Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · p. Seite 729

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 729 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610492--1821-9610497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 44. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 729. Gerüchte und von der an mich ergangenen Aufforderung, das Gerücht hier zu registrieren, Mitteilung; ich ersuchte um Widerlegung desselben, die ja leicht zu bewerkstelligen sei durch Einsichtnahme in die Geschäftsbücher, in die Frachtbriefe und Zollscheine. Die Zionsmänner aus Rumänien erklärten sich hierzu bereit, und der Zeitungsschreiber aus Berlin versprach dem Gerüchte in seinem Blatte alsdann entgegen zu treten, um es so aus der Welt zu schaffen. Ort, Tag und Stunde der Zusammenkunft ward verabredet; am 15. August Nachniittag erscheint Referent in den Räumen der „Palästina- Ausstellung"; die Zionsmänner sind zur Stelle, der Zeitungsschreiber nicht minder, nur der Frachtbriesbewahrer ist nicht da; — er sei — plötzlich — krank — geworden. Des Hin- und Herzerrens müde, schickte ich am 17. August eine Rohrpostkarte nach Palästina bei Treptow des Inhalts, daß ich das Gerücht notieren würde, wofern mir nicht bis spätestens Donnerstag früh 9 Uhr die in Aussicht gestellte, leicht zu bewerkstelligende Widerlegung geliefert würde. Die Widerlegung kam nicht, statt dessen rumorte es am besagten Morgen unaufhörlich in meinem Telephon-Apparat, so daß ich ihn und mich aus dem Hause, meinetwegen in die „blühenden Kolonien Palästinas", wo, nicht wie ehedem, Milch und Honig, sondern Wein, nichts als Wein, Naturwein, ungegypster, herb und süß, stießen soll, wünschte, ich solle doch noch acht Tage warten, vor Ablauf einer Woche werde die Ehre Zions im Treptower Walde wicderhergestellt sein. Die Notiz erschien nicht . . . . Man gestatte das hier unmittelbar Folgende durch diese Punkte mitzuteilen; Ausführliches ist in meinem redaktionellen Waschkorb zu nicken. Es vergingen acht, es verstrichen vierzehn Tage. Der Kreis derer, die das Gerücht vernahmen und — glaubten, wuchs zusehends, denn der Urheber desselben ist, wie der Gewährsmann der „Vossischen" sagt und allerseits bestätigt wird, „ein in der jüdischen Gesellschaft bekannter, ob seines ehrenhaften Charakters allgemein geachteter Mann, der zugleich als Fachmann Einblick in die hier in Frage kommenden Verhältnisse hat." Nun mußte man an die Wiederherstellung der Ehre Zions denken und man dachte an diese Wiederherstellung. Nicht durch Widerlegung des Gerüchtes — beileibe nicht; das hieße ja, den „Verleumdern" zu viel „Ehre" anthun, — sondern durch ein vom Sedantage datiertes Schreiben, gezeichnet von einem Rechtsanwalt, veranlaßt von einem Herrn Bambus, der erklärt, geschästsführender Bevollmächtigter des Komitees für die Ausstellung der Produkte jüdischer Dörfer in Palästina zu sein und sich durch das Gerücht beleidigt zu fühlen, und der fordert, daß die Empfänger des Schreibens Abbitte thun sollten, sonst gehe er zum Kadi. In dem Schreiben wurde den Sündern u. a. erzählt: „Daß Ihre Angaben unwahre sind . . . würde Ihnen bei einer Anfrage und Erkundigung sofort als unzweiselhaft nachgewiesen werden. Daß Sie ohne jede derartige Nachfrage . . ." Dieses Schreiben erhielt nicht allein der Urheber jenes Gerüchts, sondern auch der Redakteur dieses Blattes, obwohl er die Notiz über die „Palästina-Ausstellung" nur hatte bringen wollen und trotzdem er erst eine halbe Nacht und dann einen halben Tag dieser Nachfrage geopfert hatte. Er antwortete darum dem Rechtsanwalt ku'rz und ablehnend; der Fachmann dagegen erklärte sich zu jeder Kundgebung, jedem Widerruf bereit, wenn man ihn werde überzeugt haben, daß seine Behauptung unrichtig sei. Er erhielt zehn Tage später Antwort — in Form einer Ladung vor den Schiedsmann zum 15. September; eine gleiche Vorladung wurde auch mir zugestellt. Beide „Beklagten" lehnten eine Auseinandersetzung mit dem Herrn Bambus kurzer Hand ab, und Herr Bambus konnte jetzt zum Kadi gehen. Aber er ging nickt zum Kadi, nicht er noch ein anderer, der auf seine Reputation mehr zu halten hat und an der „Palästina-Ausstellung" mehr beteiligt war, der Vordermann des Herrn Bambus: Dr. Hirsch Hildesheimer; denn am 28. Oktober, d. i. nach Verlaus von sechs Wochen, war den „Verleumdern" die Klage noch nicht zugestellt. Der in Frage kommende Fachmann hat dem letztgenannten Herrn seinen Verdacht in der denkbar schärfsten Form aussprechen lassen. — er strafte aber den „Verleumder" mit „Verachtung" und ging nicht zum Kadi. Dagegen ging er oder einer seiner Beauftragten zum Handelsrichter und meldete eine „Import-Gesellschaft Palästina" an, die vornehmlich den Verkauf der „Palästina-Weine" forcieren, Herrn Moses Hildesheimer zum Direktor ernennen und mit — wie ich höre — 8000 Mk. p. a. salairieren soll ... . Da sprang Dienstag Morgen in der Redaktion der „Voss. Ztg." der Deckel des Waschkorbes aus und die Propheten des Zionismus hielten sich die Augen und ihre freiwilligen Förderer die Nasen zu. Dienstag Abend klappte der Deckel wieder zu und veranlaßte mich, in der Nähe meines Schreibtisches Umschau zu halten, ein Stück aus unserm Papierkorb zu zeigen. Denn, um es ebenso kurz wie rund zu sagen, die Erklärung des Herrn Wohlgemuth ist nicht geeignet, das seit drei Monaten kursierende Gerücht zu zerstreuen. Abgesehen davon, daß sieüber die in der „Vossischen" angezogenen sachtechnischen Momente stillschweigend hinweggeht, bringt sie Einiges mit nicht genügender Deutlichkeit. Es wird von „einigen interessierten Personen" gesprochen, die „eine Unwahrheit in Berlin kolportierten", während Herr Wohlgemuth sehr genau weiß, daß es sich nur um eine „interessierte" Person handelt. Nicht ohne Geschicklichkeit wird der Zeitpunkt verschwiegen, wann gegen „die" Urheber der Ausstreuung die Klage erhoben worden sei. Vermutlich wird man sich erst gestern dazu entschlossen haben. Sie läßt die Redaktion der Vossischen bestätigen, daß ihr Frachtbrief und Fakturen über Weinsendungen aus Palästina Vorgelegen haben, während sie sich über die Zahl der Frachtbriefe und die Quantitäten, über die die Fakturen lauten, mit keinem Worte ausläßt. Und doch kommt es hierauf sehr viel an. Nach Mitteilungen, die aus den Reihen der Ausstellungsmacher kamen, müssen die „Palästinenser" in Treptow mindestens 100 Hektoliter Wein verkauft haben — zumeist Süßwein, den es in den paar verwahrlosten Kolonien überhaupt nicht, wenigstens aber in solcher Menge nickt giebt. lieber wieviel Hektoliter sind der Redaktion des gen. Bl. Belege gezeigt worden? Und wenn alles in bester Ordnung ist, weshalb ist erst am 27. Oktober geschehen, was am 17. August hätte gcthan werden müssen? U. A. w. g. * *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.