Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- Seite 728 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 728. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. talmudische Prinzip brn 1512 'V21 Wü „Alles leugnen sei der günstigste Standpunkt", hat ihnen bis jetzt auch nicht imponiert. Vielleicht werden wir besser auf sie einwirken, wenn sie infolge unseres ehrlichen Eingeständnisses fürderhin sich nicht mehr genötigt sehen werden, unsere Mängel zu erfinden; jedenfalls wird unsere heilige Religion den Vorteil haben, daß es bei uns besser wird; — schlechter sicherlich nicht. Dr. Singer-Koblenz. Aus dein Wirsch- und papierkorb. I. In einer wohlgeordneten Redaktion dürfen neben Pinsel und Scheere ein Wasch- und Papierkorb nicht fehlen; jene werden, wie männiglich bekannt, zum Schreiben gebraucht, diese sind, was nicht ganz unbekannt, Behälter für Mitteilungen und Zuschriften, die wegen ihres Inhaltes oder ihrer Form für die Ocffentlichkeit zu schlecht sind. Sollen die Räume der Redaktionen vor Ueberstutung bewahrt bleiben, so müssen die Körbe oft geleert werden. Das ist eine wenig angenehme, aber nicht ganz uninteressante Beschäftigung, denn könnten redaktionelle Wasch- und Papicrkörbe reden, — sie würden auf manche schwierige Frage treffende Antwort geben, selbst aus die aller unlösbarste: Ob das Judentum im Niedergange sei . . . In der Redaktion der „Vossischen Zeitung" ist gestern Morgen der Deckel des Waschkorbes ein wenig gelüftet worden und die Propheten des Zionismus hielten sich die Augen und ihre freiwilligen Förderer die Nasen zu. Das Stücklein, das dem Korbe entflogen ist, war mit folgenden Zeilen bedruckt: „Eine interessante Streitfrage, die bald wohl auch weitere Kreise beschäftigen dürfte, spielt sich seit einiger Zeit unter den hiesigen „Zionisten" ab. Bekanntlich hat ein Komitee in der Ausstellung „Kairo" die Produkte einiger jüdischer Dörfer in Palästina ausgestellt, darunter auch weiße und rote, hauptsächlich süße Weine. In diesen insbesondere wurde ein ziemlich lebhaftes Geschäft abgewickelt und namhafte Mengen davon abgesetzt. Ein in der jüdischen Gesellschaft bekannter und ob seines ehrenhaften Charakters allgemein geachteter Mann, der zugleich als Fachmann Einblick in die hier in Frage kommenden Verhältnisse hat, warf die Frage auf, ob die in der Ausstellung verkauften Weine auch thatsächlich Palästinaweine seien. Er begründete die Frage einmal mit dem Hinweis darauf, daß es geradezu unmöglich sein würde, aus palästinischen Dörfern eine Ausstellung mit abgelagerten Weinen zu beschicken, weiter damit, daß es in Palästina überhaupt keine süßen Naturweine gäbe, und endlich mit der von ihm als Kenner vorgenommenen Kostprobe, die ihm die verkauften Weine als Ungar- Weine kenntlich machten. Da dieser Mann aus seinem Verdachte kein Hehl machte, ihn vielmehr direkt in schärfster Form aussprach, erhielt er am 2. September von einem hiesigen Rechtsanwalt die Androhung der Verleumdungsklage, worin behauptet wurde, daß die Echtheit der Weine bei einer Nachfrage und Erkundigung als unzweifelhaft nachgewiesen worden wäre. Auf diese Androhung antwortete der mit der Klage Bedrohte, daß er sehr gern bereit sei, seine Aeußerung zu widerrufen, wenn ihm der Nachweis der Echtheit der Weine geführt würde, was ja sehr leicht durch die Vorzeigung der Frachtbriefe bewerkstelligt werden könnte. Seit dieser Zeit sind mehr als sechs Wochen verstrichen; weder ist in diesem Zwischenraum eine Klage überreicht worden, noch auch hat sich das Komitee, dem ein auch in der Allgemeinheit ziemlich be-. kannter Mann vorsteht, zu irgend einer Beweisführung veranlaßt gefunden. Dagegen ist jetzt die Bildung einer „Aktiengesellschaft zum Verkauf der Produkte palästinischer Dörfer" — vornehmlich dortiger Weine — im Zuge und auch bereits in einem Mainzer Blatte angekündigt worden, als deren Direktor ein nächster Anverwandter des betreffenden Vorstandsmitgliedes bezeichnet wird. Diese Neugründung giebt wohl auch der Oeffentlichkeit ein Recht, nach der Herkunft der Produkte zu fragen, und dieser Umstand bestimmt uns, den Mitteilungen unseres durchaus verläßlichen Gewährsmannes Raum zu geben." — In der Redaktion der „Voss. Ztg." wurde gestern Abend der Deckel des Waschkorbes wieder zugeklappt, und die Propheten des Zionismus sperrten die Augen auf und ihre freiwilligen Förderer nahmen die Finger von der Nase weg. Das Stücklein, das den Deckel des Korbes schloß, war ebenfalls bedruckt; es enthielt die Mitteilung des Vorsitzenden der Gesellschaft, die Erzeugnisse jüdischer Dörfer Palästinas ausgestellt hat, des Baumeisters Wohlgemutst; er erkläre im Aufträge des Komitees die Behauptung, daß jene Weine nicht von jüdischen Ackerbauern in Palästina stammen, für eine Unwahrheit. „Diese Unwahrheit wird seit einiger Zeit, wie uns wohlbekannt,von einigen interessierten Personen in Berlin kolportiert. Gegen die Urheber der Ausstreuung ist die Klage erhoben, nachdem sie vor dem Schiedsrichter nicht erschienen. Mit den zionistischen Bestrebungen hat diese Ausstellung überhaupt nichts zu thun; ihr einziger Zweck war, zu erproben, ob für die jüdischen Ackerbaukolonien Palästinas sich ein Absatzgebiet in Deutschland schaffen lasse." Die Redaktion der „Vossischen" fügt noch hinzu: „Zur Bestätigung vorstehender Angabe sind uns Fakturen und Frachtbriefe der Weinsendungen aus Palästina vorgelegt worden." Unsere Zionisten und deren Förderer würden besser ihre Gesichts- und Geruchsorgane nicht zum zweiten Male inkommodiert haben, denn ebensowenig wie die anrüchige Affaire erst durch das Eingreifen eines anonymen Gewährmanns der „Vossischen" ein öffentliches Geheimnis geworden, ist sie durch das Dementi eines an sich unantastbaren Komiteemitgliedes in dem nämlichen Blatte aus der Welt zu schaffen. Was der Gewährsmann der Voss. Ztg. mitgeteilt, ist in weiten Kreisen unserer Stadt seit Anfang August, d. i. seit drei Monaten, leidiger Gesprächs- und Unterhaltungsstoff. Am 17. August gab Schreiber dieses folgende Zeilen in Satz: „In einigen Kreisen der hiesigen Gemeinde herrscht seit etwa zehn Tagen eine begreifliche Aufregung ob eines Gerüchtes, das irgendwie entstanden und von den Beteiligten nicht widerlegt worden ist. Auf der hiesigen Gewerbe - Ausstellung sind bekanntlich auch die jüdischen Kolonien in Palästina vertreten, und zwar vornehmlich mit dem in diesen Kolonien produzierten Wein Die Ausstellungsgruppe erfreut sich großen Zuspruchs, und die Weine werden in beträchtlicher Menge, in Flaschen und Gläsern, gekauft. Ein Gerücht will nun wissen, daß ein Teil des Weines nicht im gelobten Lande der Bibel, sondern im gepriesenen der Neuzeit, in Ungarn, gepreßt und gekeltert, so daß das Publikum, welches durch Abnahme des Getränkes die jüdischen Kolonisten unterstützen wollte, oder durch die Güte der Weine auf den Wert der Kolonien schließen sollte, getäuscht worden sei. Von vielen Seiten gedrängt, diesem Gerüchte näher zu treten, haben wir loyal vor mehreren Tagen die geschäftlichen Leiter der Ausstellungsgruppe benachrichtigt und um Widerlegung des Gerüchtes ersucht. Diese ist bis heute in konkreter Form nicht erfolgt; und so bringen wir denn die Notiz ohne Glosse, aber auch ohne Gewähr, damit die Angelegenheit aufgeklärt werde." Man gestatte, diese summarische Erklärung durch einzelne Daten zu ergänzen, da der Ernst der Sache völlige Klarheit heischt: Am 12. August machte ich den geschäftlichen Leitern der „Palästina-Ausstellung": — einem Herrn Schoub, thatsächlich oder angeblich Generalbevollmächtigter des Baron Rothschild in Paris, und einem Dr. Holtzmann, der unausgesetzt in den Räumen der Spezialausstellung zu finden war, wie seine Brüder in Zion einen roten Turban trug, wie seine Kollegen im Zionismus an der Kaffe der Gesellschaft schaltete — diesen beiden Männern machte ich von dem mehrfach bezeichneten