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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · p. Seite 732

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 732 (sequence 8)
Language
German
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Seite 732, Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Syrenen-Gesang wäre, dann wäre in 100 Jahren jede Spur von Israel verschwunden; Israel hätte aufgehört zu sein, und aus Nichts ein israelitisches Volk und Bekenntnis aufs neue zu schaffen-wenn das geschehen soll, dann könnte man ja gleich die ganze Mühe und die Kosten der Juden- Mission ersparen. „Israel soll die Taufe nehmen, um ein Bekenntnis und ein Volk zu werden" — das ist die äußerste „Inkonsequenz", die man sich nur denken kann, das ist ein Widerspruch in sich selbst. — Nun zu den „Ermahnnngen" der Missionsschrist. 1. Israel soll, wie die Brüder Josephs, den Erfolg anbeten. Wie der Verfasser diese Ermahnung mit den Forderungen der Ethik in Einklang bringen will, ist mir unerfindlich. Die Brüder Josephs beugten sich äußerlich vor dem erfolgreichen Bruder; das thut ja das Judentum sehr gern, indem es die Herrschaft der Staatskirche anerkennt. Dina dimalchutha dina, „das Gesetz des Staates ist Gesetz" — ist eine Lehre des Judentums. Aber seinen Glauben abschwören zu Gunsten des herrschenden Bekenntnisses — hätte das Christentum seinen Märtyrern auch solches angeraten? Die Brüder Josephs haben mit Anerkennung des Joseph keine religiöse Ueberzeugungen aufgegeben, aber solches verlangt der Verfasser der Brochüre von Israel: Verleugnung seiner religiösen Ueberzeugungen vor dem Erfolg! — 2. „Israel kämpfe auch den Jakobskampf bis zu seinem Ende durch" — das ist eine sehr beherzigenswerte Ermahnung, aber nicht im Sinne der Missionsschrift, sondern im Sinne des unverfälschten Bibelwortes. Die Stelle im Hosea hat der Verfasser nämlich, wie schon oben angedeutet, in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht Jakob weinte und flehte um Gnade, sondern der Engel, weshalb ja Jakob auch den Namen Israel, Gotteskämpfer, erhielt. Und der Engel, gegen den Jakob Sieger blieb, wer war der? Die talmudischen Weisen haben es uns verraten: „Das war der Genius des Esau!" Und der Genius des Esau, das ist die rohe Gewalt, das ist das Recht des Stärkeren, das ist das „Schwert", welches Esaus Lebenskraft bildet (1. Genes. 27,40) — diesen Engel zu besiegen, ist der Jakob, ist die Religion berufen, das Christentum ebensogut wie das Judentum. „Israel trete in die Fußstapsen des Glaubens seines Erzvaters Abraham" — auch sehr gut, aber ebenfalls nicht im Sinne der Missionsschrift. Was nämlich den Glauben des Erzvaters Abraham auszeichnet, das sind die Opfer, die er für seinen Glauben bringt. Den Glauben aufgeben, weil er Opfer kostet—wer eine solche Anbetung des Erfolges unserem Erzvater Abraham anempfohlen hätte, der hätte sich schön blamiert, Herr Pfr. K. in Dr. bet M.! — Hören wir doch wieder lieber unsere talmudischen Weisen zu der von der Brochüre citierten Stelle: „Abram glaubte dem Ewigen, und das rechnete er ihm als Verdienst an" (Genes. 16,6). Dazu bemerkt Raschi zur Stelle: „Die bald darauf in V. 8 ausgesprochene Frage Abrams: „Wodurch weiß ich, daß ich das Verheißene besitzen werde", ist nicht als eine Schwäche des Glaubens aufzusassen, sondern Abraham habe so gesprochen: Ich möchte wissen, durch welches Verdienst sich das Verheißene erfüllen wird? Da sprach zu ihm der Heilige, gelobt sei er: bizechusz hakkorbonausz, durch das Verdienst der Opfer! Ja, die Opfer sind es, durch die die providentiellen Verheißungen an Israel in Erfüllung gehen konnte: Israel hat für seinen Glauben stets jed es Opfer gebracht! WäreIsrael ein Anbeter des Erfolges gewesen, es wäre längst verschwunden vom Schauplatz der Geschichte. Aber Israel hat in Glaubenssachen sich nie um den „Erfolg" gekümmert, sondern nur um seine Ueberzeugungen und um seine Traditionen. Und so wird es Israel auch in Zukunst machen. Endlich ist der ,/Genius des Esau" doch ganz überwunden, die rohe Gewalt und die Gewissensfreiheit ist dann keine leere Phrase mehr, sondern ein inneres Herzensgut der Menschheit — wenn „der Wolf wohnt mit dem Lamm und der Parder mit dem Zicklein lagert, und Kalb und Löwe und Mastvieh friedlich zusammen weiden und ein kleiner Knabe sie führt": der jetzt noch „kleine Knabe" der wahren Menschenliebe. ... I. N)ochen-(Lhronik. Berlin, 28. Oktober. — Rabbiner Dr. Bamberger in Königsberg ist am Montag, 62 Jahre alt, aus dem Leben geschieden. Die Befürchtungen, die bei der jüngst erfolgten Einweihung der neuen Synagoge immer wieder ausgesprochen wurden und dem ganzen Feste einen fast wehmütigen Charakter ausprägten, sind nun wahr geworden, und trauernd stehen an der Bahre des Entschlafenen nicht blos seine nächsten Angehörigen, sondern alle, für die er in einer fast dreißigjährigen Amtsthätigkeit gewirkt: die Gemeinde in Königsberg, der Ostpreußische Gemeindeverband, die zahlreichen von dem Verstorbenen ins Leben gerufenen Vereine und gemeinnützigen Anstalten, kurz die ganze ostpreußische Judenheit, mit der, für die er gelebt; und nicht zuletzt der Rabbinerverband, dessen parlamentarisch geschulter Leiter er gewesen, und der Lehrerstand, für den er allezeit das wärmste Interesse gezeigt. Eine Zeichnung des Lebens und Wirkens dieses seltenen Mannes behalten wir uns für die nächste Nummer vor; heute wollen wir im Geiste einen Kranz aus den frischen Hügel legen und Rabbiner Dr. Bamberger, der unermüdlich thätig war, bis sein schaffender Arm schlaff herniedersank, in das Grab nachrufen: Ruhe in Frieden! — Die böse Statistik! Ter „Vorwärts" schreibt: Ein hiesiges Blatt will berechnet haben, daß die jüdischen Studenten im Verhältnis der Zahl wett weniger Verbrechen begehen, als die christlichen Studenten. Das Verhältnis sei 3 zu 7 bis 8. Ob diese Ziffern richtig sind, bleibe dahingestellt. Gewiß ist, daß im allgemeinen die Juden im Verhältnis der Zahl ein geringeres Kontingent der Verbrecher-Armee stellen als die „Christen". Das hat aber mit Rasse, Religion und Nationalität garnichts zu thun und entspringt der ebenso bekannten als natürlichen Thatsache, daß die besitzenden Klassen weniger Grund haben, gegen die im Interesse der besitzenden Klassen gemachten Gesetze zu verstoßen, als die nicht besitzenden Klaffen. Und da die Juden durch die Verfolgungen des Mittelalters, die ihnen die produktive Arbeit vcrschlosfen, zum Gelderwerb und zur Kapitalbildung gezwungen wurden, so

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