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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · p. Seite 736

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 736 (sequence 12)
Language
German
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Seite 736. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. einen Moment zu Boden gelassen hatten und ein Zetergeschrei erhob sich in der Masse. Weiber wurden niedergeworfen, Kinder unter die Füße getreten — „Platz, Platz" überdonnerte eine Stimme das wehklagende Geheul — „sie kommen, die Brüder kommen und bringen uns Rettung." Wieder flogen alle Augen herum und starrten in die Richtung, aus der ein sonderbarer monotoner Gesang herüberkam, der sich nicht mit den aus dem Innern der Kirche dringenden Klängen mischte, sondern sie anfänglich scharf durchschnilt und, näher kommend, übertäubte. Man sah noch nichts, vielstimmig scholl er um die Biegung einer Straße, aber man vernahm deutlich die Worte, die wie ein Chor von hundert gleichtönenden Orgelpfeifen heranbrausten. „Halt," schrie jetzt eine machtvolle Stimme an der Spitze des Zuges, „auf die Knie und thut Buße für eure Sünden, ehe ihr vor das Auge der Jungfrau eintretet in den Tempel." Es war der Anführer der Schar, der es rief. Eine hohe, aufgereckte Gestalt, der die Kutte während der unausgesetzten Geißelhiebe, die er über seinen nackten, hageren Rücken, von dem das Blut strömte, vom Gesicht gefallen war und ihr über den zerfleischten Nacken herabhing. Gramzersressene Züge, von tausend Falten durchwettert und verzerrt, kamen darunter zum Vorschein, um die eingefallenen Schläfen flog verwildertes, langsträhniges, greises Haar; Stirn und Wange waren mit Narben bedeckt und unmenschlich entstellt, aus den hohlen, tiefgesunkenen Augen loderte eine unheimliche, fanatische Glut. Aber trotzdem war zu sehen, daß dies Antlitz einst edel, die Gestalt von majestätischem Eindruck gewesen; scharfgeschnitten trat noch immer das Profil mit der schön gebogenen Adlernase gegen das Licht, auf der hohen vorgewölbten Stirn lag Stolz, und unbändige, sessellose Leidenschaft. Er wandte sich jetzt zu der ängstlich vor der Kirchthür zusammengedrängten Menge, die mit staunenden Blicken das plötzlich vor ihnen entfaltete Schauspiel maß, und ries weithinschallend: „Meine Brüder und Schwestern, thut wie wir, denn das Gericht Gottes kommt über euch. Mit uns zieht es durch die Luft — werft euch auf die Knie und betet, daß er es abwende von eurer Stadt. Büßet und bekennet eure Sünden im Staube, wie wir, jeder nach der Schuld, die auf ihm lastet. Entkleidet euren Leib, daß ich euch strafe und euch Gnade erwerbe — der Meineidige lege sich auf die Seite und erhebe die Finger, mit gefalteten Händen harre der Lästerer der Peinigung, aufs Gesicht werfe sich der Ehebrecher —" Er machte einen wilden Sprnng bei den letzten Worten und schleuderte sich mit vorgestrecktem Kopf zu Boden, daß derselbe hart auf einen spitzen Kiesel traf, der ihm eine tiefe, blutende Wunde in die Stirn schlug. Dann erhob er die Geißel und zermarterte seinen Rücken; ohne einen Klagelaut auszustoßen, riß er mit den scharfen Nägeln der Peitsche Fleischsetzen von den blosgelegten Knochen — endlich sprang er aus und lies durch die Reihen der Brüder, die nach seinem Gebot sich ebenfalls in den mannigfaltigsten Stellungen zur Erde geworfen. Wild fuhr seine Geißel über die bis an die Hüften entblößten Körper und zerriß sie. Die Lippen der Getroffenen zuckten, ihre Gesichter verzerrten sich und dumpfes Wehgeheul brach aus der Brust. Sie wanden und krümmten die Glieder, doch keiner suchte sich der Marter zu entziehn. — „Eifriger, Bruder Dominikus," wimmerten manche, „daß ich zur Gnade gelange," und der Anführer hieb erbarmungsloser auf sie ein. Allmählich schien der Geruch des Blutes ihn zu berauschen, seine Augen wurden stierer, er keuchte und seine Nüstern schnaubten wie die eines lechzenden Raubtieres — vor ihm wand sich stöhnend der zarte Leib eines Knaben, den seine Geißel zerfleischte. Das Kind flehte um Erbarmen und rang mit den Händen aus, doch Dominikus hörte nicht, sondern peitschte wie von dämonischer Lust gepackt fort über den weichen Hals, die Schultern, die Brust des verzweifelt sich am Boden Umherwälzenden. Der Knabe wollte ausspringcn und entfliehen, er richtete sich auf schwankenden Füßen empor, doch die Geißel traf ihn auf die Stirn, seine Augen rollten brechend in den Höhlen, und er griff mit den Händen in den Sand und fiel im Todeskamps verröchelnd zurück. .Ein Schrei des Entsetzens ertönte aus der gaffenden Menge, doch die büßenden Brüder übergellten ihn mit einem irrsinnig begeisterten Jubelrus: „Er hat die Gnade, ihm ist die Barmherzigkeit widerfahren — preiset ihn und danket dem Herrn, der ihn von seinen Sünden erlöst durch die Marter des Heilands," schrien sie wild durcheinander. „Führe uns in die Kirche, Bruder Dominikus, den der Herr zum heiligen Werkzeug seiner Gnade erwählt!" Doch dieser stand und starrte aus den entseelten Körper des Kindes, der jetzt regungslos unter seiner Geißel lag. „Sie alle können sterben, allen ist der Tod barmherzig," murmelte er dumpf. Er sah besinnungslos umher, langsam wich der Blutrausch aus seinen irren Augen, und er blickte über die noch immer um ihn am Boden ausgestrcckte Schar: „8tant uf durch der reinen martel ere Und hüt euch vor der Sünden mere,“ sagten seine Lippen mechanisch nnd die Büßer sprangen in die Höh', ordneten ihre Kleider und sangen, sich um ihn stellend. Damit drängten sie in die Kirche, an deren Eingang die Stadtbewohner, vor dem Andrang der fremden Schar, zurückwtchen. Doch ein neues Geschrei erhob sich unter denen, welche von dem Gewoge an den Rand des Platzes hinabgedrängt wurden, wo die Bahren mit dem Jüngling und der Leiche des Arztes standen, deren Träger sie verlassen und sich, froh ihres Amtes entledigt zu werden, unter die gaffende Menge gemischt. Sybille und der Zimmermann suchten sie vergeblich zurückzuhalten und blieben wartend neben dem Kranken stehen. „Die Pest — da sind sie — flieht, flieht!" schrie jetzt der auf sie zugeschobcne Haufen, indem er scheu vor ihnen zur Seite prallte und, seinen Versuch in die Kirche zu gelangen aufgebend, nach allen Richtungen auseinander stob. (Fortsetzung folgt.) * Die hebräische Litteratur hat in der letzten Zeit unter unseren Glaubensgenossen in Rußland einen früher nie geahnten Aufschwung genommen. Die Kenntnis dieser nationalen und religiösen Sprache des jüdischen Stammes ist unter

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