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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · p. Seite 734

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 734 (sequence 10)
Language
German
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Seite 734. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. identisch — gewiß nicht, denn sonst wären ja Judentum und Christentum nicht zwei verschiedene Religionen. Aber die Verschiedenheit im jüdischen und christlichen Gottesbegriffe ist nicht die des Gegensatzes, sondern die zwischen dem Größer» und dem Kleinern, um es in logischen Formeln auszudrücken: nicht wie a zu non a, sondern wie a ju a + b. Nämlich der christliche Gottesbegriff enthält den jüdischen Gottesbegriff in sich, nur mit Hinzufügung der christlichen Elemente. Der christliche Gottesbegriff hat den Gottesbegriff des Judentums nicht ausgehoben und etwas anderes an dessen Stelle gesetzt, sondern es hat den Vorgefundenen Gottesbegriff des Judentums mit neuen Vorstellungen, namentlich mit den Elementen der Erlösungs- Idee, ausgestattet. Am besten ist dies verwandtschaftliche Verhältnis dokumentiert in der Bibel des Christentums, welche in einem Bande das „Alte Testament" und das „Neue Testament" umschließt. Das „Alte Testament" ist die heilige Schrift des Judentums, dies pln3, das „Neue Testament", ist die heilige Schrift des Christentums. Wenn ein diametraler Gegensatz zwischen dem „Judengott" und dem „Christengott" bestände: könnten dann das „alte und das neue Testament" zusammen die christliche Bibel ausmachen? Ist es denkbar, daß das Christentum irgend ein anderes Religionsbuch, z. B. den „Koran", so sehr er auch eine Tochterreligion des Judentums ist, mit dem „Neuen Testament" zu einer einheitlichen „Heiligen Schrift" vereinigte? Die biblischen Geschichten des „Alten Testaments" werden im christlichen Religionsunterrichte verwendet; die Verse des „Alten Testaments" bilden die Texte der christlichen Predigten; die Psalmen des „Alten Testaments" hallen wieder von den majestätischen Spitzbogen der christlichen Dome: — und der „Gottesbegriff" des „Alten Testaments", der Gottesbegriff der Juden, sollte im Gegensatz stehen zum christlichen Gottesbegriff? Das ist unmöglich, sonst müßte die Litteratur des jüdischen Gottesbegriffes von dem religiösen Leben der Christen gänzlich ausgeschlossen sein. Man könnte wohl sagen: der „Gott Vater" ist im Judentum und Christentum identisch, ist aus dem Judentum ins Christentum übergangen; die Differenz beginnt bei „Gott Sohn" und „Gott heiliger Geist": Diese beiden letzteren Persönlichkeiten sind nur im christlichen Gottesbegriff enthalten, sind vom Christentum dem jüdischen Gottesbegriff, dem „Gott Vater", wenn ich so sagen darf, hinzugefügt worden. Ich gebe diese Behauptung mit all der Reserve, die demjenigen ziemt, der über sie religiösen Anschauungen eines anderen Bekenntnisses sich äußert. — Wenn aber dieses Verhältnis zwischen dem „Judengott" und dem „Christengott" besteht, dann ist es unmöglich, daß eine Verlästerung des Judengottes nicht auch zugleich eine Verlästerung des „Christengottes" ist. Wer den „Judengott" beschimpft, beschimpft eben den „Gott Vater", also eine von den „Dreieinigkeiten" des Christentums, und das Strafgesetzbuch sollte ihn nicht blos wegen Beschimpfung der jüdischen Religion, sondern auch wegen Beschimpfung des Christentums verurteilen. Thatsächlich sind auch die Matadore des Antisemitismus, die die Religion des Judentums zum Gespülte machen wollen, ebenso erbitterte Feinde des Christentums, wie des Judentums, ja die erbitterten Feinde aller Religion und aller — staatlichen Ordnung überhaupt; der Antisemitismus ist eben die Vorfrucht der Sozialdemokratie, oder vielmehr verkappte Sozialdemokratie: der „Wolf" Sozialdemokratie im „Schafspelz" des Judenhasses. Ja, aber der „Judengott" ist nicht der Gott des Alten Testaments, sondern ein „Götze des Talmud", ein Moloch, der am Ermorden christlicher Kinder Wohlgefallen habe! Im nächsten Artikel einiges über den „Judengott" — des Talmud! _ M. Du getaufte Talmud. III. Eine der kühnsten Dichtungen in der Weltlitteratur ist Lord Byrons „Kain". Dieser Sohn des ersten Menschen stürmt den Himmel, verdammt die Erde, erfaßt mit frevler Hand den Thron des Schöpfers, gießt den bittersten Hohn über die Schöpfung aus, rechtet und hadert über die Einrichtung des Weltalls. Vielleicht sind noch nie einem sterblichen Munde solche vermessenen Worte entfahren, wie den Lippen Kains, den der englische Dichter dramatisiert hat. Wer wird so plump und so roh sein, Lord Byron zu verspotten, daß er bereits Kain zum Repräsentanten des Pessimismus, zum mürrischen Lobredner des „Nichts" gemacht hat? Das ist ja eben das Gewaltige an dieser kühnen Dichtung, daß sie den Jammer von Jahrtausenden und Tausenden von Generationen in die Brust eines der ersten Menschen auf Erden legt, der von der Welt in ihrer vollen Jugendschönheit umgeben war. Lord Byron hat keine Ahnung, daß der Talmud bereits den Vater Kains, den Stammvater der Menschheit, der die Keime der Entwickelung aller seiner Nachkommen in sich trug, zum Skeptiker machte und die aufrührerischen Geister der Negation in dessen Brust einziehen läßt. Bald heißt es im Talmud Sanhedrin, 38 b: Adam war ein Ketzer, und bald wird gesagt, daß Adam ein Gottesleugner war. Diese beiden talmudischen Bemerkungen hätte Lord Byron, wenn sie ihm bekannt gewesen wären, für seine Dichtung verwerten können. Unser Renegat, der daraus ausgeht, höchst „interessante märchenhafte Aussprüche der Rabbinen" dem christlichen Volke vorzutragen, teilt demselben mit, daß in dem lächerlichen Talmud zu lesen ist: „Adam war ein gottloser Mensch". Die Weisen des Talmud haben eine Thal vollbracht, der nichts in der Völkergeschichte an die Seite gesetzt werden kann. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels waren die Grundlagen des Judentums erschüttert. Der Tempeldienst hat aufgehört, Priester und Leviten irrten zerstreut umher, die vorgeschriebenen Opfer für jeden Morgen und jeden Abend, für Sabbat und Festtage und für die verschiedenen Vorkommnisse des Lebens konnten nicht dargebracht werden, kein Hohepriester war mehr der Vertreter des jüdischen Volkes am Sühnetage: kurz, die Gottesverehrung, deren Normen in der Thora genau angegeben waren, wurden zur Unmöglichkeit und das Heiligtum auf Zion, mit welchem das Judentum so eng verknüpft war, existierte nicht. Es galt nun das Judentum loszulösen vom heiligen Boden, vom Altar, von

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