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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 738 (sequence 14)
Language
German
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Seite 738 Ullgemetue Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Nummer 41 und 42 teile ich Ihnen mit, daß die hier wohnhafte Tochter des Verstorbenen, Frau verw. Lesser, geb. Kremser, mir bestimmt versicherte, daß ihr Vater als Jude gestorben und auch aus dem israelitischen Friedhof in Breslau begraben sei." — Nun wissen wir Bescheid! * Berlin, 28. Oktober. (Ueber die Ermordung des Justizrats Levy), eine ruchlose That, deren Opfer ein hier in allen Kreisen hochgeachteter Mann geworden, haben wir in unserer vorigen Nummer nichts gebracht, weil wir wie immer die Grenze gezogen haben zwischen dem Menschen und dem Juden. Für ein jüdisch-religiöses Blatt existiert nur der Jude, der für das Judentum gelebt und gewirkt hat. Wenn wir dennoch heule auf den tieftraurigen Fall zurückkommen, so geschieht dies nicht etwa, um die Frage zu erörtern, ob der Ermordete in der Ehrenreihe des jüdischen Friedhofs hat beigesetzt werden dürfen — in jener Reihe, in welcher Theologen und andere Männer, die ihr Leben dem Judentum geweiht hatten, ihre letzte Ruhestatt finden — obwohl es keinem der Beteiligten unbekannt sein konnte, daß mindestens zwei Kinder des Entschlafenen getauft sind — davon wollen wir nicht sprechen, weil die Tragik des Todesfalles unser Wort übertönen würde. Aber nicht unerwähnt dürfen wir lassen, daß der Trauerredner, Rabbiner Dr. Maybaum, in seiner Rede der sozialdemokratischen Partei einen Hieb versetzt hat, den der „Vorwärts" in seiner Sonntagsnummer urkräftig erwidert, und der auch in nichtsozialistischen Kreisen Mißstimmung erregt hat. Nicht allein war es ein unbegreiflicher Fehler, für eine That, die neben den Juristen auch die Pathologen beschäftigen wird, eine große politische Partei verantwortlich zu machen, es war auch ein thatsächlicher Mißgriff, an der Stätte und in der Stunde der Trauer das garstige politische Lied anzustimmen. Was würde Herr Dr. Maybaum sagen, wenn er erführe, daß ein antisemitisch behafteter Pfarrer in einer Grabrede Propaganda gegen die Juden gemacht habe; was könnten wir sagen, nachdem von unserer Seite ein Präzedenz geschaffen worden? . . . * Berlin, 27. Oktober. (Herr Stöcker) ist von der Brandenburgischen Provinzialsynode zum ersten geistlichen Beisitzer des Präsidenten gewählt worden. Darob großer Jubel des „Volk" — der Zeitung „Volk" nämlich, da im Hintergründe die Hoffnung schlummerte, Stöcker würde nach altem Brauch mit den anderen Vorstandsmitgliedern vom Kaiser empfangen werden. Gestern ist aber nur der Präses, nicht aber wie bisher der Gesamtvorstand der Synode vom Kaiser empfangen worden. Die Enttäuschung muß sehr unangenehm sein. 8. Berlin, 26. Oktober. (Jüdische Lesehalle.) Nach einer Mitteilung aus der lctztenSitzung des Vorstandes derJüd.Lesehalle befinden sich unter 1755 im Katalog verzeichneten Werken 243 Belletristica, 216 Hebraica, 185 Philosemitica, 95 Erbauungsschristen, 87 Talmudica, 73 Bibl. Litteratur, 45 Biographien. Die übrigen 811 Bände verteilen sich aus folgende Rubriken: Kultur- und Litteraturgeschichte, Philosophie und Pädagogik, Kultus und Ritus, Zeitschriften, Kalender, Berichte und Antisemitica. Während des vergangenen Sommerhalbjahres entliehen 120 Damen und Herren Bücher; die tägliche Besucherzahl schwankte zwischen 50—60 Lesern, am Freitag, Sonnabend und Sonntag belief sie sich auf das Doppelte. Vom 1. November ab ist die Lesehalle auch in den Abendstunden von 8—10 Uhr am Sonnabend, Montag und Donnerstag geöffnet. Dem Vorstand wird die Anerkennung nicht versagt werden können, daß er dem thatsächlich vorhandenen Bedürfnis nach Existenz einer jüdischen Lesehalle nach Kräften abzuhelsen bemüht gewesen ist und einer größern Anzahl von Lesern, die sich aus allen Berufen zusammensetzen, eine Stätte bereitet hat, in der sie unsere jüdischen Blätter lesen und Kenntnisse in jüdischer Litteratur und Geschichte durch eigenes Studium erwerben, befestigen und vertiefen können. Sollen aber die noch vorhandenen Lücken in der Bibliothek ausgefüllt und das Institut nach und nach zu einem israelitischen Jünglingsheim ausgebaut werden, so ist es nicht nur erforderlich, daß aus der in mancher Familie unbenutzt dastehenden jüdischen Bücherei die besten Werke der Lesehalle als Geschenke überwiesen werden, sondern vor allem müssen zahlreiche Glaubensgenossen dem Verein als Mitglieder beitreten. Die Wohlhabenderen aber müssen es als eine Ehrenpflicht ansehen, lebenslängliche oder immerwährende Mitglieder des für alle so wichtigen Instituts zu werden. Ihr Name soll auf einer in der Lesehalle angebrachten Ehrentafel verzeichnet werden. Wir hegen die zuversichtliche Hoffnung, daß dieser Appell an unsere Glaubensbrüder nicht unerhört verhallen wird und bitten alle, die sich für Erhaltung und Kräftigung jüdischen Bewußtseins und Wissens interessieren, um den Besuch der jüdischen Lesehalle, Spandauerstraße 11—13, und um ihren Beitritt zu dem Verein. Sein Schatzmeister, Herr Benas Levy, NW., Klopstockstraße 35, nimmt jederzeit Meldungen entgegen. 6. Breslau, 25. Oktober. (Zur Aufklärung.) Geehrter Herr Redakteur! Der Spott, mit welchem Ihr hiesiger Korrespondent in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes den neugegründeten Wahlverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde bedenkt, ist unverdient. Ich bin unparteiischer Beobachter der Vorgänge in allen jüdischen Gemeinden, auch in der unsrigen, und so kann ich denn versichern, daß der genannte Verein eine Notwendigkeit, wenn Sie wollen: ein notwendiges Uebel in Breslau ist. Nicht der „geniale Schöpfer des deutschen Reichsverbandes jüdischer Religionslehrer" ist der Gründer des Vereins, sondern der letztere ist aus der Not innerhalb unserer Gemeinde hervorgegangen. Hier herrschen zum Teil noch prähistorische Zustände; mehr als in jeder anderen Großgemeinde ist der Gemeindevorstand alleinherschend; nach den Repräsentanten wird so gut wie gar nicht gefragt und für die Bedürfnisse der Gemeindemitglieder wird in keiner Weise gesorgt. Gegen solche Zustände sich zu wehren ist Pflicht und Verdienst, und sollte nicht mit Spott belohnt werden. Es ist richtig, daß unsre Agitatoren sich die Berliner Agitation zum Muster genommen haben, in allererster Reihe die Haltung - Ihres mir werten Blattes, und da werden sie gerade in Ihrem Blatte abgekanzelt! Weshalb? Blos weil der „geniale Schöpfer des deutschen Reichsverbandes", oder wie das Ding sonst heißen mag, hier unbeliebt ist? Im Vertrauen: Sind Sie in den leitenden Kreisen Berlins beliebt? (Nicht sonderlich! Red.) Ist schon irgendwo ein Vertreter der unbeugsamen Opposition beliebt gewesen? Wenn Sie schon die hiesigen Oppositionellen

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