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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · p. Seite 730

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 730 (sequence 6)
Language
German
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Seite 730. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Hier, nachdem wir Herrn Baumeister Wohlgemuth erwidert, vermeinen wir eine Frage zu vernehmen, die man oft hören und ebenso oft widerlegen muß. Ist es möglich, fragt man, daß Männer in angesehener sozialer Stellung sich für Ehrenämter anwerben lassen, um den Idealismus zum Geschäft zw machen; ist es besonders möglich, daß man ihnen Geschästsidealismus öffentlich vorzuwersen wagen darf? Wir antworten wie immer: Wer gewisse „gemeinnützige Unternehmungen" in Berlin kennt, der unterscheidet zwischen dem Ehren- und dem Aktionskomitee. Jenem gehören immer unantastbare Ehrenmänner, diesem ebenso unantastbare Geschäftemacher an. Diese sind unantastbar, weil sie unfaßbar sind, weil sie sich stets im Hintergründe halten; während sie überall sind, sieht man sie nirgends, so oft es gilt, öffentlich aufzutreten. Gilt es zu klagen, so ist es ein X, gilt es zu protestieren, so ist es ein I, der mit seinem Namen hervortritt, die Z und A sieht man nicht, man fühlt sie blos. Hier ein Beleg. Unser vorwochiger Unterhosen-Artikel hat denen, die es angeht, nicht gefallen, besonders zuckten sie ob der Versicherung, daß der Zentralverein D. St. j. Gl. der einzige sei, der von uneigennützigen Männern geleitet werde, schmerzlich zusammen. Wir hatten ihre empfindlichste Saite berührt, den ewig der Füllung bedürftigen Geldbeutel. Mit bewundernswerter Virtuosität schoben sie andere Personen als Schild und Schirm vor, denen angeblich der Pfeil gegolten, die ihn darum abwehren sollten. Wie, hieß es, ist der Gründer des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, der hochherzige Abg. Rickert, oder der Urheber des Komitees zur Abwehr antisemitischer Angriffe, der hochgestimmte Paul Nathan Gesch ästsphilosemit? Nein doch, 999 mal: Nein! Aber diese Männer gehören dem Ehrenkomitee an, scheeren sich wenig um das, was die Männlein hinter ihnen, was das Aktionskomitee „im Interesse der guten Sache" thut. Die Nutzanwendung auf das Ehrenkomitee der „Palästina-Ausstellung" ergiebt sich leicht von selbst. Würden die Mitglieder dieses Komitees sich mehr um die von ihnen propagierte Ausstellung, um das, was drin und drum vorging, gekümmert haben, es würde ein öffentliches Aergernis vermieden worden sein: Die Redaktion der „Vossische Zeitung" wäre nicht genötigt, den Deckel ihres Waschkorbes auf- und zuzuklappen, wir wären nicht gezwungen, unfern Papierkorb zu revidieren, und die Propheten des Zionismus und deren freiwillige Förderer nicht gehalten, ihre Gesichts- und Gernchsorgane zu inkommodieren. A. L. Konversion. Es ist bezeichnend für die internationale lateinische Sprache, daß sie für die Herabsetzung des Zinsfußes, also Minderwertigkeitserklärung eines Staatsschuldscheines, denselben Ausdruck hat, wie für den Uebertritt zu einer anderen Religion. Das gilt für die Bekehrung eines Juden zum Christentum, wie vice versa. Die jüdische Journalistik hat sich aus naheliegenden Gründen mit diesem Thema wenig beschäftigt, aber mit Unrecht; denn auch die Kirche muß es uns danken, wenn wir die Truggründe der Uebertritte in das rechte Licht rücken. Wohl wissen ryir, daß nur eine kleine Zahl der Uebertritte bekannt werden. Denn in großen Städten, z. B. in Berlin, vollziehen sich die „Judentaufen" meist in geräuschloser Weise, und nur aus den Jahresberichten für die innere Mission wird die Gesamtzahl ersichtlich. Wir wollen nicht allen Konvertiten selbstsüchtige Motive unterschieben, obwohl diese in den meisten Fällen sehr durchsichtig sind. Daß auch die protestantische Geistlichkeit dies einsieht, geht ans dem Berichte dieses Blattes in Nr. 43 über die Brandenburgische Provinzialsynode hervor, wonach von 80 tausbedürftigen Juden 36 selig geworden. Das Judentum sucht weder Proselyten, noch erleichtert es den Uebertritt zu seinem Bekenntnisse. Unsere Rabbiner sind verpflichtet, die am Thore des Judentums Einlaß begehren aufmerksam zu machen, daß die Bürde des Judentums schwer zu tragen sei, und erst wenn der Proselyt trotz aller Abmahnung zum drittenmale um Aufnahme bitte, solle diese erfolgen. Es soll auch nicht in Abrede gestellt werden, daß in einzelnen Fällen der Uebertritt zum Christentum aus Ueberzeugung erfolgt ist; aber umgekehrt wurden auch die Maranen, deren Eltern, ja zum Teil Großeltern, schon in Spanien getauft waren,inHolland begeisterteJuden und ihreNachkommen sind es bis auf den heutigen Tag geblieben. Bezeichnend ist es ferner, daß die meisten Judenmissionare in Deutschland und England sich aus jüdischen Ueberläufern rekrutieren. Wir glauben kaum, daß die Kirche besondere Ursache hat aus einen Aron Briman, Elias Cohn, Paulus Meyer rc. stolz zu sein. Wir haben diese Elemente gerne hergegeben; denn welchen Schlages diese bekehrten Bekehrer sind, das möge ein Beispiel aus der neueren Zeit für viele zeigen. Da funktionierte vor circa IO Jahren ein jüdischer Kultusbeamter, der sich „Prediger H. Faust" (zuletzt in Waren in Mecklenburg) nannte. Dieser war für alle Gemeinden, in denen er wirkte, eine Geißel, da er den verkommensten Schnapstrinkern Konkurrenz machte. Nachdem er überall fortgejagt war, kam er nach Berlin, hausierte von Haus zu Haus und antichambrierte nebenbei bei den verschiedenen Ministerien, wo er mündlich und schriftlich Beschwerde führte, daß er, ein deutscher Mann, in einer jüdischen Gemeinde Deutschlands keine Stellung finden könne, weil die Russen und Ungarn alle jüdischen Gemeinden überschwemmten. Seiner Beschwerde wurde stattgegeben und da einige, ebenfalls bekannte Denunzianten, sich ihm brüderlich anschlossen, wurden etwa 50 nichtnaturalisierte jüdische Kultusbeamte ausgewiesen. Aber der erste, welcher diesem Schicksale unterlag, war — der „Prediger Faust!" Er war inderthat ein geborener Deutscher, aber sein Vater war nicht heimatsberechtigter Ausländer. Heute ist der Faust, — beiläufig bemerkt, ein auf allen Gebieten unwissendes Subjekt — in Chicago — Judenmissionar! Es sind mir noch etwa 6—8 Fälle bekannt, daß jüdische Kultusbeamte, die von ihren Vorstehern gepeinigt wurden — und das soll noch heute Vorkommen — sich aus Verzweiflung oder Rache taufen ließen, so in Saarlouis, Sandersleben, in einer Gemeinde Pommerns rc. Doch alle sind durch ihr hebräisches Wissen (merkwürdigerweise kann die Kenntnis der hebräischen Sprache und der Propheten bei der Missions» thätigkeit nicht entbehrt werden) der Kirche in gewissem Sinne

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