Schriftwerke hat Bamberger nicht hinterlassen; wohl aber ganz unzählige Programmschriften, Vereins- und Anstaltsberichte, die allesamt